Merlin Rose spielt einen der Straffälligen, die bei einem Bergcamp in Südtirol eine zweite Chance bekommen sollen. Foto: Luis Zeno Kuhn/Lailaps Pictures/X Filme

Zwischen „Lost“ und „Herr der Fliegen“: Mit der Serie „Wild Republic“ wollen die Telekom und das öffentlich-rechtliche Fernsehen gemeinsam Netflix und Co. bezwingen und schicken jugendliche Straftäter in die Alpen.

Stuttgart/Bonn/Berlin - Steffi mit den zwei Müttern hat ihre Schule angezündet. Can spielt ein bisschen zu gerne den Draufgänger. Kim ist auf die Romeo-Masche reingefallen, ging für ihren Freund erst auf den Strich und dann in den Knast. Justin verwechselt sich selbst mit dem Bösewicht aus einem Jams-Bond-Film, Lindi sieht aus wie ein biederes Landei, besitzt aber Killerinstinkte. Jessica hat ein Drogenproblem. Und Ron behauptet, er wäre nur hier, weil er Fahrräder geklaut habe. Irgendwo im Südtiroler Alpenmassiv treffen diese jugendlichen Straftäter aufeinander, sollen sich bei einem erlebnispädagogischen Camp wieder als Teil einer Gemeinschaft erfahren, Verantwortung übernehmen, Vertrauen lernen.

 

Zwischen „Herr der Fliegen“ und „Lost“

Nein, das ist keine dieser gruseligen Fremdschäm-Reality-Soaps des Privatfernsehens, sondern ein Coming-of-Age-Actiondrama in den Bergen, ein Kammerspiel in der freien Natur, ein Psychothriller, der sich einiges bei William Goldings Jugendroman „Herr der Fliegen“ und der Mysteryserie „Lost“ abgeschaut hat – und ein Großprojekt, das auch sonst ganz hoch hinaus will . An der Serie „Wild Republic“, die an diesem Donnerstag bei Magenta TV startet, sind neben dem Streamingdienst der Deutschen Telekom Arte, WDR, SWR und One beteiligt – also gleich mehrere öffentlich-rechtliche Sender, die den Achtteiler dann im kommenden Jahr ausstrahlen wollen.

Koproduktion nach dem Vorbild „Babylon Berlin“

„Wild Republic“ ist nicht die erste Serien-Koproduktion ungewöhnlicher Partner. Bei „Babylon Berlin“ haben etwa der Bezahlsender Sky und das Erste gemeinsame Sache gemacht – und das Ergebnis ist eine der besten deutschen TV-Serien überhaupt. Natürlich geht es bei solchen Koproduktionen vor allem ums Geld. Serien, die international eine Chance haben sollen, sind nicht billig. Ein Sender allein kann bei der Finanzierung nur schwer mit den Streaming-Giganten wie Netflix oder Amazon Prime mithalten.

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Der Nachteil solcher Koproduktionen ist allerdings, dass ganz viele Menschen mitreden wollen, wenn es um das Drehbuch, die Drehorte oder die Besetzung der Posten vor und hinter der Kamera geht. Wirklich originelle Ideen und unkonventionelle Ansätze haben da selten Bestand, weil es immer jemand gibt, der so einen Einfall zu gewagt, zu brutal, zu kompliziert findet. Und tatsächlich traut sich „Wild Republic“ nicht ganz so viel wie „Babylon Berlin“, verlässt erzählerisch trotz des Drehs in den Bergen nie wirklich sicheres Terrain.

Sozialarbeiterin wird zur Geisel

Spannend und hochdramatisch ist der Plot der Serie trotzdem. Denn natürlich geht dieses sozialpädagogische Experiment bereits in der ersten Nacht schief. „Wir haben schon immer gesagt, dass das alles ein Schwachsinn ist“, wird der Polizist aus dem nahe gelegenen Alpendorf selbstgefällig zu Protokoll geben, als vor ihm die Leiche des Bergführers liegt, der das Projekt begleiten sollte, aber in der Nacht erschlagen wurde. Die Jugendlichen sind verschwunden. Und sie haben die Sozialarbeiterin Rebecca als Geisel mitgenommen.

Routiniert erzählt die Serie nun auf zwei Ebenen. Zum einen geht es um diese von der Polizei gesuchte Gruppe ziemlich widerspenstig-eigenwilliger Jugendlicher. In der Abgeschiedenheit der Berge versuchen diese schwierigen Charaktere sich zusammenzuraufen, trotzen den widrigen Bedingungen, gründen eine Art geheime Bergrepublik, lernen trotz aller Machtspiele und Intrigen hin und wieder auch als Gruppe zu funktionieren – und setzen damit letztlich unbeaufsichtigt das sozialpädagogische Experiment fort.

Die Prostituierte und der politische Aktivist

Die andere Erzählebene widmet sich dem Vorleben der Jugendlichen, die hier zusammengefunden haben. Ob Lindi oder Can, Justin oder Jessica – sie alle stehen für komplizierte Biografien, für Lebensläufe, bei denen – mal früher, mal später – etwas gründlich danebenging. Zum Beispiel bei Kim (Emma Drogunova), die viel zu früh erwachsen werden musste, deren Mutter lethargisch vor der Glotze der verratzten Sozialwohnung hockt, während Kim im Supermarkt das Geld verdient und sich rührend um ihren behinderten Bruder kümmert. Als dieser nette Typ auftaucht, sieht Kim ihre Chance dieser kaputten Welt zu entkommen. Doch der erweist sich nur als Zuhälter. Ganz anders ist Ron (Merlin Rose) aufgewachsen, für den Geld nie ein Problem war, und der nicht wirklich in den Bergen gelandet ist, weil er Fahrräder geklaut hat. Tatsächlich ist er daran schuld, dass bei einer politischen Guerilla-Aktion, die er geplant hat, ein Wachmann zum Krüppel wurde. Weil Rons Vater (Ulrich Tukur) eine große Nummer in der Politik ist, wäre Ron zwar so davongekommen, doch um sich selbst und seinen Vater zu bestrafen, hat er sich selbst angezeigt.

Heimlicher Star der Serie: die Bergwelt

Das Autorenteam (Arne Nolting, Jan Martin Scharf und Klaus Wolfertstetter) räumt solchen Geschichten viel Platz im Drehbuch ein, gibt allen Schauspielerinnen und Schauspielern im Ensemble irgendwann einmal die Möglichkeit, sich ins Zentrum der Serie zu spielen. Heimlicher Hauptdarsteller ist aber trotzdem die Natur. Allein schon wie atemberaubend „Wild Republic“ diese in Szene setzt, wie die Kamera immer wieder den Blick auf das Alpenpanorama öffnet und von einer Drohne aus die Gipfel bestaunt und die Jugendlichen, die in dieser rauen Welt umherirren, aus der Distanz beobachtet, macht die Serie sehenswert.

Erwachsenwerden als wildes TV-Serien-Abenteuer

Mehrere deutsche Streamingserien inszenieren derzeit das Erwachsenwerden unter erschwerten Bedingungen.

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Wild Republic
Am Donnerstag, 15. April, sind die ersten beiden Episoden des Achtteilers bei Magenta TV verfügbar. Wöchentlich werden immer zwei weitere Episoden veröffentlicht. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen soll „Wild Republic“ im Jahr 2022 ausgestrahlt werden.