Der Ulmer Rabbiner in seiner Synagoge. Hinter dem Vorhang befindet sich eine handgeschriebene Torarolle. Foto: /Paul Vögler

Jüdische Veranstaltungen müssen von der Polizei geschützt werden. Doch nicht alle Polizeibediensteten wissen, was sich hinter den Mauern einer Synagoge verbirgt. Shneur Trebnik möchte das ändern.

Ulm - Der breitkrempigen Hut und der bis auf die Brust reichenden Vollbart rahmen das Gesicht ein. Die Fäden des Gebetsumhanges, Tallit genannt, baumeln links und rechts unter dem schwarzen Jackett heraus. Es fällt nicht schwer, Shneur Trebnik als Juden zu erkennen. Was er mit der Polizei zu tun hat, erschließt sich nicht gerade auf den ersten Blick. Und doch ist der Ulmer Rabbiner neben dem Lörracher Kollegen Moshe Flomenmann einer der beiden Polizeirabbiner Baden-Württembergs.

 

Die Berührungspunkte sollen über den Polizeischutz, der bei jüdischen Veranstaltungen nötig ist, hinausgehen. „Die Polizei steht vor der Synagoge, und manche Beamte wissen gar nicht, was sie da schützen.“, sagt Trebnik. Die jüdische Religion und Kultur zu erklären, ist seine Aufgabe als Polizeirabbiner. Er soll auch Vorurteile abbauen.

Trebnik war sofort begeistert von dem Projekt

Als es darum ging, die Stellen zu besetzen, fragte das Innenministerium bei der Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) an, welche Kandidaten geeignet wären. Der Ulmer Rabbiner war gleich Feuer und Flamme. „Das ist ein neues Arbeitsfeld. Da mache ich gern mit.“, habe er gesagt. Natürlich sei es zusätzliche Arbeit. Für die rund 500 Menschen seiner Ulmer Gemeinde wolle Trebnik nach wie vor da sein. Trotzdem überwiegen für ihn die Vorteile: „Ich denke, glaube und hoffe, dass ich da viel bewirken kann. Ich als Rabbiner kann in der Polizeiarbeit natürlich nicht helfen. Aber ich kann helfen, Dinge besser zu verstehen.“

Das Judentum bekommt ein Gesicht

Schon in der Ausbildung haben angehende Polizistinnen und Polizisten Kontakt zu dem 1975 in Israel geborenen Ulmer. Im Ausbildungsmodul „Jüdisches Leben in Baden-Württemberg“ ist ein Besuch der Synagoge vorgesehen. Dieses Jahr war Trebnik per Videokonferenz dem Unterricht zugeschaltet. Michael Leidenheimer, Lehrer an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen, zieht eine positive Bilanz: „Die Schüler haben viel aus der Begegnung mitgenommen.“ Dabei seien vor allem kleine Anekdoten hängen geblieben. Beispielsweise, dass fromme Juden am Sabbat keinen Ausweis bei sich tragen oder nicht ans Telefon gehen.

Gerade solches Wissen sei wichtig, meint eine Schülerin: „Es ist gut, wenn man grundlegende Dinge weiß, um Rücksicht nehmen zu können.“ Bei allen Unterschieden ist jedoch deutlich geworden, dass es vor allem Gemeinsamkeiten gibt. „Jüdisches Leben in Deutschland heißt in erster Linie Leben in Deutschland.“, fasst ein Schüler die Erfahrung zusammen. Genau diese Erkenntnis wünscht sich der Ulmer Rabbiner: „Ich hoffe, dass die Beamten jüdische Bürger hier im Land als ganz normale Bürger sehen.“

Polizisten wollen einfach mal reden

Nicht nur im Unterricht ist Trebnik im Kontakt mit Menschen in Uniform. Einige Male in der Woche klingelt bei ihm das Telefon oder Beamtinnen und Beamte schreiben Mails. Die Anliegen seien unterschiedlich. Vor ein paar Tagen habe sich eine Polizeischülerin mit Fragen zu ihrer Masterarbeit an ihn gewandt. Thema sei die Bedeutung seiner Arbeit für die Polizei gewesen. Ein andermal wollte ein Beamter wissen: „Wieso haben Juden nicht Sonntag Ruhetag?“ Trebnik verwies auf die fünf Bücher Mose, die in handschriftlich geschriebener Form in Synagogen verwahrt werden. Darin wird der Sabbat, den die Juden am Samstag feiern, geboten. Das sei Gesetz, erklärte er dem Polizisten.

Neben Sachfragen seien es seelsorgerliche Gespräche, die er führe. Nicht nur die jüdischen Polizeibediensteten, von denen es laut Trebnik eine geringe zweistellige Zahl im Land gibt, haben Bedarf. Auch andere suchen das Gespräch. Zum Beispiel, als ein Polizist zwangsversetzt werden sollte, rief er an „um einfach mal zu reden“. Warum sich nichtjüdische Polizistinnen und Polizisten an ihn wenden, kann Trebnik nicht sicher beantworten, doch hat er eine Theorie: „Menschen brauchen manchmal klassische Seelsorge. Jemanden, der ihnen vertraut und zuhört. Eine gewisse Anonymität ist da mitunter sogar von Vorteil.“

Rabbiner stößt auf Herausforderungen

Auch mit dem hässlichen Gesicht der Polizei wird der Rabbiner konfrontiert. Aktuell sei er in Kontakt mit einem Polizeipräsidenten, in dessen Präsidium rechtsextreme Chatgruppen ans Tageslicht kamen. Geplant ist, dass sich die Mitglieder der Chatgruppe mit Trebnik an einen Tisch setzen.

Gefragt, wie er mit dieser Herausforderung umgehen will, kommt er auf die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu sprechen. Dort sind antisemitische Karikaturen aus der NS-Zeit ausgestellt. Daran werde deutlich, dass der Holocaust mit „blöden Witzen und Karikaturen“ begonnen habe. Zum anderen gehe man, nachdem man am dunkelsten Punkt der Gedenkstätte angekommen sei, auf einem steil ansteigenden Weg wieder nach oben. Oben angekommen, eröffne sich ein Panoramabild über Jerusalem. Trebnik sieht darin eine Metapher: „Aus der dunklen Vergangenheit können wir etwas mitnehmen für eine bessere Zukunft.“

„Ich hoffe, dass ich zum Nachdenken bringen kann“, sagt Trebnik – nicht nur im Gespräch mit den rechtslastigen Beamten.

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