Mit Roi Sanchez hält die spanische Handballphilosophie Einzug beim TVB Stuttgart. Wie der Spanier tickt, worauf er Wert legt und welche Erwartungen er hat, verrät er im Interview.
Stuttgart - Auf Roi Sanchez kommt in den nächsten Tagen und Wochen einiges zu. Er zieht von Barcelona nach Fellbach-Schmiden um, beginnt am Montag seine neue Traineraufgabe beim Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart – und er wird erstmals Vater.
Herr Sanchez, sind Sie mit Ihrer Familie schon in Stuttgart angekommen?
Ich bin am Samstag mit dem Auto von Barcelona nach Stuttgart gefahren. Meine Frau kommt erst später nach, da sie Ende August unser erstes Kind zur Welt bringt. Es kommt alles auf einmal zusammen. Aber wir freuen uns auf das neue Leben.
Mussten Sie bei Ihrer Frau viel Überzeugungsarbeit leisten?
Wir leben 20 Kilometer südwestlich von Barcelona in einer Wohnung mit Meerblick, von dort aus sahen wir auch das Haus, besser den Palast, von Lionel Messi (lacht). Die Lebensqualität ist schon hoch, das Wetter schön. Und da meine Frau zudem noch kein Deutsch spricht, ist es nicht einfach für sie. Aber sie unterstützt mich komplett, weil sie weiß, dass es mein Lebensziel ist, solche Projekte wie das beim TVB Stuttgart zu leiten.
Worauf freuen Sie sich am meisten?
Auf die Arbeit in der stärksten Liga der Welt, bei einem ambitionierten Club mit einer sehr guten Perspektive.
Traumbedingungen beim FC Barcelona
Sie sind aus Ihrer Zeit beim FC Barcelona paradiesische Zustände gewohnt.
Die Bedingungen sind überragend. Wenn ein Spieler eine Untersuchung braucht, bekommt er die in fünf Minuten. Ärzte, Ernährungsberater, Psychologen – es herrscht eine optimale Rundumbetreuung, da man die Infrastruktur der Fußballer nutzen kann. Aber ich kenn ja nicht nur Barcelona.
Sondern auch den Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf.
Dort arbeitete ich von 2013 bis 2017 als Co- und Nachwuchstrainer, davor in meiner Heimat Galicien bei Octavio Vigo. Der Weltclub Barcelona kann nicht der Maßstab sein, aber Stuttgart hat eine gute Infrastruktur, vergleichbar mit der in Hannover.
Inwieweit haben Sie sich in der Zeit, in der Sie bei bei Barça gearbeitet haben, weiterentwickelt?
Barcelona ist der beste und professionellste Club und daher die beste Schule der Welt. Ich bin dort ein anderer Trainer, ein anderer Mensch geworden. Es wird auf unglaublich viele Details Wert gelegt, gerade auch im mentalen Bereich. Auch Juri Knorr (Anm. d. Red.: Nationalspieler, künftig Rhein-Neckar Löwen) hat davon sehr profitiert.
Werden auch die Trainer in diesem Bereich besonders geschult?
Ja, auch ich hatte einen persönlichen Coach, mit diesem Mentor arbeite ich auch weiterhin zusammen. Schauen Sie, auf höchstem Niveau können alle Handballer aus neun Metern werfen oder sich im Eins-gegen-eins durchsetzen. Der Kopf macht den Unterschied. Wie stabil bis du? Wie gehst du mit Druck um? Wie kommst du aus einer schlechten Phase raus?
Konstanz reinbringen
Der TVB hatte einige schlechte Phasen in der vergangenen Saison.
Aber auch sehr gute. Die extremen Ausschläge nach unten wollen wir künftig vermeiden, an der Konstanz werden wir von Beginn an hart arbeiten.
Wie wichtig sind dabei die Führungsspieler?
Sie müssen sich immer zeigen, auch im Training, wenn wir den Druck simulieren. Aber alle Spieler sind wichtig.
