Helen Kevric gibt alles – aber es reicht nicht ganz für eine Medaille. Foto: AFP/GABRIEL BOUYS

Die Stuttgarterin Helen Kevric ist enttäuscht, weil sie bei der Turn-Europameisterschaft in Rimini eine Medaille verpasst – doch sie blickt weiter zuversichtlich nach vorn.

Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen von Helen Kevric, als sie am Samstagabend in der Mixed Zone der Messehalle von Rimini stand. Die Enttäuschung darüber, bei den Europameisterschaften in Italien im Finale am Stufenbarren eine Medaille knapp verpasst zu haben, konnte und wollte die junge Stuttgarterin nicht verhehlen. Dennoch wirkte sie auch, als wäre ihr eine Last von den Schultern gefallen.

 

Um die Winzigkeit von 0,034 Punkten war die 16 Jahre alte Turnerin beim Triumph der Italienerin Alice D’Amato mit 14,600 Zählern an einem Podestplatz vorbeigeschrammt, eine minimale Differenz trennte die viertplatzierte Deutsche bei 13,866 Punkten von der erst ganz zum Schluss gestarteten Bronzemedaillengewinnerin Georgia-Mae Fenton aus Großbritannien.

Der Hindorff, ein Risikoelement, bei dem die Sportlerin in gebückter Haltung rückwärts über den oberen Holm fliegt, war Kevric im Finale der besten acht Doppelreck-Spezialistinnen nicht gut gelungen. Bemüht, einen Sturz wie im Einturnen zu vermeiden, als sie, zu weit vom runden Holz entfernt, dieses nicht wieder richtig packen konnte und in Bauchlage auf dem Boden landete, kam sie im Wettkampf zu nahe dran. Drei Zehntel habe sie der Fang mit stark gebeugten Armen gekostet, erklärte sie. Sie sei allerdings auch „ziemlich aufgeregt“ gewesen.

Zum ersten Mal betrat Kevric bei diesen Titelkämpfen an der Adriaküste die internationale Bühne der Frauen und stand unter besonderer Beobachtung. Als Juniorin hatte das Ausnahmetalent für viel Furore gesorgt, die Schwäbin mit den schönen Körperlinien gewann 2022 als erste Deutsche den EM-Mehrkampf. Die Erwartungen an sie sind auch in der offenen Klasse hoch, Kevric wird zusammen mit der in der gleichen Halle trainierenden deutschen Rekordmeisterin Elisabeth Seitz als heißeste Kandidatin auf das noch verbliebene dritte Olympiaticket des Deutschen Turner-Bundes (DTB) für die Spiele in diesem Sommer in Paris gehandelt. Sie verspüre keinen Druck, betonte die Aufsteigerin. „Wenn, dann mache ich ihn mir selbst, weil ich recht hohe Erwartungen an mich habe.“

Fußprobleme vor der EM

Wenn sie zurück ist aus dem Süden, will sie noch in dieser Woche an allen Geräten mit der Vorbereitung auf die deutschen Meisterschaften Anfang Juni in Frankfurt beginnen, die als erste von zwei nationalen Olympiaqualifikationen gelten. Wer dabei das meiste Potenzial für einen Finalplatz oder sogar eine Medaille in Frankreich zeigt, soll zusammen mit den bereits qualifizierten Starterinnen Pauline Schäfer-Betz aus Chemnitz und Sarah Voss aus Köln zum Großereignis ins Nachbarland reisen, unabhängig davon, ob der Beweis nur an einem Gerät oder im Mehrkampf angetreten wird.

Kevric war wegen Fußproblemen im Vorfeld bei der EM nur an den Stufenbarren gegangen, will sich aber – anders als Seitz, für die das nach ihrem Achillessehnenriss im September nicht möglich sein wird – bald wieder im Vierkampf der Konkurrenz stellen. Sie habe, nachdem sie in den vergangenen beiden Jahren immer wieder Probleme an einem oder beiden Sprunggelenken hatte, aktuell keinerlei Beschwerden mehr, sagte Kevric. Auch mit der neuen Länge ihres Körpers, der nach einem Wachstumsschub jetzt 1,64 Meter misst, komme sie nach einer Umgewöhnungsphase klar. „Mein Ziel sind auf jeden Fall die Olympischen Spiele“, betonte Kevric. Sie würde gerne schon diesmal dabei sein. „Aber ich schaue von Wettkampf zu Wettkampf und will mir keinen Stress machen.“

Marlene Gotthardt bleibt cool

Team- und Trainingskollegin Marlene Gotthardt gelang genau dies schon während ihres ersten EM-Finals vorbildlich. Als Siebte in die Entscheidung am Sprung einzogen, „war die Aufregung nicht so groß wie in der Quali“, erzählte die 15-Jährige, die ebenfalls ihr erstes Frauenjahr erlebt. Selbst mit besseren Durchgängen wäre für sie am Samstag kaum mehr drin gewesen als die am Ende geglückte Bestätigung des Vorkampfergebnisses als Siebte mit einem Mittelwert von 13,166 beim Sieg der Französin Coline Devillard (13,866), erklärte Gotthardt ihre Entspanntheit vor großer Kulisse. Für zusätzliche Coolness sorgte, dass sie in der fünftplatzierten Chemnitzerin Karina Schönmaier (13,466) eine weitere Deutsche an ihrer Seite hatte.

Gotthardt zeigte bei einem Jurtschenko, einem Rondat-Sprung, mit eineinhalbfacher Schraube, den sie erst seit diesem Jahr beherrscht, und einem Überschlag-Salto mit ganzer Schraube zwei Vorwärts-Landungen. „Die liegen mir, weil ich einen guten Überblick dabei habe“, erklärte sie. Allein sich bei den Großen auf Anhieb in den elitären Kreis derer katapultiert zu haben, die in den Finals um Edelmetall streiten, bedeutete für das Küken in der DTB-Riege bereits einen äußerst erfreulichen Erfolg. Das Lächeln fiel deshalb leicht.