Carina Ziegler (von links), Katrin Birk und Kathrin Keller sind "Food Saver", also Essensretter, im Kreis Rottweil. Foto: Störzer

Zu gut für die Tonne? Lebensmittel sollen künftig auch vermehrt in Sulz gerettet werden, so der Plan des Vereins Foodsharing. Bei einer Infoveranstaltung erklärten drei Mitglieder, wieso sie sich nicht als Konkurrenz zur Tafel sehen.

Sulz - Trotz Energiekrise werden in deutschen Bäckereien nach wie vor so viele Backwaren produziert, dass am Ende des Tages Brötchen, Brote, süße Stückchen übrig bleiben. Trotz Lebensmittelkrise gelten Lebensmittel, die ihr aufgedrucktes Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben, als unverkäuflich. Widersprüche, die von einer Wohlstandsgesellschaft zeugen.

Beim Infoabend der Umweltorganisation Foodsharing in Sulz, geleitet von den "Food Savern", also Essensrettern, Kathrin Keller aus Bochingen, Katrin Birk aus Hopfau und Carina Ziegler aus Dürrenmettstetten, wurden diese Missstände beleuchtet. Rund 370 Menschen sind im Kreis Rottweil bereits als Food Saver gelistet.

Unverkäufliche Lebensmittel werden abgeholt

Der bundesweit tätige Verein Foodsharing soll auch in Sulz mehr Anhänger finden, so das Ziel der Frauen. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit besteht darin, unverkäufliche Lebensmittel bei Supermärkten, Bäckereien und Wochenmärkten abzuholen und diese dann gratis weiter zu verteilen. Die Weiterverteilung erfolgt hierbei meistens über WhatsApp-Gruppen. Mancherorts, so auch in Bochingen, werden für diesen Zweck Fairteiler aufgestellt. Das sind kleine Häuschen, in denen die Lebensmittel gelagert werden und die für jeden öffentlich zugänglich sind. Jeder darf sich bedienen.

In der Mitte des Sulzer Bürgersaals hatten Keller, Birk und Ziegler die geretteten Lebensmittel von nur einem Tag aus einem Supermarkt aufgebaut. Kisten voll mit Nektarinen, Auberginen, Pilzen, Zucchini, Granatäpfeln, Kohlrabi, Salatköpfen, Gurken und vielem mehr stapelten sich. Auch Blumen waren dabei.

Unterschied zwischen Verfallsdatum und Mindesthaltbarkeitsdatum

Zu Beginn sollten die anwesenden Bürger der Stadt ihre Empfindungen hierzu schildern. "Wenn jemand selbst Gemüse im Garten angebaut hat, dann weiß er, welche Ressourcen in diesen Waren stecken", merkte eine Frau an. Ihr blute das Herz, wenn sie daran denke, dass das ohne die Initiative der Food Saver in den Abfall gewandert wäre.

Ein Mann, früher selbst als Koch tätig, zeigte sich entsetzt. "In der heutigen Zeit, in der man Kühlschrank und Gefriertruhe hat, muss diese Verschwendung nicht sein." Er selbst, 1953 in die Lehre gekommen, erinnere sich noch gut daran, als das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) eingeführt wurde. "Es gibt einen Unterschied zwischen Verfallsdatum und MHD", sagte er. Man müsse einfach seine Sinne nutzen: riechen, schauen, tasten, schmecken.

Vorwurf der Konkurrenz zur Tafel

Eine Diskussion entfachte sich, als eine Frau einwarf, es gebe eine gewisse Konkurrenz zwischen Foodsharing und der Tafel. Auf diesen Vorwurf waren Kathrin Keller und ihre Mitstreiterinnen vorbereitet. Sie konterte: "Die Tafel geht immer vor. Wir wollen sie nicht schwächen."

Der große Unterschied sei der, dass die Tafeln sozial agieren, Foodsharing hingegen eine Umweltorganisation sei. Das bedeute, dass die Foodsharer auch Lebensmittel mitnehmen dürften, die das MHD überschritten haben. Die Tafeln dürften das nicht. "Uns ist zudem egal, wer die Lebensmittel konsumiert: Vom Anwalt bis zum Hartz-4-Empfänger darf jeder zu uns kommen", so Keller.

Tafel in Sulz hat an einem Tag in der Woche geöffnet

Außerdem holen die Foodsharer quasi sechs Tage die Woche Lebensmittel ab. Da die Tafel in Sulz beispielsweise nur einen Öffnungstag in der Woche habe, könne sie Lebensmittel, die kurz davor stünden, nicht mehr genießbar zu sein, gar nicht rechtzeitig unter die Leute bringen.

Hans-Ulrich Händel, Beauftragter für Bürgerengagement, Bürgerbeteiligung und Integration in Sulz, betonte, dass man im Vorfeld bereits mit Sabrina Haller von der Diakonischen Bezirksstelle Sulz gesprochen habe. "Wir wollen das Engagement nicht gegeneinander ausspielen", so Händel.