Stuttgart - Die Frage muss endlich geklärt werden: "Schwäbisch - nein danke?" Weil sich der Rest der Republik über die Mundart mit den Verkleinerungsformen mokiert? Oder doch: "Schwäbisch - ja bitte!" Zur 15. Filmschau Baden-Württemberg diskutierte eine hochkarätige Runde im Literaturhaus über diese Identitätszweifel.

Kommissar Ernst Bienzle hat Schwäbisch geschwätzt. Damit war er nicht der Einzige im "Tatort" aus Stuttgart. Nach 20 Jahren fiel der Bannstrahl einer gewissen Ächtung: Stuttgart solle nicht länger als gemütliche Schwabenmetropole verkauft werden, sondern als junge, dynamische Großstadt. Daher befleißigen sich die neuen Stuttgarter "Tatort"-Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz eines astreinen Hochdeutschs, Schwäbisch reden höchstens die Verbrecher. Keine Chance hat der Dialekt auch in der neuen SWR-Vorabend-Serie "SOKO Stuttgart". Wo bleibt jetzt das Schwäbische auf dem Bildschirm? Und warum, so die auch hier immer wieder gestellte Frage: Warum pflegen die Bayern ihr Idiom so viel selbstbewusster und sinnstiftend?

Dabei belegte der Drehbuchautor und Dozent Axel Melzener eindrucksvoll, welche kreativen Kräfte hier frei werden und dass das Land - bitte nicht Ländle! - auf dem Mediensektor mit einer Spitzenposition internationale Beachtung findet. Angefangen bei der Musik: "Hip-Hop nahm hier mit den Fantastischen Vier seinen Anfang." Über eine "lebhafte Comic-Szene": "Dass Asterix auch in Mundarten übersetzt wird, ist Klaus-Dieter Schmid zu verdanken, der als Student in Tübingen seinen rei'geschmeckten Kommilitonen Schwäbisch beibringen wollte und damit beim Verlag reüssierte." Die Special Effects für seine Hollywood-Filme lässt sich der Erfolgsregisseur Roland Emmerich aus Stuttgart von Absolventen der Filmakademie Ludwigsburg basteln, und ein Reutlinger mit dem Pseudonym "Dodokay" spielt selbstbewusst mit einem Klischee wie der Kehrwoche, wenn er auf You Tube US-Seriendarstellern wie Kiefer Sutherland schwäbische Texte unterschiebt.

Michael Hörrmann, der als Leiter des Landesmarketings die Kampagne "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" initiiert hatte, konnte auf letzte Untersuchungen verweisen: "Schwäbisch ist nicht so schlecht angesehen, wie immer geglaubt wird", versicherte er. Auch wenn Professor Hermann Bausinger, Volkskunde-Papst aus Tübingen, kritisierte, dass er hier nur ein "hochgedrechseltes Kunstschwäbisch" zu hören bekomme. Abgesehen davon, dass die vielen Mundarten im Kunstgebilde Baden-Württemberg nicht auf einen Nenner zu bringen seien. Er erhole sich beispielsweise gern bei den "Fallers" von der "Lindenstraße": Leider hätten die Geschichten von der Schwarzwaldfamilie eine geringe Reichweite und ihr Publikum vor allem dort, wo sie spielen.

Für Hörrmann, mittlerweile Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten, liegt der Kern des Problems nicht bei der Mundart: "Warum ist unser Bundesland nicht auf dem Niveau angesehen, das es verdient? Was wir brauchen, sind große Filme aus dem Land, die das vermitteln." "Dann müssen Sie uns mehr Geld geben", reagierte der Produzent Felix Zackor (Dreamtool Entertainment) prompt, führte zum Beweis besserer Finanzierung wieder den Bayerischen Rundfunk und das Land Bayern an und löste damit schwärmerische Erinnerungen an die Helmut-Dietl-Serien "Kir Royal" und "Monaco Franze" aus.

Aber die passionierten Schwäbisch-Hörer dürfen wieder hoffen: Frieder Scheiffele von Schwabenlandfilm präsentiert demnächst im dritten SWR-Programm die Serie "Laible und Frisch" über den Konkurrenzkampf zwischen einem schwäbischen Handwerksbäcker und einem - natürlich Hochdeutsch sprechenden - Großbäcker. An guten schwäbischen Mundart-Schauspielern fehle es nicht, versicherte Scheiffele. Auf bewährte Stützen wie Walter Schultheiß und Dietz-Werner Steck wollte er auch bei "Laible und Frisch" nicht verzichten. Und darum darf man sich fast wieder fühlen wie beim "Tatort" mit Kommissar Bienzle.