Anzhelika Kovalenko trug die von ihr erdachte Geschichte des Kinderbuchs in der Mediathek vor – ihr junges Publikum hörte gebannt zu. Foto: Ukrainehilfe

Die Lahrer Ukrainehilfe „Gemeinsam Europa“ hat in der städtischen Mediathek ihr erstes Kinderbuch vorgestellt. Das zweisprachige Werk von Anzhelika Kovalenko soll als Integrationshilfe dienen und wird interessierten Einrichtungen kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Botschaft: Jeder ist wertvoll, egal, woher er kommt.

Mit großen Augen blicken die rund 15 Kinder auf die kleine Mimi, die traurig auf einer Schaukel sitzt. Troy und Bärt stehen vor ihr und versuchen sie zu trösten. „Sie weint, weil ihre Mitschüler gemein zu ihr waren!“, ruft ein kleines Mädchen aus der ersten Reihe. Alle sind sich einig: So darf man doch mit anderen nicht umgehen! Die Kinder sind sofort auf Mimis Seite.

 

Anzhelika Kovalenko und Jennifer Schartel lächeln zufrieden. Die Kernbotschaft ihres Kinderbuchs ist angekommen: Mäuschen Mimi und ihre Freunde, der Hund Troy und der Bär Bert, sind von den Kindern aus dem Lotzbeck-Kindergarten sofort akzeptiert. Alle wollen wissen, wie es mit der Maus weitergeht, die von der Feldschule in die Waldschule wechselt und es durch die Sprachbarriere zunächst schwer hat am neuen Ort.

„Im Grunde ist es ein Integrationsbuch“, erklärt Autorin Anzhelika Kovalenko vom Verein „Gemeinsam Europa“. „Die Idee hinter der Geschichte ist es, den Kindern zu zeigen, dass jeder Mensch wertvoll ist, egal woher er kommt“, so die ukrainische Künstlerin und Pädagogin. Dafür hat sich die 29-Jährige eine Waldwelt ausgedacht, in der die Tiere wie Menschen leben.

Gemeinsam mit der deutschen Illustratorin Jennifer Schartel hat sie das Buch „Wie die Tiere Друзі fanden“ geschrieben und gestaltet. Das Besondere: Die Geschichte wird zweisprachig, auf Deutsch und auf Ukrainisch, erzählt. Dabei werden einzelne Wörter vertauscht – wer das Buch auf Deutsch liest, stolpert somit zwangsläufig über Wörter auf Ukrainisch und umgekehrt – daher auch der auf den ersten Blick erratische Titel. So wird den Kindern spielerisch ein rudimentärer Wortschatz beigebracht. Eine große Hilfe, vor allem für Einrichtungen mit Flüchtlingskindern.

Die Kinder sind begeistert von der Geschichte und ihrer schönen Botschaft

Bei der ersten Kinderlesung des Buches in der Mediathek Lahr sind viele Kinder mit Migrationshintergrund vor Ort, auch einige Flüchtlinge aus der Ukraine. Sie freuen sich ganz besonders, als ihre deutschen Freunde versuchen, die ukrainischen Wörter nachzusprechen. Den meisten gelingt es ganz gut.

„Derzeit beträgt der Migrationsanteil in unserer Kita 92 Prozent. Alle diese Kinder haben diese Situationen vielleicht schon selbst erlebt. Dieses Thema ist in unserer Kita ein Alltagsbegleiter“, fasst Alexandra Nagel von der Sprachkita Lotzbeck zusammen. „Aus unserer Praxis heraus können wir sagen, dass mehrsprachige Bücher ein Schatz für die Entwicklung der Kinder sind.“

Die Geschichte selbst handelt von einer kleinen Maus, die in ihrer neuen Schule die Sprache ihrer Mitschüler nicht versteht. Zunächst wird sie deswegen von einigen Mitschülern gehänselt, doch schnell findet sie auch Freunde und lernt immer besser, sich zu verständigen.

Als dem gemeinsten ihrer Klassenkameraden, dem Widder Baranaus, ein Unglück geschieht, kann sie durch ihre neu gewonnenen Sprachkenntnisse für seine Rettung sorgen. Natürlich sieht Baranaus daraufhin seinen Fehler ein und entschuldigt sich bei Mimi. Doch soll sie ihm verzeihen?

Die Kinder in der Mediathek Lahr sind unentschlossen: „Aber er war doch so gemein!“ Trotzdem beschließen sie am Ende, dass es besser sei, Freunde zu werden. „Freunde! Друзі (sprich: Drusi)!“, lernen die Kindergartenkinder und sind zufrieden, dass Mimi ihrem beschämten Klassenkameraden Baranaus am Ende die Pfote reicht.

Am Ende reicht die kleine Maus ihrem Gegner die Pfote zur Versöhnung

„Seht ihr,man kann auch befreundet sein, wenn jemand ein bisschen anders ist“, erklärt Kovalenko in die Runde, dann deutet sie in Richtung der ukrainischen Kinder: „Konntet ihr euch von Anfang an verstehen? Nein? Und jetzt seid ihr trotzdem Freunde, oder?“ Ein lautes „Ja“ beendet die Lesung.

Dann ist Illustratorin Jennifer Schartel an der Reihe – im Gepäck eine Vielzahl an Zeichnungen der Protagonisten zum Ausmalen für die Kinder. Natürlich stürzen sich die meisten auf Mimi. Alle wollen die Maus ausmalen, doch auch Troy und Bert stehen hoch im Kurs. „Ich hoffe, dass das Buch den Kindern hilft, Anschluss und neue Freunde zu finden“, so Schartel und denkt bereits an die Zukunft: „Es wäre natürlich toll, die Geschichte auch in andere Sprachen zu übersetzen, um möglichst vielen Kindern zu helfen.“ Dafür und für eine weitere Auflage sowie einen professionellen Vertrieb wird jetzt nach einem Verlag Ausschau gehalten.

Das Buch „Wie die Tiere Друзі fanden“ ist das erste Kinderbuch des Lahrer Vereins Gemeinsam Europa, auch bekannt als „Lahr Hilft“. Damit für den Druck des Buches keine Spendengelder benötigt wurden, hatte sich der Verein für eine Vollförderung bei der Heidehof Stiftung beworben, die das Projekt mit 5000 Euro unterstützt. „Mit dem Geld konnten wir uns die Druckkosten für eine erste Auflage und die wunderschöne Illustration leisten“, erzählt Anzhelika Kovalenko.

Gedruckt wurde die erste Auflage des Lahrer Buches in der Ukraine, Kovalenko selbst holte die Bücher im Zuge einer Hilfsfahrt mit dem Auto dort ab und brachte sie nach Deutschland. Jetzt werde das Kinderbuch kostenlos an verschiedene Einrichtungen wie Mediatheken, Kindergärten, Grundschulen, Flüchtlingsheime uvm verteilt, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins.

So erhält man das Buch

Die erste Auflage von „Wie die Tiere Друзі fanden“ wird kostenlos verteilt. Interessierte Einrichtungen können per Mail bei der Lahrer Integrationsbeauftragten unter charlotte.morton@lahr.de um ein Exemplar anfragen.