Das Handball-Derby TVB Stuttgart gegen Frisch Auf Göppingen ist auch das Duell der Linkshänder Kai Häfner (li.) gegen David Schmidt. Foto: Baumann/Bm

An diesem Freitag treffen der TVB Stuttgart und Frisch Auf Göppingen in der Porsche-Arena aufeinander. Kai Häfner und David Schmidt kennen beide Clubs und sprechen vor dem brisanten Derby über den bisher schwachen Saisonverlauf und die Perspektiven.

Der TVB Stuttgart und Frisch Auf Göppingen stehen beide mit nur 7:15 Punkten im unteren Drittel der Handball-Bundesliga-Tabelle. TVB-Nationalspieler Kai Häfner und sein Göppinger Linkshänder-Kollege David Schmidt sprechen vor dem direkten Duell an diesem Freitag (20 Uhr/Porsche-Arena) über:

 

Saisonverlauf

Häfner „Wir hatten uns einen besseren Start erhofft, wobei am Anfang auch knappe Niederlagen dabei waren. Es folgte eine gute Phase mit Siegen gegen Flensburg und in Hamburg, danach hätten wir aber gerne noch mehr Punkte mitgenommen.“

Schmidt „Wir spielen bisher eine sehr durchwachsene Saison, mit der wir auf keinen Fall zufrieden sein können. Vor allem die Niederlagen in Eisenach, in Wetzlar, beim Bergischen HC und gegen den HSV tun weh. Wir haben aber auch gute Spiele gezeigt und gepunktet wie gegen die Löwen, in Leipzig oder auch in Lemgo, wo wir zudem ins DHB-Pokal-Achtelfinale eingezogen sind.“

Mangelnde Konstanz

Häfner „Durch das fehlende Erfolgserlebnis zu Beginn mangelte es uns an Selbstverständnis und Lockerheit, der Druck stieg. Dann taten uns die Ausfälle von Adam Lönn und Jonas Truchanovicius sehr weh. Wenn du in dieser Liga nur 95 Prozent abrufst, hast du keine Chance. Du musst in jedem Spiel ans Maximum gehen.“

Schmidt „Wir haben uns gegenüber der vergangenen Saison in der Abwehr gesteigert. Dabei spielt die Rückkehr von Sebastian Heymann im Innenblock eine Rolle, aber auch die besseren Torhüterleistungen. Vor allem unser Neuzugang Bart Ravensbergen gibt uns den nötigen Rückhalt. Unsere Problemzone ist bisher der Angriff. Da fehlte uns zu häufig der Spielwitz, außerdem unterliefen uns zu viele technische Fehler. Zuletzt fehlte uns krankheitsbedingt allerdings unser Schlüsselspieler Josip Sarac, der am Freitag wohl wieder am Ball sein kann.“

„Automatismen fehlten“

Eigene Zwischenbilanz und Zukunft

Häfner „Ich bin nicht gut in die Saison reingekommen und habe selbst von mir mehr erhofft. So ein Vereinswechsel ist nie ganz einfach, zudem fehlten mir ein paar Wochen Vorbereitung und dadurch die Automatismen. Nun wird es aber immer besser. Mein Vertrag läuft bis 2025. Was danach kommt, ist offen.“

Schmidt Bis zu meiner Fersenprellung im Spiel gegen die Löwen war ich mit meinen Leistungen sehr zufrieden, danach habe ich oft nur das Abschlusstraining mitgemacht und dann gespielt. Jetzt befinde ich mich auf dem Weg der Besserung. Ich freue mich, dass ich meinen Vertrag bis 2026 verlängert habe. Ich fühle mich sehr wohl bei Frisch Auf, es war schon immer mein Traum, bei einem Traditionsverein zu spielen.“

https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.frisch-auf-goeppingen-warum-alfred-gislason-auf-handballer-sebastian-heymann-setzt.121a02d5-4da3-43d7-a154-f4599d4123cf.html

Qualitäten des Gegenübers

Häfner „David ist ein top Abwehrspieler, der aggressiv zur Sache geht. Vorne besticht er durch ein super Eins-gegen-Eins und einen sehr guten Wurf. Ich hoffe, dass er gegen uns nicht so zur Entfaltung kommt. (lacht)

Schmidt „Ich freue mich für Kai, dass er endlich mit seinem Bruder Max zusammenspielen kann. Er ist ein super Spieler, für den es nach der Rückkehr zum TVB nicht einfach war, da alle auf ihn schauten, er sozusagen als der Heilsbringer galt. Aber Kai ist nur einer von sechs Feldspielern in seinem Team und du brauchst die anderen fünf auch, um Erfolg zu haben. Und natürlich auch einen guten Torhüter – und da ist für mich Silvio Heinevetter der derzeit beste deutsche Torhüter.“

Absteiger-Prognose unmöglich“

Verrückte Ligaergebnisse

Häfner „Man sagt es gefühlt jedes Jahr, wie eng es zugeht. Aber der bisherige Saisonverlauf setzt noch einen drauf. Die Auf- sind nicht mehr automatisch die Absteiger. Überhaupt lässt es sich nicht prognostizieren, wen es am Ende erwischt. So lange wir nicht unten reinrutschen, ist mir das auch ziemlich egal.“

