Er bezeichnet es als ein Lebenswerk: Der Nordstetter Ernst Reiser hat seine vier Bände über die Geschichte seiner Heimat vollendet und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich.
Kann ein kleiner Weiler wie Nordstetten so viel Inhalt und Potenzial für 1374 Seiten Dokumentation in Form von Texten, Bildern und Grafiken bieten? Ernst Reiser, der seit 85 Jahren hier lebt und Autor dieser vollgepackten Seiten ist, hätte es auch nicht für möglich gehalten.
Im Sommer 2025 hat der Landwirt und ehemalige Stadt- und Kreisrat das vollendet, womit er sich in den vergangenen Jahrzehnten beschäftigt hat: die Geschichte von Nordstetten aufzuschreiben und zu dokumentieren.
20 Höfe
Bereits 2006 hatte er den ersten, etwas kürzeren Band, der primär aus Bildern besteht, veröffentlicht. In der Folge war ein zweiter Band geplant, der sich mit der Geschichte und den Familien der einzelnen Höfe Nordstettens – 20 an der Zahl – auseinandersetzen sollte, erzählt der 85-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion.
Große Unterstützung hat er dabei von Anfang an von seinem Nordstetter Nachbarn Roland Müller bekommen, der die handgeschriebenen Manuskripte auf dem Computer digitalisiert und zusammen mit den übrigen Dokumenten gelayoutet hat.
330 Seiten pro Band
Doch aus einem einzigen Band sind letztendlich vier umfangreiche Bände mit jeweils 330 Seiten geworden – so viel Material hatte der „Laienforscher mit Herzblut“, wie sich der Landwirt selber nennt, im Laufe der Jahrzehnte zusammenbekommen – und soviel Material galt es zu verarbeiten.
Dabei hatte ihn die Sammelleidenschaft schon 1980 gepackt, berichtet Ernst Reiser. Damals hatte er die Idee, in alle Höfe Nordstettens zu gehen und zu erkunden, welche historischen Bilder noch bestehen. Ganze 450 von ihnen habe er gefunden – „aber dann ging es erst richtig los“, sagt er mit einem Schmunzeln. Denn schließlich wollte er auch wissen, welche Personen überhaupt auf den Bildern zu erkennen sind.
Intensives Forschen
Viele Gespräche mit den älteren Bewohnern des Weilers haben den zweifachen Familienvater schließlich dazu bewogen, die Geschichte Nordstettens, das im Jahr 762 erstmals urkundlich erwähnt wurde, zu dokumentieren. „30 Jahre habe ich mich in Pfarrämtern und Archiven herumgetrieben“, blickt er zurück.
Zahlreiche Stunden habe er dicke Bücher gewälzt, unter anderem die Grundbücher von VS im Stadt-Archiv, oder auch die Niederschriften über den einzigen fürstlichen Lehnshof Nordstettens, die er im fürstlichen Archiv in Donaueschingen finden konnte, die aber erst noch mithilfe eines Studenten übersetzt werden mussten.
Große Dankbarkeit
Dieses „Durchackern“ sei zur Herkulesaufgabe geworden und oftmals mit Hartnäckigkeit verbunden gewesen. Dennoch: „Überall bin ich mit offenen Armen empfangen worden“, zeigt sich Ernst Reiser dankbar. Dass die Geschichte eines jeden Nordstetter Hofes – Hof für Hof wird chronologisch aufgeführt – letztendlich so ausführlich geworden ist, kann er bis heute noch nicht richtig glauben.
Das Forschen sei aber dabei zu einer riesigen Leidenschaft, gar Sucht für den Autor geworden. „Irgendwann packt es Dich“, sagt er und vergleicht es mit einem Puzzlespiel: Wenn etwas – eine Information – fehlt, mache es einen verrückt. Wenn man letztendlich doch auf sie stoße, „freut man sich wie ein kleines Kind an Weihnachten“.
„Stolz auf Heimat“
Was sich bei Ernst Reiser im Laufe der Forscher-Jahre außerdem entwickelt hat, sei der „totale Stolz auf meinen Heimatort“. Als schon immer arbeitsam beschreibt er die Nordstetter, die stets von der Landwirtschaft geprägt waren und über die er beim Recherchieren viel erfahren durfte, ebenso wie folgsam, aber auch streitbar.
Und auch über den Nordstetter Hof 8, der 1844 gebaut, 1910 nach einem Brand im heutigen Stil neugebaut wurde und in dessen Obergeschoss Ernst Reiser mit seiner Frau Hildegard lebt, während im Erdgeschoss schon immer eine Gastwirtschaft angesiedelt war, hat der Autor viele Informationen dokumentiert. „Es gibt nichts, was nicht drinsteht“, betont er und lacht.
Etwas für die Zukunft
Mit der Vollendung und Veröffentlichung seines umfangreichen Werks mit allein 850 historischen Bildern, das auch deswegen so lange gedauert hat, weil Beruf, Familie und ehrenamtliche Engagements immer noch Vorrang hatten – hat der ehemalige Stadtrat neben Beruf und Familiengründung ein „kulturelles Lebenswerk“ geschaffen, sagt er. Gleichzeitig freut es ihn für seine Heimat, „dass für die Zukunft alles festgehalten wird“.
Während ein Exemplar also auf jeden Fall ins Archiv gehen wird, werden sich unter anderem wohl viele – ehemalige – Nordstetter darüber freuen – ihnen allen verspricht Ernst Reiser das Buch schon seit nahezu 15 Jahren und sie alle hat er bereits angeschrieben.
Was kommt jetzt?
Und jetzt ist in Nordstetten also Schluss mit Forschen und Schreiben? Bei Weitem nicht: In einer Schublade schlummert ein 60-seitiges handgeschriebenes Manuskript über die Geschichte der Gastwirtschaft am Nordstetter Hof 8. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es Ernst Reiser herauszieht und zusammen mit Roland Müller veröffentlicht.
Das vierbändige Werk
So kann man es erwerben
Die vier Bände über die Geschichte Nordstettens stehen im Zusammenhang und werden nicht einzeln verkauft. Eine Vorbestellung des Werks ist notwendig und bis Mittwoch, 15. Oktober, möglich. Interessenten können sich bei Ernst Reiser unter der Telefonnummer 07721/7 47 65 melden. Nach Terminabsprache ist auch ein Einblick in die Bücher möglich.