Noah Kimmich bei der Arbeit. Foto: Markus Dietze

Bei Uhren aus dem Schwarzwald ist das Kopfkino besetzt: Auch bei Hanhart im beschaulichen Gütenbach kommt Mechanik zum Einsatz. Doch die lässt weder einen Kuckuck rufen, noch öffnet sie sein Türchen.

Gütenbach - Noah Kimmich klemmt sich die schwarz umrandete Lupe vor das linke Auge, greift mit der rechten Hand eine Pinzette. In der linken Hand hält er einen unfertigen Uhrenkopf – also eine Armbanduhr ohne Armband. Mit der Pinzette setzt der gelernte Uhrmacher eine winzige Schraube an die Stelle, an der sie eingedreht werden muss. Nach ein paar Umdrehungen mit dem Schraubendreher sitzt sie fest. Noah Kimmich dreht das Uhrengehäuse langsam in den Händen, betrachtet es eingehend. Dann nimmt er ein weiches Tuch, um eventuelle Spuren seiner Arbeit wegzuwischen, die er allein mit der Lupe sehen kann. Dann legt er sie vorsichtig in eine Lade zu anderen Uhrenköpfen der gleichen Serie.

 

Von Gütenbach in die Welt

Willkommen in der Welt der Präzisionsmessgeräte von Hanhart im kleinen Gütenbach. Hier werden seit Mitte der 1930er-Jahre hochwertige Uhren gefertigt. Ein Teil des altehrwürdigen Industriegebäudes hat sich diesen Charme behalten. Die Räumlichkeiten im Anbau jedoch, in denen Noah Kimmich und seine Uhrmacher-Kollegen in Handarbeit Armbanduhren fertigen, strahlt in hellem Weiß. Direkt daneben: das Museum mit Preziosen aus mehr als 100 Jahren Firmengeschichte.

Sportlicher Startschuss

Die Anfänge von Hanhart liegen in der Schweiz. Im Juli 1882 übernimmt der Uhrmacher Johann Adolf Hanhart ein Schmuckgeschäft in Diessenhofen. 20 Jahre später – das Uhrengeschäft ist gewachsen – zieht es ihn und sein mittlerweile gewachsenes Unternehmen nach Schwenningen. Die württembergische Stadt war damals ein Mekka der Uhrenindustrie. Davon profitiert auch Hanhart. Wilhelm Julius, genannt Willy, der jüngste Sohn des Gründers, ärgert sich 1923 bei einem Leichtathletik-Wettkampf maßlos darüber, dass nicht genügend Stoppuhren zur Verfügung stehen. Die sind damals teuer und dementsprechend selten, weil es fast ausschließlich Einzelstücke sind. Zusammen mit einem Uhrmacher entwirft und konstruiert Willy Hanhart 1924 die erste mechanische Stoppuhr, die in Serie produziert werden kann. Damit drückt er gleichzeitig den Startknopf für eine neue Zeitrechnung in Gütenbach. 1934 wird dort ein Standort aufgebaut, der bald zur Firmenzentrale werden soll.

Batterien? Fehlanzeige!

Armband- und Taschenuhren erweitern das Sortiment in den kommenden Jahren. Der Erfolg von Hanhart liegt in der Verlässlichkeit. Ganggenauigkeit, Robustheit und eine lange Gangreserve sind Kennzeichen der Uhren aus Gütenbach. Batterien oder Elektronik sucht man vergebens.

Es gibt zwei Möglichkeiten, eine Hanhart-Uhr zum Laufen zu bringen: durch Aufziehen oder – bei einer Automatik-Uhr – durch die alltäglichen Bewegungen. "Das war schon 1926 bei den ersten Armbanduhren so, und es ist heute nicht anders", sagt Andreas Panitz. Der Produktionsleiter spricht daher auch gern einmal von "mechanischen Präzisions-Zeitmessgeräten" statt nur von Uhren beim Rundgang durch die Produktion.

Im Härtetest

Dort bereitet Johannes Petruschke gerade fertige Uhrenköpfe der Hanhart 417 ES auf den ersten von vielen Tests vor. Die Uhr feiert in diesem Jahr Premiere und erinnert stilistisch an die ersten Flieger-Chronographen der Bundeswehr vor mehr als 60 Jahren. Johannes Petruschke hat die Uhrenköpfe in ihrer Lade gesichert und im sogenannten Umlaufgerät oder Uhrenbeweger befestigt. Dort werden sie auf ihre Ganggenauigkeit untersucht. Die Maschine dreht die Uhrenköpfe auf mehreren Achsen mehr als 24 Stunden um sich selbst und ahmt damit Bewegungen der Uhr am Handgelenk nach.

