Die Jugendhilfe im Calwer Landratsamt kämpft mit steigenden Fallzahlen, fehlenden Ressourcen und einem neuen Phänomen: Anfragen, die mit Künstlicher Intelligenz erstellt werden.
Frank Wiehe, Erster Landesbeamter des Kreises Calw, fasste die schwierige Situation im Jugendhilfeausschuss treffend zusammen. Die Jugendhilfe sei die größte Abteilung der Behörde, man habe es mit „steigenden sozialen Problemlagen“ zu tun. Und die müsse das Landratsamt mit immer knapper werdenden öffentlichen Ressourcen lösen.
Wie das 2024 gelang, erklärte Sozialdezernent Tobias Haußmann in seinem Jahresbericht.
„Wir werden der Lage kaum noch Herr“
Fast 12 000 Fälle beschäftigten die rund 100 Mitarbeiter der Jugendhilfe im vergangenen Jahr. In den Zahlen sei eine „wahnsinnige Dynamik“. In manchen Bereichen stiegen die Fallzahlen im Jahresvergleich um 150 Prozent an. Gerade bei der Schulbegleitung oder der Eingliederungshilfe gebe es große Schwankungen.
„Wir werden der Lage kaum noch Herr“, sagte Haußmann. Das Personal in der Jugendhilfe werde schrittweise jünger. Das bedeute aber auch, dass die Teilzeitquote steige. Das mache die Situation insgesamt nicht einfacher.
Immer mehr KI-Zuschriften
Und nicht nur ihr eigentliches Aufgabenfeld beschäftigt die Abteilung Jugendhilfe. Zum einen muss sie sich ständig mit neuen Reformen befassen, erzählte Haußmann. „Die Reformdichte hat stark zugenommen“, sagte er. Rechtsansprüche auf verschiedene Leistungen seien gestärkt worden.
Zum anderen hält künstliche Intelligenz die Abteilung auf Trab. Denn die Bürger stellten mittels KI nun besser recherchierte Anfragen an das Jugendamt.
Abteilungsleiter Georg Pfeiffer erklärte, dass es wegen der KI oft um detaillierte rechtliche Fragen gehe. Die Behörde beantworte diese Anfragen selbstverständlich. Das koste aber viel Zeit.
Und die Bürger könnten mit den Antworten oft wenig anfangen, da sie diese nicht verstehen würden. Diese KI-Anfragen seien ein Problem in ganz Baden-Württemberg, so Pfeiffer. Er sei eher Freund eines persönlichen Gesprächs. Das bringe oft für beide Seiten mehr Klarheit und nehme weniger Zeit in Anspruch. Die könne dann wiederum in sinnvollere Dinge investiert werden.
Steigende Fallzahlen
Zum Beispiel um den Kinderschutz. Gerade bei der Wiedereingliederungshilfe berichtet Tobias Haußmann hier von einer „wahnsinnigen Fallzahlsteigerung“. Dabei fehlten Plätze, die es für eine Inobhutnahme bräuchte. Die Landratsämter zahlten mittlerweile schon Freihaltepauschalen für solche Plätze.
Und das Landratsamt kümmert sich auch um die Auszahlung des Unterhaltsvorschusses. Den bekommt ein Kind, wenn zum Beispiel der Vater nicht mehr in der Familie lebt, den gesetzlich vorgeschriebenen Unterhalt aber nicht zahlt. Dann springt der Staat ein.
Allerdings, so erklärte Hausmann, versuche man dann, das Geld bei den Vätern zu holen. Seit drei Jahren versucht das Landratsamt dabei auch, auf Vermögen und Personen im Ausland zurückzugreifen. Ein solcher „Rückgriff“ funktioniere aber lediglich in 20 Prozent der Fälle.
Dass der Staat hier einspringe, sah Pfeiffer aber als sinnvoll an. „Das hilft Alleinerziehenden. Die sind auf das Geld angewiesen“, sagte er.
Das kommende Jahr stehe im Zeichen steigender Fallzahlen, so Haußmann. „Wir müssen schauen, ob das Personal reicht“, sagte er. Um Kosten zu senken, müsse man überlegen, welche Aufgaben das Jugendamt an Träger abgeben kann.
Haußmanns erster Vorstoß, dies im Bereich der Vormundschaften für Minderjährige zu tun, war im Ausschuss gescheitert. Bei der Schulbegleitung will Haußmann verstärkt auf Pooling Lösungen setzen. Eine Einzelfallhilfe sei aufgrund der Fallzahl kaum mehr möglich. Insgesamt will er bei der Finanzierung der Angebote mehr auf Pauschalen setzen.
Das sagt der Ausschuss
Rita Lorcher (FWV) sah, dass das Calwer Jugendamt überlastet sei und bedankte sich bei dem Team.
Lothar Kante (SPD) erklärte, Einsparmöglichkeiten im Gremium diskutieren zu wollen. Allerdings sei Jugendhilfe einfach personalintensiv – und genau deshalb so teuer. Das werde sich auch künftig nicht ändern. Vielleicht lasse sich die Bürokratie „entrümpeln“ und so Geld sparen.
„Einsparungen?“, fragte Wiehe. Es gehe eher darum, den Ausgabenanstieg zu bremsen.
Und Pfeiffer sah ein grundlegendes Problem: „Wir haben einen Mangel an allen Ecken und Enden. Und die Jugendhilfe soll es auffangen.“