In der Rottweiler Waldorfschule nimmt Reporter Frank Seibert den Unterricht genauer unter die Lupe. Foto: SWR/Jens Pfeifer

Immer wieder stehen Waldorfschulen in der Kritik. Nun wurden sie in einem Beitrag des ARD – anhand des Beispiels der Rottweiler Waldorfschule – kritisch durchleuchtet. Wie die Dreharbeiten abliefen, erzählt Schul-Geschäftsführer Christoph Sander.

Unterrichtsbeginn in der Klasse von Ursula Schmusch. An die Tafel hat sie die Szene „David gegen Goliath“ gemalt. Ihre Drittklässler arbeiten nach dem alltäglichen Morgenspruch an ihren so genannten Epochenheften, Und mittendrin: Reporter Frank Seibert, der in seinem rund 45-minütigen ARD-Beitrag typischen Waldorfschulen-Klischees auf den Grund geht und die Schulform hinterfragt.

 

1. Wie kam es dazu, dass die Rottweiler Waldorfschule in dem Beitrag auftaucht? „In den letzten zwei Jahren ist der Fokus auf die Waldorfschulen-Bewegung immer stärker geworden“, sagt Christoph Sander, Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Rottweil und geschäftsführender Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen. Kürzlich erst sprach er als Podiumsgast bei der Ausbildungsmesse „Didacta“ in Stuttgart über die Notwendigkeit freier Schulen.

Bereits im Juni 2022 habe das Fernsehen wegen des geplanten Beitrags bei verschiedenen Waldorfschulen angefragt. „Eigentlich hätte das Ganze auch schon im Herbst ausgestrahlt werden sollen, aber dann kam Böhmermanns Sendung“, sagt Sander. Daraufhin sei der Duktus des ARD-Beitrags verändert worden.

Übrigens: Das Thema Coronaleugner spielte im Beitrag keine Rolle – obwohl die Waldorfschule im Winter in diesen „Dunstkreis“ geriet. Letztlich seien es laut Sander etwa zehn Familien gewesen, die sich kritisch zu den Corona-Maßnahmen geäußert und dafür die große Reichweite an der Waldorfschule missbraucht hätten.

2. Zurück zum TV-Beitrag: Wie liefen die Dreharbeiten ab, und wie viel Mitspracherecht hatte die Schule? „Die Schüler wussten im Vorfeld nicht, dass ein Kamerateam kommt. Von den Eltern haben wir natürlich das Einverständnis eingeholt“, schildert Sander. Die Dreharbeiten in Rottweil dauerten etwa drei Tage. Einen Fragenkatalog im Vorfeld gab es nicht. „Da wurde nichts abgestimmt. Das war natürlich ein Wagnis, aber gleichzeitig auch authentischer“, sagt Sander. Klassenlehrerin Ursula Schmusch habe es Überwindung gekostet, das Team, bestehend aus Kamera- und Tonmann, Reporter und Regisseur, in den geschützten Raum des Klassenzimmers zu lassen.

3. Wie zufrieden ist Sander mit dem Beitrag, und was fehlt aus seiner Sicht? Insgesamt sei von den drei Drehtagen leider recht wenig Material übrig geblieben, sagt der Schul-Geschäftsführer. „Mit mir wurde beispielsweise ein 45-minütiges Interview geführt, das jetzt gar nicht drin ist. Schade, denn darin habe ich darüber gesprochen, warum es freie Schulen überhaupt gibt. Das hätte dem Beitrag gut getan.“ Die Lehrer und Schüler seien ein wenig enttäuscht darüber gewesen, dass bei so großem Aufwand doch so wenig Material verwendet wurde.

Aus Sanders Sicht gibt es zudem missverständliche Passagen, etwa als sich ein Paar, das sein Kind an einer Waldorfschule unterrichten ließ, kritisch äußert. An dieser Stelle werde nicht klar, dass das Paar nicht aus Rottweil komme und folglich auch nicht die Rottweiler Waldorfschule meine.

4. Was sagt Sander zu den Kritikpunkten im Beitrag? An einer Stelle geht es zudem um die Epochenhefte, in die die Schüler Texte und Bilder von der Tafel abschreiben beziehungsweise abmalen. Beim Betrachten verschiedener Epochenhefte stolpert Reporter Frank Seibert über „merkwürdige Inhalte“. So wird in einem Heft geschrieben, dass die Menschheit ihren Ursprung in Atlantis hat, und an anderer Stelle, dass die Ameise ein Reptil sei. Auch da vermisst Christoph Sander eine Einordnung, denn Epochenhefte wie diese gebe es in der Rottweiler Waldorfschule definitiv nicht.

Aber an anderen Waldorfschulen? „So etwas gibt es da, wo die Freiheit fehlinterpretiert wird“, sagt Sander. Die Lehren des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner unreflektiert zu übernehmen, sei brandgefährlich. Stattdessen gelte es, Steiner ins Heute zu interpretieren. Als Beispiel nennt Sander Aristoteles. Dessen Logik wende man heute noch an, zum Glück aber nicht dessen Frauenbild.

Ein Dauerbrenner-Kritikpunkt, der auch im TV-Beitrag genannt wird, sei die Frage der Wissenschaftlichkeit des Unterrichts. Sander sagt dazu: Zwar gebe es eine eigenständige Lehrerausbildung für Waldorfschulen, jedoch handle es sich um akkreditierte, staatlich überprüfte Studiengänge. „Hier muss man Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit unterscheiden.“ Die Waldorfschule sei eine staatlich anerkannte „Ersatzschule“, die andere Wege als Noten zur Lehrstandserhebung wähle, nämlich schriftliche Beurteilungen.

Und die Anthroposophie, die „Lehre vom Menschen“, sei kein Unterrichtsfach, sondern biete nur die Basis für eine andere innere Haltung, einen anderen Blick auf das Lehren. Dogmatismus sei seiner Meinung nach übrigens immer falsch, egal, bei welcher Lehre.

5. Wieso ist man in Rottweil das Risiko der Kritik eingegangen und hat den Dreharbeiten zugestimmt? „Viele Menschen nehmen sich das Recht, für unsere Bewegung zu sprechen“, sagt Christoph Sander. Niemand habe die Deutungshoheit. Umso wichtiger sei es für ihn, das Ganze offensiv anzugehen und die Möglichkeit der Erklärung über den TV-Beitrag zu nutzen. „Denn wir haben nichts zu verstecken. Manches ist eben nur erklärungsbedürftig.“ Natürlich sei es legitim, wenn der Reporter sein Kind nicht in die Waldorfschule schicken würde. „Für andere Menschen ist es aber genau der richtige Ort. Und wer Fragen hat, der soll sie gern stellen.“

Informationen zur Sendung

Die Idee
Reporter Frank Seibert taucht in die Waldorfschule ein und nimmt unter die Lupe, wie die Schulform funktioniert, was gut ist und was kritisch gesehen wird. Dabei ist er beim Unterricht der Drittklässler in der Waldorfschule Rottweil dabei und spricht sowohl mit Lehrern und Schülern als auch mit Eltern, Kritikern und Erziehungswissenschaftlern. Es geht auch darum, wie viel von der Weltanschauung des Anthroposophie-Begründers Rudolf Steiner noch heute im Unterricht steckt.

Wo kann man den Beitrag sehen?
Abrufbar ist der Beitrag unter dem Titel „Frank Seibert in der Waldorfschule – Recherche-Dreiteiler zur Anthroposophie“ in der ARD-Mediathek