Acht Sekunden ist das Limit

Da solche Aktivitäten Auswirkungen auf die Funktion des Uhrwerks und der Mechanik haben, muss gesichert sein, dass die Ganggenauigkeit den Qualitätsanforderungen von Hanhart entspricht. Wie die aussieht, beschreibt Produktionsleiter Andreas Panitz: "In 24 Stunden darf die angezeigte Zeit höchstens um acht Sekunden von der tatsächlichen Uhrzeit abweichen – und nur nach vorn." Wird das nicht eingehalten oder ist der Sekundenzeiger nur eine Einheit zu spät, kommt der Uhrenkopf nicht in die Weiterverarbeitung, sondern landet wieder auf einem der Arbeitstische von Johannes Petruschke, Noah Kimmich und ihren Kollegen.

Uhr ohne Ablaufdatum

Keine Batterie, keine Elektronik: Mechanische Uhren wie die von Hanhart sind von Natur aus nachhaltig. Zumal sie aufgrund ihrer Herstellung eine sehr lange Lebensdauer besitzen. Eine Garantie vermag Andreas Panitz nicht zu geben, aber richtig gepflegt und behandelt, gibt es kein fixes Ablaufdatum. "Man sollte die Uhr allerdings regelmäßig zur Revision bringen, weil es wie bei allen mechanischen Verbindungen zu Verschleiß oder Verschleißerscheinungen kommen kann." Im Regelfall und bei normaler Beanspruchung ist ein Turnus von sechs Jahren vorgesehen. Rallye-Fahrer Stephan Schott, der mit seinem Mini und einer Primus Desert Pilot am Handgelenk durch Wüsten rast, muss höchstens das Armband etwas häufiger wechseln.

Muscheln? Salzwasser? Kein Problem!

Dennoch: Wie langlebig eine Hanhart-Uhr ist, lässt ein Objekt im Museum erahnen. An einer Wand hängt hinter Glas eine mit Muscheln bewachsene Stoppuhr, die von Tauchern vor der Küste der USA im Wasser gefunden haben. Ein Begleitbrief des Finders beschreibt dessen Überraschung, dass die Uhr, obwohl sie mindestens ein Jahr im Salzwasser gelegen haben muss, ohne Probleme funktioniert hat.

Mit Ölstein & Lötdraht

Wenn der Arbeitsplatzbereich von Johannes Petruschke und Noah Kimmich eher an ein Labor erinnert, wird es bei Ralf Pfaff deutlich rustikaler. Der Werkzeugmechaniker ist der Herr über den Maschinenpark, mit dem die meisten Bauteile für die Produktion hergestellt werden. Bei einer Fertigungstiefe von 90 Prozent bei den Stoppuhren kommt so eine ganze Menge zusammen.

Auf den Regalen im hellen Maschinenraum lagern die Ausgangsmaterialien: Bandstahlrollen in den unterschiedlichsten Stärken und Größen ebenso wie Messing- und Bronzebänder und Federn. Ein Wandschrank aus den 1950er-Jahren fasst unzählige Schubladen. Jede ist fein säuberlich in alter Druckschrift bezeichnet. Schmirgelfeilen, Ölstein und Ölsteinpulver, Lötdraht, Bohrnadeln und Keilriemen in verschiedenen Ausführungen sowie Handdrehstäbe. Auch Werkzeugformen finden sich in unzähligen Ausführungen, um Ersatzteile vergangener Modelle bei Bedarf wiederherstellen oder alte Serien bei Bedarf aufleben lassen zu können.

Stanzen – drehen – fräsen

Der Maschinenpark umfasst Stanz-, Dreh- und Fräsmaschinen – von modern bis verlässlich. Eine computergesteuerte CNC-Fräse kommt bei Hanhart ebenso zum Einsatz wie eine massive Stanzmaschine, die in den 1960er-Jahren installiert wurde. Und mittendrin steht Ralf Pfaff. Seit 14 Jahren kümmert er sich um die Herstellung von millimeterkleinen Zahnrädern, stanzt Zeiger und Ziffernblattrahmen sowie die sogenannten Herzen. Das ist ein winziges Bauteil für die Nullstellung von Zeigern bei Chronographen und Stoppuhren. Ralf Pfaff ist bereits die dritte Generation: Sowohl sein Vater Hermann als auch Großvater Linus waren bei Hanhart an den Maschinen aktiv.

Ein besonderer Messer der Zeit

Die Formulierung "Präzisions-Zeitmessgerät" kommt nicht von ungefähr. Sie rührt von Zeiten, als es noch keine Smartphones, satellitengesteuerte Navigation oder das Internet gab. Piloten, Taucher und Fahrer brauchten damals verlässliche Zeitmesser, um sich zu orientieren oder Flug- und Tauchzeiten einzuhalten. Die hat Hanhart damals geliefert. "Das ist auch heute noch unser Anspruch", sagt Andreas Panitz. Unabhängig davon, ob es um eine Stoppuhr oder einen Chronographen geht. Zumal es immer noch Bereiche gibt, in denen elektrische Uhren nichts verloren haben, weil ihnen etwas fehlt. "Mit Elektrizität ist in manchen Umgebungen auch immer die Gefahr eines Funkens oder eines elektrischen Impulses gegeben", erklärt der Produktionsleiter. Und genau dieses Fehlen macht mechanische Uhren aus dem Schwarzwald so besonders.

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