Erstmals vereinbaren IG Metall und Metallarbeitgeber in Hamburg einen Tarifabschluss parallel für zwei Pilotbezirke. Der Südwesten übernimmt. Viel Neues steckt im Kleingedruckten.
Die Krise hat zur Eile getrieben: Selten zuvor war der Einigungswille von IG Metall und Arbeitgebern in diesem Stadium einer Tarifrunde so stark wie diesmal. Er hat den Ausschlag gegeben, dass sich beide Seiten am Dienstagmorgen nach 18-stündigen Verhandlungen in einem Hamburger Hotel auf einen Pilotabschluss für die Metall- und Elektroindustrie einigen konnten. Unter anderem ist eine Entgelterhöhung um 5,1 Prozent vorgesehen. Der Abschluss für Bayern und den Norden wird komplett für Baden-Württemberg übernommen. Ein Überblick.
Wie steigen die Löhne? Bis zum 1. Februar 2025 soll es eine Einmalzahlung von 600 Euro geben, die von den Arbeitgebern freiwillig auf Dezember 2024 vorgezogen werden kann. Zum 1. April folgt dann eine Tabellenerhöhung von 2,0 Prozent, eine weitere Anhebung zum 1. April 2026 mit 3,1 Prozent.
Das Tarifergebnis enthält auch eine soziale Komponente für die unteren Entgeltgruppen: Das tarifliche Zusatzgeld B (T-Zug B), eine jährliche Sonderzahlung, wird von 2026 an von derzeit 18,5 Prozent auf 26,5 Prozent des „Ecklohns“ im Jahr 2026 angehoben. Das bedeutet eine Erhöhung von rund 650 Euro auf mindestens 900 Euro. Weil dieser Festbetrag für alle Entgeltgruppen gleich ist, profitieren die unteren Entgeltgruppen davon stärker. Der T-Zug B wird nun jedes Jahr im Februar ausbezahlt.
Die zweistufige Tabellenerhöhung und die Erhöhung des T-Zug B ergeben zusammen eine dauerhafte Steigerung des Entgeltvolumens um 5,5 Prozent. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit bis zum 31. Oktober 2026, also von insgesamt 25 Monaten.
Wie profitieren die Auszubildenden? Die Vergütungen für mehr als 200 000 Auszubildende in der Metall- und Elektroindustrie werden zum 1. Januar 2025 um 140 Euro einheitlich für alle Azubis erhöht – gefordert waren 170 Euro. „Das ist ein tolles Signal an die junge Generation und für die Attraktivität von Industrieausbildung“, sagt die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner.
Gibt es weiterhin eine Differenzierungsmöglichkeit für Unternehmen in Nöten? Entgegengekommen ist die IG Metall den Arbeitgebern bei den Entlastungen für Betriebe mit Problemen – der sogenannten automatischen Differenzierung. Bisher ist der T-Zug B ein Instrument, das Abweichungen ermöglichte: Wenn die Nettoumsatzrendite unter 2,3 Prozent rutscht, kann die jährliche Sonderzahlung verschoben oder gestrichen werden. Nun soll das Transformationsgeld (im Südwesten Trafo-Baustein genannt) diesen Spielraum zur Abweichung bieten. Dieser Betrag wird künftig erst zur Jahresmitte ausgezahlt und beträgt 18,4 Prozent des individuellen Monatsentgelts, was im Schnitt der Beschäftigten gut 900 Euro ausmacht.
Der Vorteil für die Unternehmen: Auf diese Weise wird das verschiebbare Kostenvolumen erhöht. Ein Betrieb kann damit seine Kostenbelastung für 2025 so deutlich verringern, dass diese womöglich klar unterhalb der Inflationsrate liegt. Der Vorteil aus Sicht der IG Metall wiederum: Künftig könne jeder Beschäftigte nach der eigenen Einkommensstärke zur Lösung der schwierigen Situation beitragen, sagt ihr Verhandlungsführer Daniel Friedrich. „Die Wünsche der Arbeitgeber nach einer deutlichen Ausweitung des Differenzierungsvolumens haben wir hingegen verhindert.“
Was ändert sich bei der Freistellungszeit? Die Regelung der Freistellungstage wird vereinfacht – die Wahlmöglichkeiten zwischen mehr Zeit und mehr Geld werden ausgeweitet. Auch Schichtbeschäftigte und Eltern von Kindern bis zur Vollendung des zwölften Lebensjahres profitieren davon. Schon für das Jahr 2025 können erstmals die Teilzeitbeschäftigten mehr Zeit statt mehr Geld wählen – damit werde eine Ungerechtigkeit in den Belegschaften beendet, so die IG Metall.
Bislang waren bei den drei Gruppen jeweils zwei mal acht Tage möglich, nun kommen drei mal sechs Tage hinzu. Künftig können anspruchsberechtigte Beschäftigte also fünfmal Geld gegen Zeit wandeln. Ausfallendes Arbeitszeitvolumen muss im Betrieb kompensiert werden können – sonst darf der Arbeitgeber die Freistellung ablehnen.
Gibt es eine Demokratiezeit? Ursprüngliches Ziel der IG Metall war es, ehrenamtliches Engagement für die Demokratie stärker zu würdigen. Doch sei die Forderung „nicht satisfaktionsfähig“ gewesen, sagt Christiane Benner. Daher habe man sie „von der Liste gestrichen“. Vielleicht sei sie „zu früh“ gekommen. Das Anliegen solle nun betrieblich weiterentwickelt werden.
Was ist das Besondere an dem Abschluss? Erstmals wurde ein Pilotabschluss von zwei Bezirken ausgehandelt: für das Tarifgebiet Küste sowie für Bayern. Der Freistaat war zuletzt 2013 Pilotbezirk – der Norden noch nie. Die Kombination unterschiedlicher wirtschaftlicher Gegebenheiten soll eine breite bundesweite Akzeptanz des Abschlusses sichern. Beide Seiten machten deutlich, dass sie das Experiment für gelungen und eine Wiederholung für wünschenswert halten.
Was wird auf den Südwesten übertragen? Am Dienstagnachmittag haben Harald Marquardt (Südwestmetall) und Barbara Resch (IG Metall) in Leinfelden die vollständige Übernahme für den Südwesten beschlossen. Der traditionelle Pilotbezirk war durch seine Verhandlungsführer in Hamburg vertreten, allerdings ohne eine besondere Rolle.
Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf sagte zur Frage der Akzeptanz des Abschlusses im Südwesten, wo die Nöte wegen der Automobilindustrie besonders groß sind: Es hänge nicht vom Ort des Pilotabschlusses ab, ob dieser besser oder schlechter sei. „Wir haben alle Verhandlungsgebiete berücksichtigt.“ Zudem sei die wirtschaftliche Lage „relativ einheitlich in der Bundesrepublik“.