Brustkrebs-Patientin Okka Gundel Foto: WDR/Annika Fußwinkel

Wie verändert eine schwere Krankheit Freundschaften? Okka Gundel, die ARD-Sportexpertin, hat erlebt, wie solche Beziehungen auf den Prüfstand geraten und sagt, was ihr bis heute gut tut.

Waldspaziergänge und Fahrten zur Chemotherapie – was es für ein Drahtseilakt sein kann, den Weg einer Brustkrebsdiagnose mit Freundinnen und Freunden zu gehen, hat die ARD-Sportexpertin Okka Gundel erlebt. Sie sagt, ein Richtig und ein Falsch gebe es nicht. Und dennoch sind Freundschaften auf der Strecke geblieben. Ein Gespräch darüber, wem man sich anvertrauen kann und will, und über die Erkenntnis, dass ihr manche Zurufe, mal einen Kaffee zu trinken, jetzt zu oberflächlich sind.

 

Frau Gundel, wem haben Sie als Erstes von Ihrer Diagnose erzählt?

Oh, da muss ich mal überlegen. Als ich die finale Diagnose bekam, war mein Mann bei mir. Danach habe ich per SMS meinen engsten Freundinnen geschrieben, die schon in die unangenehme Phase des Verdachts eingeweiht waren. Es fiel mir sehr schwer, es auszusprechen. Manchmal habe ich mich vor den Spiegel gestellt, mich angeschaut und gesagt: Ich habe Brustkrebs. Und den ersten Verdacht habe ich tatsächlich mit einer Freundin geteilt, die mir bis dahin gar nicht so nahestand. Das war mehr aus der Situation heraus. Wir waren auf einer Veranstaltung, und sie spürte, dass etwas nicht stimmte und hat hartnäckig nachgefragt.

Sie haben nicht gezielt überlegt, wem vertraue ich mich jetzt an?

Doch, natürlich. Als klar war, dass ich eine Biopsie machen muss, eine Entnahme von Gewebeproben, da habe ich voller Panik eine sehr gute Freundin angerufen, von der ich wusste, dass sie mich unterstützen kann, die so etwas auch aushält und mir helfen kann. Das tat sehr gut.

Ging es Ihnen um die Hoheit über die eigene Geschichte?

Absolut. Es war mir wichtig, die Fäden selbst in der Hand zu haben. Meine unterschiedlichen Chefs habe ich schnell eingeweiht, mit der Bitte um Verschwiegenheit. Das hat sehr gut geklappt. Es ging auch darum, dass es erst mal nicht in die Öffentlichkeit gerät. Ich habe dann ja auch schnell gar nicht mehr gearbeitet. Außerdem sollten meine Kinder, die damals zwölf, neun und sieben Jahre alt waren, erst nach der kompletten Diagnostik davon erfahren, in der Hoffnung, ihnen die gute Botschaft mitgeben zu können, dass ich auch wieder gesund werden kann.

Welche Rolle haben Freundinnen oder Freunde gespielt?

Es sind tatsächlich mehr Freundinnen. Aber weil das alles am Anfang der Coronazeit geschehen ist, gab es wenig persönliche Treffen. Da konnte man halt nicht sehr viel anderes machen als mit Abstand spazieren gehen. Es ist interessant, dass sich Freundschaften aufgelöst haben, von denen ich dachte, dass es mit denen gut ist und auch gut bleiben wird. Und bei anderen, die mir gar nicht so nahestanden, war das genau anders. Das meine ich ganz ohne Vorwurf. Überhaupt ist es mir komischerweise leichter gefallen, mit Menschen zu sprechen, die mir nicht so nahestanden. Und insgesamt habe ich durch diese Krise noch mal anders auf Freundschaften geschaut und intuitiv Freundschaften auslaufen lassen. Da steckte die Frage dahinter, ob ich mich mit dieser Freundschaft wohlfühle. Möchte ich mich dieser Person anvertrauen und kann ich ihr wirklich vertrauen? Ich habe mir auch die Frage gestellt, kann ich eine Freundin mit meiner Geschichte belasten oder ist die nicht schon genug mit sich selbst beschäftigt?

Mit Konsequenzen?

Ja. Es haben sich auch Freundschaften aufgelöst, in denen es zuvor schon etwas anstrengend war. Das war einerseits reinigend und andererseits auch traurig.

Gab es auch positive Überraschungen?

Ich hatte eine Freundin, mit der ich vorher gar nicht so eng befreundet war. Sie hat sich sehr um mich gekümmert.

Was hat sie anders gemacht als andere?

Sie hat einfach gemacht. Sie hat nicht gesagt: Melde dich doch mal, wenn du Lust hast. Sie hat gesagt, wann sie Zeit hat und dass sie mich für einen Waldspaziergang abholt und ich mich um nichts kümmern muss.

Eine Pragmatikerin.

