Realschule Ditzingen steht unter Wasser - nicht alle Schüler sind deswegen traurig Foto: Eyb

Das Unwetter hat am Sonntag im Strohgäu alle Hochwasser-Szenarien über den Haufen geworfen.

Stuttgart - Schulen und Rathäuser ohne Strom und Telefon, buchstäblich abgesoffene EDV-Anlagen und massive Wasserschäden in Stadthallen, Klärwerken und Tiefgaragen. Ein zweistündiger Regenguss hat am Sonntag im Strohgäu alle Hochwasser-Szenarien über den Haufen geworfen. Der Schaden geht in die Millionen.

Für die Realschüler in der Ditzinger Glemsaue beginnen die Sommerferien in diesem Jahr vermutlich ein paar Wochen früher: "Ich kann mit nicht vorstellen, dass in dem Gebäude in nächster Zeit regulärer Unterricht möglich ist", gibt Ditzingens OB Michael Makurath zu. Seit dem heftigen Gewitter am Sonntag hat die Schule weder Strom noch Telefon, mit dem Untergeschoss ist die komplette Haustechnik überschwemmt worden. Am Montag nahmen die Lehrer zwar noch die mündliche Abschlussprüfungen ab. Unterricht aber wird es erst geben, wenn die Bildungseinrichtung wieder restlos trockengelegt ist.

"Eine solche Katastrophe ist noch nie dagewesen"

In der benachbarten Sporthalle sieht es nicht besser aus. Obwohl die Pumpen von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk seit dem Unwetter pausenlos laufen, gleicht die Heimstätte der Ditzinger Handballer noch immer einem Schwimmbad. Die Tore und Zuschauertribünen stehen komplett unter Wasser, bis zur obersten Stufe der Sprossenwand reicht die schmutzig braune Flut.

Wie groß der Schaden in der Glemsaue ist, traut sich Rathauschef Makurath gar nicht zu schätzen: "Eine solche Katastrophe ist noch nie dagewesen, an derartige Wassermassen kann sich kein Ditzinger erinnern". Betroffen von der Überschwemmung sind neben hunderten privaten Kellern auch die Stadthalle und mehrere Tiefgaragen.

Das Blockheizkraftwerk im Ditzinger Hallenbad wurde ebenso ein Opfer der Flut wie die durch Baumstämme blockierte Kläranlage - die Schmutzfracht ergoss sich am Sonntag ungeklärt in die Glems. Wie groß die Schäden am Straßenbelag und den förmlich aus dem Asphalt gedrückten Gullydeckeln sind, muss der Bauhof erkunden.

"Die Stadt hat am Sonntag ihr Gedächtnis verloren"

Die Stuttgarter Sparkassenversicherung rechnet nach einer ersten Prognose mit etwa 3000 beschädigten Gebäuden im Strohgäu. Laut Sprecherin Sylvia Knittel summieren sich die Sachschäden auf etwa 13 Millionen Euro. Ob dieser Betrag ausreicht, ist fraglich: Weil binnen zwei Stunden teils über 100 Liter Regen pro Quadratmeter fielen, versanken allein in den Straßen und Tiefgaragen im Schwieberdinger Ortskern etwa 40 Autos im Wasser. Läden und Gaststätte wurden geflutet, die Kreissparkasse will als Ersatz für ihre zerstörte Filiale provisorisch einen Container auf den Marktplatz stellen.

Besonders getroffen hat das Hochwasser auch die Stadt Gerlingen: Weil das immerhin 5900 Kubikmeter große Regenüberlaufbecken an der Brückentorhalle nach etwa 30 Minuten voll war, schoss das Wasser über Feldwege und Wiesenstücke in den Ortskern - und sammelte sich im Untergeschoss des Verwaltungsbaus. 6500 Kubikmeter Wasser hat die Feuerwehr aus dem Rathaus gepumpt, zehn der 60 Büros sind zerstört.

"Die Stadt hat am Sonntag ihr Gedächtnis verloren"

Beim Krisenmanagement nach der Flut muss die Stadt ohne Telefon und Computer auskommen, der Server im Kellergeschoss hat den Wassereinbruch nicht überlebt. Noch nicht mal einen Dienstwagen hat Schultes Georg Brenner mehr - gemeinsam mit zwei Polizeiautos und drei weiteren Rathausfahrzeugen soff das gute Stück in der Tiefgarage ab. "Am Sonntag standen wir am Nullpunkt", sagt Brenner betroffen.

Schlimmer noch: Weil auch das Gerlinger Archiv im Kellerbereich untergebracht ist, sind Ratsprotokolle seit dem Mittelalter, Wahlakten und Inventarbücher nur noch Papiermatsch: "Die Stadt hat am Sonntag ihr Gedächtnis verloren", klagt Archivar Klaus Herrmann. Ebenfalls betroffen ist die Kunstsammlung, die allein einen Wert von 800.000 Euro hat. Spezialisten sollen jetzt klären, was vom Inventar noch zu retten ist. Laut Bürgermeister Brenner werden die Aufräumarbeiten bis Jahresende dauern.