Das ist geplant: Acht Maßnahmen wie Bau von Mauern, Wällen, Regenrückhaltebecken und eines Drosselkanals schlägt das Ingenieurbüro für das Wohngebiet Albblick in Trossingen vor, nächstes Jahr werden Nummer eins, zwei und drei umgesetzt, im Jahr darauf Nummer acht. Foto: Stadt Trossingen

Gegen ein 100-jährliches Hochwasser sollte das Wohngebiet Albblick geschützt werden. Entsprechende Pläne hatte ein Ingenieurbüro im vergangenen Jahr vorgelegt. Doch dann überholte die Realität das Planszenario.

Bei einem heftigen Gewitter mit Starkregen am 2. Juni 2024 strömten die Wassermassen von den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen in das Wohngebiet am nördlichen Rand der Stadt sowie an der Aixheimer Straße, überschwemmten Straßen, Wege, Hofeinfahrten und liefen in mehrere Keller. Die Kanalisation konnte die Wassermassen einfach nicht mehr schlucken. Bilanz des Unwetters: Die Feuerwehr rückte nach der Alarmierung um 16.33 Uhr zu mehr als 50 Einsätzen aus, das THW unterstützte ebenfalls.

 

Haus ist unbewohnbar

Eine von den Überschwemmungen betroffene Familie kann bis heute noch nicht in ihr Haus zurück ziehen, weil es noch immer nicht ausgetrocknet ist, wie Bürgermeisterin Susanne Irion im Gemeinderat berichtete. Wie Immo Gerber vom Ingenieurbüro ITR Rieber in Neuhausen ob Eck feststellte, handelte es sich bei dem Unwetter am 2. Juni um ein 170-jährliches Niederschlagsereignis – also Regenfälle, die sich in dieser Dimension nach der statistischen Wahrscheinlichkeit alle 170 Jahre wiederholen. „Das war schon beachtlich“, so der Ingenieur.

Die Gewitterwolken kamen damals aus nordöstlich-südwestlicher Richtung, was nicht üblich ist, sie schütteten 44 bis 50 Liter Regen pro Quadratmeter über Trossingen aus. Gerber zeigte den Stadträten die im August 2023 von seinem Büro erstellte Prognose, die sich damit bestätigt habe. Hinzu kam bei dem Unwetter am ersten Sonntag im Juni, dass der Graben, der das Niederschlagswasser aufnehmen soll, durch vorherige Regenfälle verschlammt war. Das Ingenieurbüro ITG Rieber war nach dem Unwetter im Juni von der Stadt beauftragt worden, ein Schutzkonzept für das Wohngebiet Albblick, in dem seit dem Jahr 2004 gebaut wird, zu erstellen.

Nach einem Starkregen am 2. Juni stieg der Trosselbach um das Zehnfache an, Niederschlagswasser aus benachbarten landwirtschaftlichen Flächen flutete das Wohngebiet Albblick Foto: Feuerwehr Trossingen

Ingenieur Immo Gerber legte dem Gemeinderat mehrere Tiefbaumaßnahmen vor, mit denen an verschiedenen Stellen das Regenwasser künftig schneller abgeleitet oder gar blockiert werden kann. Wenn die Stadt alle vorgeschlagenen Maßnahmen wie zum Beispiel weitere Regenrückhaltebecken, einen Drosselkanal, Erdwälle und Wasserleitstrukturen aus Steinen umsetzt, müssten für diese Tiefbauarbeiten 730 000 Euro ausgegeben werden, also rund eine dreiviertel Million, wobei weitere Kosten auf die Stadt zukommen könnten, etwa wenn die Abwasserkanäle, in die der Drosselkanal eingeführt wird, zu eng sind. Zudem sind die Kosten ohne Grunderwerb gerechnet.

Regenrückhaltebecken

Eines der neuen Regenrückhaltebecken ist 27 Meter lang und gerade mal 90 Zentimeter tief, ein weiteres ist 47 Meter lang und 30 Meter breit sowie 1,15 Meter tief. Ein bereits bestehendes Regenrückhaltebecken muss mit einem Erdwall versehen werden. Ein Vorschlag, der noch mit den Bewohnern am Rande des Wohngebietes abgesprochen werden muss, ist eine kleine Mauer am Rand des Grabens zum Feld. Idealerweise sollte man diese Mauer unterhalb des Grabens errichten, zu den Privatgrundstücken hin, sie müsste dann von den Grundstückseigentümern freiwillig geduldet werden. Diese Schutzmaßnahmen, warnte Ingenieur Immo Gerber, können nicht alles zurückhalten, es werde aber „wesentlich weniger Wasser“ auf die Straße fließen.