Ja, aber auch eine mit Esprit. Sie hat sich einfach schöne Sachen ausgedacht. Ab und zu kleine Geschenke nach der Chemo mitgebracht. Sie war sehr motivierend. Im Endeffekt war mir das dann allerdings fast ein bisschen zu viel. So viel zur Frage, ob man es überhaupt richtig machen kann.

Kann man?

Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Das ist definitiv ein Learning, das ich mitnehme. Jeder macht es, so gut er kann. Auf beiden Seiten. Wenn man so schwer erkrankt, dann verändert man sich ja selbst auch. Die Chemotherapie hat psychisch viel mit mir gemacht. Ich hatte viel mit mir selbst zu tun. Jeder muss am Ende schauen, was einem guttut und seine Prioritäten setzen.

Das müssen die anderen aushalten?

Langjährige Freundinnen haben mir im Nachhinein gesagt, dass ich mich sehr zurückgezogen hätte damals. Das stimmt auch. Ich habe mich wenig gemeldet und auch nicht immer geantwortet. Und das Tolle an echten Freundinnen ist, dass es für sie okay war, weil sie erkannt haben, dass ich mich in einer Ausnahmesituation befinde. Ich war einfach mit mir selbst beschäftigt und habe mich in dieser herausfordernden Zeit auf ein paar ganz wenige Menschen konzentriert. Und die sich auch auf mich. Eine Freundin hat mich zum Beispiel wochenlang zu den Chemotherapien hingefahren und auch wieder abgeholt.

Was hat sie genervt?

Ratschläge wie: Das ist doch so gut heilbar, das schaffst du schon. Oder wenn die Haare ausfallen, Ermutigungen wie: Das ist doch nicht schlimm, die kommen ja wieder. Das habe ich aber selbst früher genauso gesagt. Mittlerweile schäme ich mich fast dafür. Mit solchen Äußerungen tut man eine Krankheit und alles, was sie mit sich bringt, ab. Man bagatellisiert sie. Das ist nicht gut. Mir tat es weh, meine Haare zu verlieren. Ich hatte richtig Angst vor der Chemo. Was sie mit mir machen würde und ob sie wirklich anschlägt.

Hatten Sie in manchen Gesprächen das Gefühl, Sie müssten jetzt Ihr Gegenüber trösten, weil die anderen Angst hatten, selbst zu erkranken?

Auf jeden Fall. Mir war es unangenehm, das auszusprechen. Ich habe oft etwas distanziert gesagt: Ich habe die Diagnose Brustkrebs bekommen. Die Leute sind halt geschockt. Erst recht Gleichaltrige, weil es beweist, dass man nicht allzu alt sein muss, um so eine Diagnose zu bekommen. Ich war damals gerade 45. Klar macht das dann was mit dem Gegenüber.

Welche Erwartungen haben Sie jetzt an Freundinnen, wo alle glauben, es sei wieder alles normal?

Tatsächlich so gut wie keine. Das macht vieles einfacher. Ich freue mich immer, wenn ich Freundinnen treffe und sie mich fragen, wie es mir geht und auch an einer ehrlichen Antwort interessiert sind. Freundinnen, die zuhören und die auf die Zwischentöne hören. Ehrliches Interesse, das macht mich glücklich. Das schafft Verbindung. Was ich mittlerweile nur noch schwer ertrage, sind Oberflächlichkeiten. Wenn Freundinnen schreiben: Hi, wie geht’s? Lass uns doch mal wieder einen Kaffee trinken. Das ist mir zu unkonkret. Da reagiere ich eigentlich auch nicht mehr drauf. Insgesamt verabrede und treffe ich mich deutlich weniger als früher. Meine Sehnsucht nach Ruhe und Innehalten ist definitiv größer geworden, und ich bin tatsächlich auch einfach sehr gerne mit mir allein.

Hilfe im Alltag

Person
Okka Gundel (49) ist Journalistin und Fernsehmoderatorin mit Schwerpunkt Sport. Sie arbeitet für das ARD-Morgenmagazin, die Tagesthemen und die Sportschau. 2020 erkrankte die dreifache Mutter an Brustkrebs und machte ihre Erkrankung öffentlich. Neben der Alzheimer Gesellschaft engagiert sie sich für die Brustkrebs-Plattform PINK – aktiv gegen Brustkrebs.

Unterstützung
Die PINK App wurde von der Professorin für Gynäkologie Pia Wülfing während Corona entwickelt. Sie ist aus einem Podcast entstanden, in dem die Ärztin Brustkrebs erklärte und der auf eine große Resonanz stieß. Die App begleitet Betroffene bis in die Nachsorge durch alle Phasen ihrer Erkrankung. Sie ist werbefrei und bietet Infos aus Medizin, Ernährungswissenschaften, mentaler Gesundheit und Sport. Sie muss von Frauenärztinnen, Hausärztinnen oder Onkologen als digitale Gesundheitsanwendung (diga) verschrieben werden.