Auf Johannes Bitter, den emotionalen Leader, müssen Sie verzichten.
Grundsätzlich ist ein emotionaler Spieler noch lange kein Führungsspieler. Víctor Tomás war bei uns in Barcelona ein Emotionsbündel, die Leitwölfe aber waren Aron Palmarsson, Ludovic Fabregas oder Dika Mem. Jogi verkörpert beides, keine Frage. Aber vielleicht haben sich andere Spieler, die auch diese Qualitäten haben, hinter ihm versteckt. Keiner wird von einem Tag auf den anderen die Hand heben und sagen: Ich bin ein Führungsspieler. Das ist ein Prozess.
Fallen stellen, Bälle klauen
Wie lange dauert der Prozess, bis Ihre Handschrift zu erkennen ist?
Da gibt es kein zeitliches Limit. In bestimmten Punkten hoffe ich, dass meine spanische Philosophie schnell zu erkennen ist.
Wo liegen deren Schwerpunkte?
In der Abwehr heißt das Stichwort Antizipation. Wir wollen agieren, statt zu reagieren. Statt den Gegenspieler mit einem Stockfoul zu stoppen, wollen wir die Passoptionen zustellen, Fallen stellen, den Gegner zu Fehlern zwingen, den Ball klauen.
Und im Angriff spielen Sie Tempohandball der Marke FC Barcelona?
Wir können bestimmt nicht spielen wie der FC Barcelona. Diese Mannschaft war megaschnell und lief über 60 Angriffe pro Spiel. Ich möchte in Stuttgart zunächst Kleinigkeiten ändern. Wir müssen schlau spielen, uns Schritt für Schritt weiterentwickeln. Ich muss mich als Trainer auch immer an das vorhandene Team anpassen.
Spanischer Abend mit Iker Romero
Mit dessen Zusammensetzung Sie beim TVB zufrieden sind?
Ja, die drei Neuen Tobias Thulin im Tor, Spielmacher Egon Hanusz und Rechtsaußen Sebastian Augustinsson sind Topverpflichtungen. Was uns sehr schmerzt ist der mehrwöchige Ausfall von Spielmacher Max Häfner wegen seiner Rücken-OP.
Haben Sie eigentlich mit Ihrem spanischen Landsmann Iker Romero, dem neuen Trainer von Zweitligist SG BBM Bietigheim, regelmäßig Kontakt?
Es ist schon witzig, dass die beiden einzigen spanischen Handballtrainer in Deutschland künftig im Umkreis von 20 Kilometern tätig sind. Wir werden bestimmt zusammen mit meinem Co-Trainer Vicente Alamo, der ja auch die Torhüterinnen der SG BBM trainiert, bald mal einen spanischen Abend veranstalten. Vielleicht laden wir noch Jens Bürkle ein (lacht), er ist zu einem meiner besten Freunde geworden (Anm. d. Red.: unter dem aktuellen Balinger Trainer war Sanchez Co-Trainer in Hannover).
Zur Person
Vita
Roy Sanchez kam am 15. März 1984 im spanischen Vigo (Galicien) zur Welt. Der studierte Telekommunikationsingenieur spielte selbst bis zur dritten Liga Handball. Als Trainer war er von 2004 bis 2012 für Academia Octavio und den spanischen Handballverband tätig.
Von 2013 bis 2017 arbeitete er bei der TSV Hannover-Burgdorf als Nachwuchstrainer (Drittligateam und A-Junioren) sowie von 2015 an als Co-Trainer der Bundesligamannschaft. Von 2017 bis 2021 war er für das B-Team des FC Barcelona zuständig. Er fungierte auch als Assistent von Chefcoach Xavier Pascual Fuertes.
Persönliches
Roi Sanchez ist verheiratet mit Cucha, einer Peruanerin. Er ist großer Fußballanhänger und Fan von Celta Vigo und dem FC Barcelona. Weitere Hobbys: Musik, Lesen, Padel-Tennis.