Marlene Gotthardt trat am Freitagabend trotz Trainingsrückstands beim DTB-Pokal an. Foto: Baumann

Im Rahmen des Turnskandals wurde in den vergangenen Wochen über Vieles und mit Vielen gesprochen. Aber: Wie erging es eigentlich den aktuellen Turnerinnen am Stützpunkt Stuttgart? Eine von ihnen hat beim DTB-Pokal darüber gesprochen.

Seit Ende Dezember des vergangenen Jahres beherrscht ein Thema die deutsche Turnszene, vor allem jene in Baden-Württemberg – es sind die Vorwürfe, die zahlreiche ehemalige und auch aktive Turnerinnen mit Blick auf den Umgang mit ihnen im Training formuliert haben. Seitdem wurde viel diskutiert. Mit Betroffenen und Funktionären, mit und über Trainerinnen und Trainer, über die Aufarbeitung und mögliche Konsequenzen. Aber: Wie sehen eigentlich jene Turnerinnen die Lage, die offensichtlich keine derart negativen Erfahrungen gemacht haben, plötzlich aber ohne ihr gewohntes Trainingsumfeld dastanden?

 

Als erste Turnerin jener Gruppe vom Stuttgarter Kunstturnforum (KTF) hat sich im Rahmen des DTB-Pokals Marlene Gotthardt dazu geäußert. Offen und sehr klar.

Zuvor hatte sie in der Team Challenge des DTB-Pokals geturnt. Nur an zwei, nicht an allen vier Geräten, für einen Platz in den Gerätefinals am Sonntag hat es im Gegensatz zu 2024 nicht gereicht. Weil sie in den vergangenen Wochen zweimal krank gewesen ist. Aber auch, weil sie noch deutlichen Trainingsrückstand hat. „Ich wäre normalerweise eineinhalb Monate weiter“, sagt sie in den Katakomben der Porsche-Arena. Der Grund liegt auf der Hand.

Begonnen hat für die Turnerinnen am Standort Stuttgart alles Mitte/Ende Dezember. „Beim letzten Training vor Weihnachten“, erzählt Marlene Gotthardt, „wurde uns gesagt, dass wir nicht in die Halle gehen dürfen.“ Seitdem, betont sie, „hat sich alles verändert“.

Als Reaktion auf die Vorwürfe im Laufe des Jahres 2024 suspendierte der Schwäbische Turnerbund (STB) eine Trainerin und einen Trainer. Vor Weihnachten zunächst vorläufig, Mitte Januar dann dauerhaft. Es geht inhaltlich um den Vorwurf der verbalen Gewalt, der STB-Präsident Markus Frank sprach am Sonntag von „Nötigung“, daher ermittelt auch die Staatsanwaltschaft. Von „dauerhaften personellen Maßnahmen“ ist beim Verband die Rede. Dazu kamen zwei weitere vorübergehende Abwesenheiten von Übungsleitern.

Aimee Boorman ist seit Anfang März Trainerin am Kunstturnforum in Stuttgart. Foto: Pressefoto Baumann/Alexander Keppler

Erst im neuen Jahr durften die Stuttgarter Spitzenturnerinnen wieder im KTF trainieren – allerdings eben ohne ihre bisherigen direkten Bezugspersonen und verantwortlichen Trainer. Wie es weiter gehen soll, war nicht nur zu diesem frühen Zeitpunkt völlig offen. „Wir wussten eigentlich überhaupt nichts“, erinnert sich die 16-jährige Marlene Gotthardt, „nicht, wie es weitergeht, nicht, ob jemand Neues kommt.“ Die vergangenen Wochen seien daher „ziemlich wirr“ gewesen. Und das Training „auch nicht so gut, wie es normalerweise ist“. Der Teenager beschreibt diese Zeit als „schwierig“. Für die ganze Gruppe, aber auch für sie persönlich. Zum einen, weil sie ein Typ sei, der gerne weiß, wie es die jeweils nächsten Wochen weitergeht. Sie mag es, verlässliche Pläne zu haben. Andererseits, weil sie und die anderen Mitglieder jener Trainingsgruppe „überhaupt nicht nachvollziehen“ konnten, warum es Vorwürfe zu den aktuellen Zuständen gab.

Sie könne zwar keine Auskunft geben, wie es war, ehe sie vor einigen Jahren ans KTF kam. Sie fand den Umgang mit ihr selbst in den dreieinhalb vergangenen Jahren aber „immer voll ok“. Daher „waren wir geschockt über das, was ansonsten berichtet wurde“, sagt Marlene Gotthardt, die vor allem eines nicht verstehen kann: „Keiner hat gefragt, wie es uns eigentlich geht in dieser Situation. Es kamen keine Reaktionen auf unsere Gefühle und unsere Sichtweise.“ Auch mit den meist ehemaligen Athletinnen, die die Vorwürfe vor allem formuliert haben, hätten sie keinen Kontakt gehabt. Marlene Gotthardt ergänzt: „Wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollen.“

Der Verband berichtete jüngst, es habe insgesamt 19 Meldungen zu Missständen gegeben in den vergangenen Monaten, drei davon hätten sich auf die aktuelle Situation am KTF bezogen. Dort hat sich die Trainersituation zuletzt leicht entspannt. Zumindest die vier Spitzenturnerinnen, darunter auch die Olympia-Überraschung Helen Kevric – sie turnte am Wochenende noch nicht –, haben seit Anfang März wieder eine persönliche Trainerin. „Es ist schon eine große Umstellung“, sagt Marlene Gotthardt über die Einheiten mit der Amerikanerin Aimee Boorman, „aber ich bin offen für Neues.“ Vor allem wirkt sie erleichtert, dass nun wieder – zumindest bis Sommer – Klarheit herrscht im Stuttgarter Trainingsalltag. Womöglich bleibt die ehemalige Trainerin von US-Superstar Simone Biles ja auch länger in Stuttgart als vorläufig vereinbart.

Die Turn-EM in Leipzig bleibt trotz allem das ZielM

Ziel bleibt trotz allem, den Weg Richtung Heim-EM in Leipzig (26. bis zum 31. Mai) erfolgreich zu gehen. In zwei Wochen steht im italienischen Jesolo der nächste internationale Wettkampf an. „Dann“, sagt Marlene Gotthardt, „kann ich hoffentlich wieder an allen Geräten turnen.“