Souverän hat die Bergwacht ihre Berge-Übung an der Belchen-Seilbahn in Aitern absolviert. Für 40 Statisten war das Abseilen ein besonderes Erlebnis.
Der Übungsannahme zufolge bleibt die Belchenbahn um 10.50 Uhr außerplanmäßig stehen. „Huch“ und „Puh“ lauten die etwas erschrockenen Reaktionen aus einer schwankenden Gondel, obwohl jeder weiß, worum es geht.
Simuliert wird ein technisches Problem. Die Statisten, darunter auch viele Frauen und Kinder stammen aus dem Oberen Wiesental und machen gern bei der Übung mit. Einer von ihnen ist Hubert Schäuble, Mitgesellschafter der Bahn, der sofort sagt: „In den 24 Jahren ihres Bestehens ist mit der Belchenbahn noch nie etwas passiert.“ Wenn der Strom ausfallen sollte, könnte die Bahn noch immer im Dieselbetrieb sicher wieder zur Talstation zurück gebracht werden. Von anderen Seilbahnen ist freilich bekannt, dass es spektakuläre Evakuierungen gegeben hat.
„Die kommen gleich“, beruhigt Schäuble als alter Hase die Mitfahrer und meint die Berge-Teams der Bergwacht. Der zehnjährige Felix blickt nach unten und fragt zweifelnd: „Wie kommen die denn?“ Mit Pistenraupen und Schneebobs, heißt es. Die Kabine schwankt noch immer leicht und der neunjährigen Mira ist übel.
Hubert Schäuble hat an alles gedacht. Sogar einen Spuckbeutel hat er dabei, den er dem blass gewordenen Mädchen reicht. Die Minuten verrinnen und werden zur gefühlten Ewigkeit. Nichts passiert. Draußen herrscht Nebel mit einer Sicht, die gerade mal bis zur nächsten Seilbahn-Stütze reicht.
Die Insassen beginnen zu plaudern und vertreiben sich die Zeit. „Mein Mann hat es nicht so mit der Höhe und läuft lieber zu Fuß zum Gipfel“, erzählt Alexandra Reichle. Langsam wird die Gruppe auf engstem Raum zur Schicksalsgemeinschaft. Schäuble greift wieder in seinen Rucksack und holt Kirschwasser heraus. Jasmin aus Schönau sagt nicht Nein.
Die Gondel steht und nichts passiert
Die Gondel steht und nichts passiert. Da werden die Schauergeschichten erzählt, die man von Gondeln gehört hat. Zum Beispiel, dass die Insassen der Tegelbergbahn bei Schloss Neuschwanstein angeblich 48 Stunden auf ihre Rettung warten mussten, weil es so stürmisch war. Dann könne auch kein Helikopter fliegen.
„Wann kommen die denn?“ wollen die Kinder wissen und werden langsam unruhig. „Gleich“, antwortet Schäuble, aber das hat er auch schon 30 Minuten zuvor gesagt. 48 Stunden zwischen Himmel und Erde mag sich keine der beiden Frauen vorstellen. Wie versorgt man sich in dieser Zeit? Noch schlimmer: Wie entsorgt man sich? Jasmin will nicht auf das Handy verzichten und hat deshalb für längere Notfälle immer eine Powerbank dabei.
An der Pilatus-Bahn ging es 150 Meter in die Tiefe
Der Vater der Kinder hat von einem Freund gehört, wie dieser an der Pilatus-Bahn in der Schweiz bei einer Störung 150 Meter in die Tiefe abgelassen wurde. Das ist gewiss nicht jedermanns Sache. Die maximale Höhe der Belchenbahn sind 28 Meter über dem Grund.
Schäuble hat noch ein paar Fakten von der Belchenbahn parat: Sie befördert zwischen 100 000 und 140 000 Fahrgäste im Jahr. Maximal können 1200 Passagiere pro Stunde transportiert werden. Im Winter befördert die Seilbahn wegen der Skifahrer mehr Personen und fährt auch schneller, aber im Sommer fährt sie rentabler. Bei der Revision, die nun ansteht, wird auch das 44 Millimeter starke Tragseil geröntgt.
„Ich höre was“, meldet Felix, dass sich endlich etwas tut. Schemenhaft im Nebel sieht man zwei Gestalten, die auf den Masten oberhalb der Gondel steigen. Später rollen sie langsam als menschliche Seilbahnen am Tragseil hängend auf die Gondeln zu. Einer auf dem bergwärts führenden Seil, einer auf der Talseite. Sie steigen aufs Dach, entriegeln dort die Tür und seilen sich vom Bügel der Gondel ab ins Kabinen-Innere.
Als es „hallo“ heißt, wirkt es fast wie eine Erlösung. Bergretter Floris Duin aus Todtnauberg wird sofort von Hubert Schäuble erkannt. Der Bergwacht-Retter zeigt allen, wie die Sitzgurte angelegt werden und nimmt den mutigen Felix als ersten ins Seil. Seinem Kollegen am Boden ruft er zu „auf Zug!“ Schon strafft sich das Kletterseil. „Und ab!“ Nun verschwindet Felix in die Tiefe. Seine Schwester folgt und hat bald wieder mehr Farbe im Gesicht.
Einsatzleiter mit dem Ablauf der Übung zufrieden
Einsatzleiter Lars Lorenz kann mit dem Ablauf der Übung zufrieden sein. Sechs Berge-Teams aus Schönau, Wieden, Münstertal, Sulzburg und Notschrei hat er am Start. „Es ist rundum gut gelaufen“, sagt er noch vor Ort. Zwei verschiedene Sicherungssysteme für die Retter am Drahtseil wurden getestet.
Es überrascht den Profi nicht, dass das neue „Selbstfahr“-System besser ist, als wenn ein zweiter Helfer auf dem Masten umständlich noch ein Sicherungsseil halten muss. Mit dem Pistenbully geht es schließlich hinauf zum Belchenhaus, wo auf jeden Statisten ein Wurstbrötchen wartet.
Ab Montag, 1. Dezember, beginnt die Herbstrevision der Belchenbahn. Sie bleibt daher bis 12. Dezember ganztägig geschlossen. Das Belchenhaus ist ebenfalls geschlossen. Ab dem 13. Dezember ist die Bahn dann wieder zu den regulären Öffnungszeiten von 9 bis 16.30 Uhr in Betrieb.