Über das Alleinsein Ohne Partner ist man allein? - „Das ist totaler Quatsch“

Nina Ayerle
Ohne Partner sein bedeutet nicht, allein zu sein. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Erst mit 41 Single: Die Autorin Katja Lewina spricht über ihre kurzfristige Angst, für immer allein zu sein – und warum sie ohne Partner ein erfüllenderes Leben führt.

Die Berliner Autorin Katja Lewina lebte jahrelang von Beziehung zu Beziehung. Sie ist bekannt für ihre Bücher wie „Ex: 20 Jahre, 10 Männer und was alles so schiefgehen kann“. Gerade ist ihr aktuelles Buch „Wir können doch Freunde bleiben“ erschienen. Fast ihr ganzes Erwachsenenleben lang war sie in einer Beziehung, mit ihrem Ex-Partner führte sie eine offene Beziehung. Mit 41 Jahren ist sie zum ersten Mal wirklich Single – und lebt nun mit dem Vater ihrer Kinder in einer Wohngemeinschaft. Im Interview erklärt sie, warum sie manchmal Angst hatte, für immer allein zu sein – und wie sie heute mit dieser Frage umgeht.

 

Sie haben in einer Kolumne im „Spiegel“ geschrieben, dass sie kürzlich plötzlich abends den Gedanken hatten, was wäre, wenn Sie für immer allein sein müssten. Und haben den Leser*innen geraten, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Warum?

Für mich stand diese Frage ja zum ersten Mal in meinem Leben im Raum. Aber dann musste ich feststellen, dass das totaler Quatsch ist – als ob ohne Partner zu sein bedeutet, allein zu sein. Das Gegenteil war der Fall: Ohne romantische Beziehung war ich viel weniger alleine als vorher. Ich hatte plötzlich so viel Zeit und Raum für meine anderen sozialen Kontakte, für Freundschaften, für Familienmitglieder. Ich lebe mit dem Vater meiner Kinder zusammen in einer Familien-WG, wo wir die Kinder abwechselnd betreuen. Da wird es sowieso niemals so wahnsinnig einsam. Männer und Frauen gehen sowieso häufig sehr unterschiedlich mit Trennungen um – Frauen stürzen sich in ihre Freundschaften, entdecken neue Hobbys. Männer haben oft kein besonders ausgeprägtes soziales Netz, die leiden dann noch mal mehr unter diesem Alleinsein.

Woran liegt es, dass Männer oft nicht so eine Tiefe an Freundschaften haben?

Männerfreundschaften laufen oft nicht über tiefgründige Gespräche, sondern über gemeinsame Aktivitäten. Viele Männer delegieren in heterosexuellen Langzeitbeziehungen ihre sozialen Bedürfnisse an die Partnerin. Wenn es intimen Austausch gibt, dann mit ihr, sie organisiert auch Dates mit anderen Paaren oder kümmert sich um die Verwandtschaft. Männer sind so gar nicht in der Pflicht, sich selbst um ein soziales Netz zu bemühen. Und wenn die Partnerin dann wegfällt, wird das erst recht so richtig spürbar.

Die Beststellerautorin Katja Lewina plädiert dafür, nicht nur auf romantische Paarbeziehungen zu setzen. Foto: PR/Julija Goyd

Woher kommt es, dass wir automatisch denken, Alleinsein bedeutet, ohne Partner zu sein?

Wir haben diese unglaubliche Idealisierung von romantischen Paarbeziehungen, dass wir denken, ohne Partner sind wir nicht ganz. Bis vor wenigen Jahrzehnten konnte eine Frau ohne Mann kaum bestehen – da gab er die Legitimation, die soziale Rolle, das Geld. Das löst sich jetzt langsam auf, aber das sitzt immer noch sehr tief. Je fortgeschrittener und gleichberechtigter unsere Gesellschaft wird, desto mehr Single-Frauen wird es geben, weil die sich nicht mehr mit mittelmäßigen Beziehungen zufriedengeben werden. Eine Frau kann ihr eigenes Geld verdienen, allein Kinder großziehen, ihre Sexualität auskosten, sie braucht keinen Mann. Die soziale Stigmatisierung und das finanzielle Nachsehen als Frau ohne Mann spielen kaum noch eine Rolle. Die Frage, wofür Frauen noch romantische Beziehungen brauchen, wird immer evidenter werden.

Profitieren Männer mehr von Beziehungen als Frauen?

