„The Nevers“ macht Frauen im Viktorianischen Zeitalter zu Superheldinnen. Joss Whedon („Buffy – Im Bann der Dämonen“) die fantastische Serie erfunden, die jetzt bei Sky zu sehen ist.
Stuttgart - Glanz und Elend drängen sich im London des späten 19. Jahrhunderts auf engstem Raum aneinander. Das Viktorianische Zeitalter steckt voller bizarrer Widersprüche, Geheimnisse und unterdrückter dunkler Fantasien. Während sich in der Gosse der Hauptstadt des Empires die hässliche Fratze der Industrialisierung spiegelt, ein Serienkiller, der sich Jack the Ripper nennt, Frauen ermordet, und der Adel sich als Dandy verkleidet auf dekadenten Partys selbst feiert, erfindet Arthur Conan Doyle Sherlock Holmes, erzählt Charles Dickens von Oliver Twist, erschafft Bram Stoker Dracula und blickt Jules Vernes in die Zukunft.
Ein bisschen „Bridgerton“ und ganz viel Joss Whedon
Die TV-Serie „The Nevers“, die an diesem Montag, 12. April, bei Sky startet, hat sich wie Stokers Vampir gierig mit allem vollgesogen, was die Viktorianik zu bieten hat. Sie ist Science-Fiction, Schauerroman, Sozialdrama, Detektivkrimi, Mysterythriller – garniert mit etwas „Bridgerton“-Opulenz und viel Joss-Whedon-Lakonie. Der Autor, Regisseur und Produzent lädt seine im vormodernen Großstadtmoloch London spielende Geschichte zudem magisch auf: Die launisch-geheimnisvolle Amalie True (Laura Donnelly) wird von Zukunftsvisionen geplant, ihre sanftmütige Freundin Penance Adair (Ann Skelly) ist die Viktorianische Version von James Bonds Tüftler Q. Gemeinsam bieten sie in einem Waisenhaus all jenen Unterschlupf, die wie sie übernatürliche Kräfte besitzen und deshalb gefürchtet oder verfolgt werden. Die meisten von ihnen sind Frauen.
Begabte Frauen stellen die Machtverhältnisse auf den Kopf
Warum auf einmal immer mehr Menschen spezielle Fähigkeiten entwickeln, verrät die Serie zunächst nicht. Nur so viel, dass zu diesen „Berührten“ zu zählen oft mehr ein Fluch als ein Geschenk ist. Die einen können Feuerbälle auf ihre Gegner schleudern, Kutschen zum Schweben bringen, über Flüsse spazieren, haben magische Heilkräfte oder bringen jeden und jede dazu, die Wahrheit zu sagen. Andere wiederum zerbrechen alles, was sie anfassen oder reden, wenn sie den Mund aufmachen, in einem völlig unverständlichen babylonischen Kauderwelsch aus Hunderten exotischen Sprachen.
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Die Frauen stellen aber definitiv eine Bedrohung der Männerwelt und der alten Ordnung dar. Denn obwohl die Ära, in der die Serie spielt, nach einer Frau benannt ist und Königin Viktoria von 1837 bis 1901 das britische Empire regierte, dürfen Frauen damals bestenfalls der Zierde ihrer Männer dienen, aber nicht wählen, nicht studieren und nichts besitzen. Was aber, wenn sich die Berührten verbünden und gemeinsam die gesellschaftliche Macht- und Rollenverteilung auf den Kopf stellen?
Utopie einer offenen, vorurteilsfreien Gesellschaft
Joss Whedon greift in „The Nevers“ damit eines seiner Lieblingsthemen auf. Lange bevor die Unterhaltungsindustrie versteckte Diskriminierung, Vorurteile und Geschlechter-Stereotype als Problem ihrer Produktionen erkannte und weibliche Selbstermächtigung und Diversität zentrale Themen gesellschaftlicher Debatten wurden, machte Whedon Serien darüber – am eindrücklichsten in „Buffy – Im Bann der Dämonen“ (1997-2003).
Die von den Quality-TV-Snobs oft übersehene Serie war ein in Popkultur getunkter subversiver Angriff auf reaktionär-autoritäre Tendenzen in der US-Gesellschaft, auf die Prüderie und Intoleranz bigotter religiöser Fanatiker, ein postfeministischer Rundumschlag, ein Manifest der Diversität, eine Aufforderung zum Anderssein. Buffys Kosmos war eine Welt, in der lesbische Hexen, reformierte Vampire, buddhistische Werwölfe und Mensch gewordene Rache-Dämoninnen friedlich zusammenlebten. Ausgerechnet der Höllenschlund im kalifornischen Sunnydale, der Monster jeglicher Art anzog, erwies sich als der Ort, an dem die Utopie einer offenen, vorurteilsfreien Gesellschaft möglich war.
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Auch im „Buffy“-Ableger „Angel“ und in den Science-Fiction-Serien „Firefly“ oder „Dollhouse“ setzte Whedon auf Ensembles, die sich durch ihre Vielfalt auszeichneten und schuf immer wieder unabhängige, selbstbestimmte Frauenfiguren, die sich unbedingt als Vorbild eignen. „The Nevers“ steht in dieser Tradition. Die Serie ist zum einen ein Plädoyer für eine Gesellschaft, die das Anderssein nicht nur zulässt, sondern als großartige Bereicherung erkennt. Zum anderen definiert sich keine der zentralen Frauenfiguren über einen Mann. Den Bechdel-Test, mit dem überprüft wird, ob weibliche Figuren in Filmen und Serien stereotyp gezeichnet sind, besteht „The Nevers“ glänzend.
Vorwurf: „Toxische Arbeitsatmosphäre“
Doch leider liegen auch hier Glanz und Elend nah beieinander. Dass sich Whedon, der in seinen Werken so sehr für ein offenes und vorurteilsfreies Miteinander wirbt, bei Dreharbeiten wie ein Tyrann verhalten soll, ist erschütternd. Charisma Carpenter, die als Cordelia Chase eine der Hauptdarstellerinnen in „Buffy“ und „Angel“ war, wirft Whedon inzwischen vor, sie damals gedemütigt und beleidigt zu haben. Ähnliche Anschuldigungen gibt es von Ray Fisher, Jason Momoa und Gal Gadot, die im Film „Justice League“ (2017), für den Whedon das Drehbuch schrieb, die Rollen von Cyborg, Aquaman und Wonder Woman spielten. Im wesentlichen lautet ihr Vorwurf, Joss Whedon habe eine „toxische Arbeitsatmosphäre“ geschaffen. Warner untersucht die Vorwürfe intern. Whedon war daher bereits im November 2020 als Autor, Produzent und Regisseur bei „The Nevers“ ausgestiegen. Zu den Anschuldigungen hat er sich bisher nicht öffentlich geäußert.
Der Filmemacher Joss Whedon
Person
Joss Whedon (56), ist ein US-amerikanischer Regisseur, Autor, Produzent. Seine Karriere begann er 1989 als Autor in der Sitcom „Roseanne“.
Werk
Joss Whedons wichtigste Arbeiten sind die Serien „Buffy – Im Bann der Dämonen“ (1997-2003), „Angel“ (1999-2004) und „Firefly“ (2002). Er führte bei den Filmen „The Avengers“ (2012) und „Avengers: Age of Ultron“ (2015) Regie, und er war Co-Autor der Drehbücher zu „Toy Story“ (1995) und „Alien – Die Wiedergeburt“ (1997).
Serienstart
„The Nevers“ ist seit Montag, 12. April, im Stream auf Sky Ticket sowie auf Sky Atlantic und über Sky Q (auf Deutsch oder im Original) verfügbar.