Schmidt „Die Liga ist enorm zusammengerückt, jeder kann jeden schlagen. Eine Prognose abzugeben, wer absteigt, ist praktisch unmöglich. Fünf Vereine haben 7:15 Punkte, darunter auch wir und der TVB. Wenn wir das Derby gewinnen, könnten wir in vier Wochen auch auf Platz sieben stehen.“

Unterschiede und Rivalität der Clubs

Häfner „Frisch Auf ist ein absoluter Traditionsverein mit einer sehr erfolgreichen Geschichte mit vielen Titeln. Der TVB hat auch Tradition, aber auf einer anderen Ebene. Es herrscht ein familiäres Flair, mit professionellen Strukturen, die sich extrem entwickelt haben. Die Rivalität werde ich am Freitag feststellen. Es geht um sehr viel, für uns sogar noch um einen Tick mehr, weil wir zu Hause spielen.“

Schmidt „Frisch Auf spielt schon viel länger in der Bundesliga und hat eine weitaus größere Tradition. In Göppingen sitzen viele Zuschauer in der Halle, die die ganz großen Erfolge des Clubs selbst noch miterlebt haben. Daraus entsteht eine stärkere Erwartungshaltung, der Druck ist deutlich größer. Es ist völlig klar, dass es für beide Vereine wichtig ist, vor dem anderen zu stehen. Da lässt sich dann eine vielleicht nicht ganz so optimale Platzierung besser verkraften. Zwei Punkte im Derby sind einfach Balsam für die Fan-Seele.“

„Nächster Schritt ist schwer“

Perspektiven der Clubs

Häfner „Frisch Auf kann ich schlecht einschätzen. Beim TVB hat sich vieles getan, aber die Liga hat sich insgesamt brutal weiterentwickelt. Von daher ist es enorm schwer, gerade diesen nächsten Schritt zu machen. Aber die Möglichkeit gibt es Stuttgart zweifelsohne.“

Schmidt „Ich tue mich schwer, dies für den TVB zu beurteilen. Der Club hat sich als ehemaliger Dorfverein in der Bundesliga etabliert – das sage ich nicht despektierlich, sondern voller Hochachtung. Das ist eine großartige Leistung. Ihr Saisonziel Top Ten können sie immer noch erreichen. Auch wir wollen in die obere Tabellenhälfte und würden liebend gerne auch wieder international spielen. Doch das steht bei sieben, acht anderen Clubs auch auf dem Wunschzettel.“

Meister-Tipp

Häfner „Vor der Saison habe ich auf Flensburg getippt, inzwischen sage ich, der SC Magdeburg macht’s.“

Schmidt „Die Füchse machen es bisher sehr gut. Sie oder der SC Magdeburg holen den Titel.“

Derby-Tipp

Häfner „Wir gewinnen mit zwei Toren Unterschied.“

Schmidt „Es wird ein enges, heißes Spiel. Einen Ergebnistipp gebe ich nicht ab, aber wir gewinnen knapp.“

EM-Chancen

Häfner „Der jüngste Lehrgang hat die Vorfreude geschürt. Ich hoffe natürlich, dabei zu sein. Es wäre vermessen, nur weil es eine Heim-EM ist, vom großen Wurf zu sprechen. Dafür hatten wir in den Vergleichen gegen die Top-Teams zu deutlich das Nachsehen. Aber das Potenzial, es mit jedem aufzunehmen, ist da.“

Schmidt „Man weiß doch aus dem Jahr 2007, was bei einem Heimturnier für eine Rieseneuphorie entstehen kann. Von daher ist bei einem guten Start auch das Halbfinale drin. Dass ich selbst noch auf den EM-Zug aufzuspringen, halte ich für eher unwahrscheinlich. Doch wenn ich gebraucht werde, bin ich da.“

Zur Person

Kai Häfner
Er wurde am 10. Juli 1989 in Schwäbisch Gmünd geboren. Seine Stationen: TSB Gmünd (1995 bis 2006), TV Bittenfeld (2006/2007), Frisch Auf Göppingen (2007 bis 2011), HBW Balingen-Weilstetten (2011 bis 2014), TSV Hannover-Burgdorf (2014 bis 2019), MT Melsungen (2019 bis 2023), jetzt TVB Stuttgart. Größte Erfolge: Junioren-Weltmeister 2009, EHF-Pokal-Sieger 2011, Europameister und Olympia-Bronze jeweils 2016. Er absolvierte 137 Länderspiele (327 Tore). Kai Häfner ist verheiratet mit Saskia. Das Paar wohnt in Lorch und hat einen Sohn (Levi/2 Jahre). Hobby: Reisen/Städtetrips. Häfners jüngerer Bruder Max spielt ebenfalls beim TVB Stuttgart.

David Schmidt
Er kam am 19. Oktober 1993 in Karlsruhe zur Welt. Seine Stationen: Rhein-Neckar Löwen (2008 bis 2015), TSG Friesenheim (2015 bis 2018), TVB Stuttgart (2018 bis 2020), Bergischer HC (2020 bis 2022), Frisch Auf Göppingen (seit 2022). Schmidt absolvierte 24 Länderspiele (32 Tore). Schmidt ist verheiratet mit Johanna. Das Paar hat einen kleinen Sohn Henry. (jüf)