Forschende haben herausgefunden, dass verheiratete Männer mehr verdienen, besser schlafen, gesünder, sozial eingebundener und glücklicher sind als Single-Männer. Frauen dagegen verlieren komplett: Die verdienen weniger, haben weniger Freizeit, mehr Stress, sind weniger gesund, sterben früher. Die einzigen, die statistisch gesehen von heterosexuellen Beziehungen profitieren, sind tatsächlich Männer.

Warum geben Frauen ihre Unabhängigkeit oft so schnell auf, wenn sie einen Partner finden?

Das liegt daran, dass wir denken, hier können wir ganz werden, die Liebe ist unsere große Bestimmung. Wir Menschen sind soziale Wesen und wollen uns verbinden, aber warum muss es der oder die eine „Richtige“ sein? Wir sollten unser Portfolio diversifizieren. Zu unserem Glück müssen wir nicht mehr so eine Schicksalsgemeinschaft sein wie noch vor 50 oder 100 Jahren. Sehr wahrscheinlich werden wir mehr als eine Liebesbeziehung in unserem Leben haben, und selbst wenn nicht, sollten wir unsere Freundschaften pflegen, für intellektuellen Austausch sorgen, ein Hilfsnetz schaffen. Das gibt ein ganz großes Sicherheitsgefühl, denn vor Lebenskrisen ist niemand gefeit.

Warum engen sich manche Paare so sehr ein?

Gerade weil viele Paare sich gegenseitig so klein machen und einengen, stehe ich der romantischen Paarbeziehung inzwischen sehr skeptisch gegenüber. Oft passiert das aus der Angst heraus, dass der Partner über einen hinauswächst oder etwas findet, das besser ist. Auf diese Weise kann man wunderbar Kontrolle ausüben und den Partner bei sich behalten, weil der sich ungenügend fühlt und niemals weggehen wird.

Sie waren ja vorher immer in einer Beziehung, oder?

Ja, in einer Beziehung oder in einem Beziehungsversuch. Die haben sich schon immer die Klinke in die Hand gegeben. Ich war nie über längere Zeit allein, ich bin jetzt einfach mal mit mir und gucke, was ich möchte. Und stehe nicht, wie man so schön sagt, in Beziehung zu jemandem.

Wie ist das für Sie, jetzt einfach mal mit sich zu sein?

Ich habe wahnsinnig viel Zeit und Energie auf einmal, sehr viele freie Abende. Das ist total schön, ich mag das sehr gerne. Inzwischen gibt es auch wieder einen Mann, der eine größere Rolle spielt, und ich merke, wie schwer es mir fällt, diesen „Ich bin für mich“-Status loszulassen. Nach dieser neu gekosteten Freiheit ist es gar nicht mehr so leicht für jemanden, in mein Leben reinzukommen.

Wie lange dauert diese Phase jetzt schon für Sie?

Das ist jetzt ein knappes Jahr.

Können Sie sich vorstellen, auch dauerhaft für sich zu bleiben?

Ich kann gut für mich bleiben, weil ich ein fantastisches Umfeld habe und so viele geliebte Menschen um mich. Für all die Themen, die man in einer Partnerschaft bespricht, finde ich eine Ansprechperson. Ich fühle mich sehr getragen. Nur Sex wird natürlich zum Problem, wenn man sich nicht von einem Tinder-Date zum nächsten hangeln will und eher auf emotionale Intimität steht. Aber ich weiß noch nicht, inwieweit ich bereit bin, mich da jetzt schon drauf einzulassen. Vielleicht brauche ich noch ein bisschen Freiheit.

Wie leben wir heute Beziehungen?

Leben
Katja Lewina (1984, Moskau) ist eigentlich ein Pseudonym. Lewina studierte Slawistik, Literatur- und Religionswissenschaften. Anschließend arbeitete sie als freie Lektorin und im Künstlermanagement. Zurzeit schreibt sie als freie Autorin für verschiedene deutsche Magazine. Katja Lewina hat drei Kinder. Im Jahr 2023 thematisierte sie den plötzlichen Tod eines siebenjährigen Sohnes und später ihre eigene Herzerkrankung.

Werke
Im Jahr 2020 veröffentlichte Lewina ihr erstes Buch „Sie hat Bock“, in dem sie über sexuelle Ungleichheit und weibliches Begehren schrieb. 2021 veröffentlichte die Autorin ihr zweites Buch, für das sie mit heterosexuellen Männern über deren sexuelle Praktiken und Fantasien sprach („Bock. Männer und Sex“). Im Jahr 2022 erschien ihr Buch „Ex: 20 Jahre, 10 Männer und was alles so schiefgehen kann“, für welches sie mit zehn ihrer Ex-Partner über ihre gemeinsame Beziehung sprach. (nay)