Spanien wählt am 23. Juli ein neues Parlament: Die erste und einzige Fernsehdebatte zwischen den Spitzenkandidaten Pedro Sánchez und Alberto Núñez Feijóo endet in wüsten Beschimpfungen. In den Umfragen liegt der Herausforderer vorne.
Die Debatte dauerte ungefähr drei Minuten, danach begann die Groteske. Die Moderatorin hatte Pedro Sánchez, den Amtsinhaber, nach seiner Wirtschaftspolitik gefragt, worauf Sánchez gerne antwortete: „Wir haben Beschäftigung wie nie geschaffen, sagte er, wir haben das Wirtschaftswachstum vervierfacht“ – und Spanien sei die erste große Volkswirtschaft der EU, in der die Inflation auf unter zwei Prozent gesunken ist. „Was der Herr Feijóo und der Herr Abascal beabsichtigen, ist dies alles rückgängig zu machen.“
Das war ein klassischer Start für eine Fernsehdebatte. Zum ersten und einzigen Mal in diesem Wahlkampf für die Parlamentswahlen am 23. Juli trafen sich am Montagabend um 22 Uhr der sozialistische Ministerpräsident Sánchez und sein konservativer Herausforderer Alberto Núñez Feijóo, im Prinzip, um den Spaniern zu zeigen, wer der Bessere von den beiden ist. Aber offenbar waren sie mit anderen Absichten gekommen. Sie wollten sich streiten. Und wie.
Sánchez in Verteidigungsstellung
Feijóo, der ein eher ruhiges Gemüt besitzt, hätte Sánchez mit den Worten einer eben erst erschienenen Studie zu Spaniens wirtschaftlicher Lage antworten können: „Die offenbare Verbesserung der Arbeitslosigkeit muss man mit gewissem Vorbehalt betrachten.“ Er hätte ihn fragen können, was er wohl mit dem „vervierfachten Wirtschaftswachstum“ meinte – eine dieser hingeworfenen, von niemandem im Moment zu überprüfenden Zahlen –, und er hätte ihn auf die weiterhin hohe Kerninflation verweisen können (was er später tat). Aber Feijóo suchte die Konfrontation, was kaum jemand erwartet hätte, am wenigsten wohl Sánchez.
Anstatt also einen Dialog zu beginnen, sagte Feijóo: „Zu sagen, dass die Wirtschaft wie geschmiert laufe, ist eine Respektlosigkeit. Sie haben 40 Minister gehabt, und es gab eine populistische Wirtschaftspolitik von Podemos, eine der Kommunistischen Partei, eine der sanchistischen Partei und eine der Sozialistischen Partei.“ Als Feijóo die Kommunisten erwähnte, ungefähr drei Minuten nach Beginn der Debatte, sagte Sánchez zum ersten Mal, noch beinahe schüchtern: „Das ist nicht wahr.“ Die folgenden eindreiviertel Stunden hörte Sánchez nicht mehr auf, Feijóo ins Wort zu fallen, nicht schüchtern, sondern laut. Über weite Strecken war kein Wort mehr zu verstehen. Feijóo hatte Sanchez dort, wo er ihn haben wollte: in der Verteidigungsstellung. Eine Wirtshausdiskussion ist gewöhnlich zivilisierter, als es dieser Debattenabend war.
Herausforderer Feijóo liegt in den Umfragen zurzeit vorne
Argumentativ kamen die Kontrahenten bis kurz vor Mitternacht über diese ersten drei Minuten nicht hinaus. Sánchez findet, dass er gut regiert hat, und warnt außerdem vor dem Duo Feijóo-Abascal, das „dies alles“ rückgängig machen wolle. Santiago Abascal ist der Chef der Rechtsaußenpartei Vox, mit der Feijóo nach jetzigem Stand der Umfragen nach den Wahlen eine Koalitionsregierung bilden kann – und wohl auch wird. Ziemlich genau zur Halbzeit der Debatte machte sich Sánchez mit leicht überschlagender Stimme noch einmal Mut: „Ich sage Ihnen eins, Herr Feijóo. Wir werden die Wahlen gewinnen, zum einen, weil wir die Dinge in schwierigen Zeiten gut gemacht haben, aber zum anderen, weil die spanische Gesellschaft Ihnen und Abascal nicht erlauben wird, sie auf eine düstere Zeitreise wer weiß wohin zu schicken.“
Feijóo greift Sanchez direkt an
Im Moment sieht es allerdings so aus, als würde die Mehrheit der spanischen Gesellschaft genau das wollen. Sánchez kann das nicht verstehen und ist darüber verzweifelt. „Der Sanchismus ist alles Üble“, klagte Sánchez über die Karikatur, die seine Gegner von ihm zeichnen. Feijóo nahm den Ball auf, und im Ton eines Lehrers, der mit einem begriffsstutzigen Schüler spricht, erklärte er: „Der Sanchismus ist Überheblichkeit. Der Sanchismus ist, sein Gegenüber nicht zu Wort kommen zu lassen und arrogant zu seinem Gegner zu sein: zu Bildu und Esquerra nicht, aber zu mir schon.“
Das ist kurios an diesem Wahlkampf: Die beiden großen Parteien, die PSOE von Pedro Sánchez und die PP von Alberto Núñez Feijóo, werden im Parlament wahrscheinlich zum ersten Mal gemeinsam wieder mehr Sitze haben als 2015 – als das Ende der beiden großen Volksparteien zu nahen schien –, doch sie reden immer nur von den anderen: von Vox, von den Kommunisten, von Bildu (dem parlamentarischen Arm der untergegangenen Terrororganisation Eta) und Esquerra (einer der großen separatistischen Parteien aus Katalonien).
So war es auch an diesem Montagabend. Sollte sich ein unentschiedener Wähler die Debatte angeschaut haben, war er hinterher so schlau wie vorher. Das Publikumsinteresse war übrigens so gering wie noch nie: knapp sechs Millionen Zuschauer, weniger als die Hälfte als bei den großen Debatten zwischen Rajoy und Zapatero 2008.