Die Folgen des Gewitters seien erschütternd, meinte Bürgermeisterin Susanne Irion, zumal das Wohngebiet noch relativ jung sei. Deshalb fragte sie den Diplomingenieur auch, ob der Bebauungsplan Albblick mit seinen damals geplanten Hochwasserschutzmaßnahmen eine Fehlplanung gewesen sei. Nein, so die klare Antwort des Ingenieurs, denn die Planer hätten lediglich dafür gesorgt, das innerhalb des Wohngebietes auftreffende Niederschlagswasser zu entsorgen. Die Wassermassen am 2. Juni seien aber von außerhalb gekommen. Allerdings sind seit einem Bundesgerichtshofurteil von 1999 Kommunen verpflichtet, bei Planungen der Entwässerungsmaßnahmen von Baugebieten verpflichtet, auch das Regenwasser aus angrenzendem Gelände zu berücksichtigen. Wie Ingo Gerber sagte, werde dieses Urteil nach und nach in den Ingenieurbüros umgesetzt. „Seit 2015 oder 2016 sollten es die Planer aber auf dem Schirm haben“, so der Experte, der die Stadt Trossingen beim Starkregenrisikomanagement berät.

Was ist mit den Gräben?

Auch Stadtrat Dr. Andreas Anton (FDP) wollte wissen, warum die Entwässerung innerhalb des Baugebietes nicht funktioniert habe. „Die Gräben haben keine echte Hochwasserschutzfunktion, sie sollen lediglich innerhalb des Wohngebietes das Wasser, das von den Dächern kommt, aufnehmen“, so Ingenieur Gerber. Stadtrat Jürgen Vosseler (CDU) berichtete, er sei damals „nicht so überrascht“ gewesen, dass die Regenfälle das Wohngebiet Albblick überschwemmt haben, denn dieser Bereich sei „schon immer von Hochwasser betroffen gewesen, das kam nicht aus heiterem Himmel“. Dort seien überall gepflasterte Höfe anzutreffen und geschotterte Gärten. Vosseler appellierte an die Hauseigentümer, weniger Flächen zu versiegeln und verantwortlich mit dem Grund umzugehen. Simon Kapp (CDU) schlug vor, anstatt eines Erdwalls in Richtung Feld einfach den Weg um einen Meter zu erhöhen. Planer Immo Gerber hielt dies für einen guten Vorschlag, dies könne in der Detailplanung aufgenommen werden. Klaus Butschle (CDU) fragte, ob die Bewirtschaftung der an das Wohngebiet grenzenden landwirtschaftlichen Flächen mit ursächlich für die Überschwemmung sei. „Es wäre nicht o. k., wenn wir das den Landwirten in die Schuhe schieben würden“, antwortete Planer Immo Gerber.

Zehn Jahre bis Albblick II

Robert Benzing (FW) sah es als sinnvoller an, das Regenwasser auf landwirtschaftliche Flächen abzuleiten – „da wäre ein Drittel des Wassers weg“, zumal dort später das Baugebiet Albblick II angelegt werden solle. Planer Immo Gerber machte deutlich, dass man nicht heute die Entwässerungsanlagen für das geplante Neubaugebiet errichten könne und später dann erst die Straßen und Wege.

Laut Bürgermeisterin Susanne Irion dauert es noch acht bis zehn Jahre, bis im Albblick II gebaut werden kann. Sie schlug dem Gemeinderat vor, den Hochwasserschutz im Wohngebiet Albblick sukzessive auszubauen. Im Jahr 2025 sollen drei Maßnahmen im westlichen Teil des Gebietes mit einem Aufwand von 185 000 Euro ausgeführt werden, im Jahr 2026 dann eine weitere Maßnahme an der östlichen Seite.

„Dort waren auch die schwersten Schäden. Ich bin der Meinung, dass wir bei den Eigentümern im Wort sind, zumal sie vor drei Jahren schon einmal von Hochwasser betroffen waren“, so die Bürgermeisterin. Der Gemeinderat billigte diese Vorgehensweise ohne Gegenstimmen.