Ü50 und der Eintritt in die Rente Wie der Abschied vom Job nicht zur Krise wird – das rät eine Beraterin

Michael Weißenborn
Die Unternehmensberaterin Sabine Ment gibt Tipps, wie der Einstieg ins Rentendasein klappt. Foto: privat/KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Abfindungsprogramme und vorzeitiger Rentenbeginn: Viele Ü50-Erwerbslose finden trotz langer Suche keine neue Arbeit mehr. Eine Beraterin gibt Tipps, wie der Abschied vom Beruf gelingt.

Mehr als jede zweite Erwerbslosigkeit bei Älteren endet auch nach frustrierend langer Arbeitsplatzsuche ohne neuen Job. Die Betroffenen entscheiden sich entweder für den Vorruhestand oder kommen anders ohne Rente klar. Doch was kommt beim Ausscheiden aus dem Beruf überhaupt auf einen zu? Wie gelingt ein guter Einstieg ins Rentendasein?

 

Wie man einen guten Übergang schafft

Experten raten, den Beginn der Rente nicht zu überstürzen, sondern sich gut darauf vorzubereiten und zu planen. Die Unternehmensberaterin Sabine Ment, die sich zuletzt dank zahlreicher Anfragen zu diesem Thema das sogenannte Offboarding als neuen Schwerpunkt dazugenommen hat, sieht „vier wichtige Voraussetzungen“ für ein gelungenes vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben: „Zunächst einmal gilt es, die finanzielle Absicherung zu klären“, sagt sie. Leitfragen dabei sollten sein: Wie viel Geld habe ich, was brauche ich, wo soll es hingehen?

Beraterin Ment sieht vier Schritte auf dem Weg zu einem gelungenen Neuanfang nach dem Beruf. Foto: Privat

Zweitens sei eine „positive Einstellung zu sich und seinem Leben“, nötig. Man könne durchaus noch hohe Erwartungen an sein künftiges Leben formulieren. Drittens sollte die Ruhephase gut vorbereitet sein: „Nur nicht planlos reinstolpern“, sonst gerate man in die Rumgammelfalle, ohne Tagesstruktur, sagt Ment. Viertens, seien die familiären und sozialen Kontakte entscheidend. Und wenn diese unter der beruflichen Belastung gelitten hätten, sollten man diese systematisch wieder aufbauen, zum Beispiel über die Social-App Meet5.

Wie hält man beim Gefühl der Kränkung dagegen?

Oft gehen Abfindungs- und Vorruhestandsangebote mit mehr oder weniger sanftem Druck einher. Wenn Ältere nicht mehr als Leistungsträger geschätzt werden, können Altersangebote auch verletzen. Dabei geht es gerade engagierten Älteren, die sich stark über ihre Berufstätigkeit definiert haben, gar nicht so sehr ums Geld, sondern um Anerkennung. Der Schmerz aussortiert zu werden, überwiegt. Das Gefühl tritt in den Vordergrund: Ich werde nicht mehr gebraucht.

Coach Ment empfiehlt: „Rückschau auf das Berufsleben halten.“ Erfolge betrachten, um daraus Stärke für ein positives Zielbild zu schöpfen. Die Fragen, die dabei helfen können: „Wer bin ich, welche Werte sind mir wichtig, was waren die Treiber im Beruf?“, sagt die Beraterin. „Aber auch: Was habe ich vermisst, vielleicht gar vergessen? Was bedeutet für mich in meiner neuen Lebensphase Erfolg?“ Keinesfalls sollte man den betriebswirtschaftlich bedingten Umgang der Unternehmen mit Ü50 persönlich auffassen.

Wie findet man heraus, was man nach dem Beruf tun kann?

Experten raten, sich zu überlegen, welche Persönlichkeit man hat: Was erfüllt mich, was hat mich in den Flow gebracht? Dazu kann man seinen Partner, Familie und Freunde befragen oder einen Persönlichkeitstest machen. „Auf jeden Fall sollte man verhindern, dass man in ein Loch fällt“, betont Sabine Ment. Dagegen helfen die verschiedensten Betätigungsfelder: Hat der Beruf viel Erfüllung gebracht, kann man ihn womöglich projektbezogen oder auch als Mentor begrenzt fortführen?

„Ein Kollege, früher ein hoher Manager, geht jetzt als Großvater erfüllt im Familienleben auf und hat Gitarrespielen gelernt“, berichtet Sabine Ment von einem Beispiel aus ihrem Umfeld. Ein anderer Bekannter, der lange einer gewerblichen Tätigkeit nachgegangen sei, hilft jetzt im Handwerksbetrieb seines Schwagers. Allerdings im Verkauf, weil er gerne mit Menschen in Kontakt komme. Auf jeden Fall sollte man das Mehr an persönlicher Freiheit dazu nutzen, etwas für die geistige und körperliche Fitness zu unternehmen, rät sie. Auch das Ehrenamt mit zahllosen Möglichkeiten von der Flüchtlingsarbeit, der Mithilfe in Tafelläden bis zur Hausaufgabenbetreuung könne eine gute Möglichkeit sein, dem Leben nach dem Beruf einen Sinn zu geben. „Das ist aber nicht für jeden. Das muss einem liegen“, betont Ment.

Gibt es beim Abschied vom Beruf Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Sabine Ment sieht keine Unterschiede, wie Männer und Frauen sich ihrem neuen Lebensabschnitt „chancenorientiert“ nähern, um ihn fit und erfüllt zu gestalten. „Das Bedürfnis, sich vorzubereiten, ist nicht geschlechtsspezifisch.“ Die Psychiaterin Regina von Einsiedel, die über den Eintritt in die Rente ein Buch geschrieben hat (Die dritte Lebenshälfte. Den Ruhestand gestalten und genießen.), meint aber, dass es vielen Männern anders als Frauen oft schwer falle, über ihre Emotionen zu reden. Dabei wäre es besser, offen mit der neuen Lage in der Rente umzugehen, so die Autorin. Sie konstatiert aber, dass dies in den Nachfolgegenerationen zur aktuellen Rentnergeneration schon besser werde.

Sabine Ment

Wer
Sabine Ment hat Betriebswirtschaft studiert und danach mehr als 20 Jahre unter anderem als Personalleiterin gearbeitet. Die 58-Jährige kennt die andere Seite, hat selbst Gespräche zum Personalabbau geführt. „Wichtig ist, dass die Verantwortlichen in Human Resources den Abbau nicht als Abwicklung begreifen, sondern wertschätzend auf den Einzelnen eingehen“, sagt Ment, die sich 2012 als Unternehmensberaterin und Coach selbstständig gemacht hat.

Was
Mit ihrem Unternehmen Mentoring im bayerischen Bamberg berät sie mittelständische Unternehmen in strategischer Ausrichtung und Führungskräfteentwicklung. Die Firmen hätten das Offboarding, das Ausscheiden aus dem Beruf, jenseits von Abfindung und neuer Tätigkeit „noch gar nicht richtig als Problem erkannt“, sagt sie. Zuletzt häuften sich bei ihr die Anfragen einzelner Klienten dazu.