Das Brauerei-Areal im April 2016. Foto: Pieper

Mit dem geplanten Abriss des Turms geht bald das letzte Überbleibsel der Oberndorfer Traditionsbrauerei verloren. Ein Blick in die Archive offenbart die spannende Geschichte des Unternehmens.

Oberndorf - Die Anfänge gehen ins Jahr 1827 zurück. Damals wurde in der Rosenbergstraße ein Brauhaus errichtet, das den Namen Schwanenbrauerei trug. Sieben Brauer stellten hier gemeinsam Bier her. Doch in den folgenden Jahren sprang einer nach dem anderen ab, später wechselte mehrfach der Besitzer. In den Jahren 1847 und 1861 brannte die Brauerei ab. Beide Male wurde sie wieder aufgebaut.

Der Wendepunkt kam im Jahr 1886, als der gerade mal 28-jährige Karl Graf die Brauerei für 32.500 Goldmark (schätzungsweise 240.000 Euro) aufkaufte. Er war der jüngste von drei Kindern einer Sigmaringer Bierbrauerfamilie. Mit der Kauf wagte er den großen Schritt und machte sich selbstständig. Unter seiner Leitung begann das Geschäft zu florieren.

Umliegende Ortschaften mit Bierkutschen angefahren

Es sprach sich herum, wie gut sein Bier war, die Nachfrage in der Region nahm zu. Schon bald wurden die umliegenden Ortschaften mit Bierkutschen angefahren. Karl Graf rüstete die Anlage immer weiter auf und steigerte die Produktion. Bereits zur Jahrhundertwende produzierte das Unternehmen jährlich rund 10.000 Hektoliter, also eine Million Liter Bier.

1906 stieg Friedrich Eder als Braumeister in den Betrieb ein. Er war Sohn eines Brauereibesitzers bei Aschaffenburg. Er war 22 Jahre jünger als Graf und heiratete bald darauf dessen Tochter. Eder prägte in den folgenden Jahrzehnten die Entwicklung des Unternehmens maßgeblich mit.

Krieg stellt Brauerei vor Herausforderungen

Der Erste Weltkrieg stellte den Betrieb vor große Herausforderungen. Mitarbeiter wurden zum Kriegsdienst berufen, das von der Regierung angeordnete Dünnbier verkaufte sich schlecht und Lieferengpässe erschwerten die Produktion.

Nach Kriegsende gab Karl Graf die Leitung an seinen inzwischen 23 Jahre alten Sohn Hermann Graf und seinen Schwiegersohn Friedrich Eder ab.

Preise steigen ins Unermessliche

In dieser Zeit setzte regelrecht ein Brauerei-Sterben ein. In der Region um Oberndorf mussten gleich sieben Betriebe schließen. Zwar war die Brauerei Graf auch von den Folgen des Kriegs nicht verschont geblieben, dennoch schien es dem Unternehmen vergleichsweise gut zu gehen. 1919 konnte die benachbarte Lamm-Brauerei übernommen werden. Es handelte sich um den letzten ernstzunehmenden Konkurrenten in der Stadt.

Anfang der 20er-Jahre stürzte eine enorme Inflation die deutsche Wirtschaft in die Krise. Während zu Friedenszeiten ein Liter Bier 17 oder 18 Pfennig gekostet hatte, stiegen die Preise ab Sommer 1923 ins Unermessliche. Für die gleiche Menge Bier wurden mehrere Hundert Millionen Mark fällig.

Doch nachdem die Wirtschaftskrise Anfang der 20er-Jahre überwunden werden konnte, ging es auch mit der Bierproduktion wieder bergauf. Auch die Motorisierung hielt Einzug. Bereits 1920 war das erste "Bier-Auto" unterwegs. 15 Jahre später wurde die letzte Ladung mit der Pferdekutsche transportiert.

Von Bomben völlig zerstört

Im Laufe des Zweiten Weltkriegs wurden wieder die Rohstoffe knapp, Mitarbeiter mussten zum Einsatz an die Front. Wieder wurde dünnes Kriegsbier gebraut. Die Produktion halbierte sich. Doch Schlimmeres sollte folgen.

Am 22. Februar 1945 wurde Oberndorf von Luftangriffen schwer getroffen. Bereits um 8.50 Uhr ertönten die Warnsirenen in der Stadt. Sechs Jagdbomber näherten sich. Sie warfen 36 Bomben über Oberndorf ab. Der Angriff dauerte bis etwa 13.30 Uhr.

Um 13.17 Uhr wurde die Brauerei von Bomben getroffen und dabei völlig zerstört. Auf dem Gelände verlor ein Mensch sein Leben, eine Person wurde schwer verletzt. An diesem Tag kamen mindestens 18 Menschen in Oberndorf ums Leben. Um das Brauereigelände herum lagen einige Blindgänger, die noch in den folgenden Tagen explodierten.

Noch vor Kriegsende wieder Bier gebraut

Karl Graf war bereits im Jahr 1944 im Alter von 86 Jahren verstorben. Der inzwischen 65-jährige Braumeister Friedrich Eder hatte während des Kriegs die alleinige Leitung inne. Er stand nun vor einem Trümmerhaufen. Sein Lebenswerk war zerstört. Doch er setzte alles daran, die Bierproduktion wieder fortzusetzen. Er machte sich mit dem Moped auf den Weg, um in der Region Zutaten fürs Brauen zu besorgen und die nötigen Ersatzteile anzuschaffen. Bereits am 4. April 1945, noch vor Kriegsende, wurde wieder gebraut – vorerst unter freiem Himmel. Die später provisorisch mit einem Notdach versehene Sudanlage wurde bis 1955 betrieben.

Nach dem Krieg herrschte ein extremer Mangel an Baumaterial. Der Wiederaufbau zog sich hin. Jahrelang gingen die Handwerker ein und aus, bis alle Schäden behoben werden konnten.

Hochhaus prägt das Stadtbild

Ab 1951 entstanden neue Gebäude, die Brauerei wurde mit weiteren Anlagen und Maschinen ausgestattet. Allmählich konnte die Produktion wieder gesteigert werden. Der Wiederaufbau sollte mit einem krönenden Abschluss zu Ende gebracht werden. Es wurde ein Hochhaus geplant, das 20 Meter in die Höhe ragen und in den folgenden Jahrzehnten das Stadtbild maßgeblich mitprägen sollte. Der Sudhausturm wurde 1956 fertiggestellt.

Im Jahr 1964 wurde das Unternehmen in Brauerei Graf-Eder umbenannt. Karl Eder, Sohn von Friedrich Eder, und Kurt Graf, Enkel von Karl Graf, waren Inhaber.

15 Millionen Flaschen pro Jahr abgefüllt

Für die Brauerei ging es weiter bergauf. Die Anlage konnte wieder erweitert und modernisiert werden. Zum 150-jährigen Jubiläum im Jahr 1977 konnte das Unternehmen verkünden, dass die 90 Mitarbeiter rund 10 Millionen Liter Bier jährlich produzieren. Etwa 15 Millionen Flaschen wurden pro Jahr abgefüllt.

Im Jahr 1998 fiel die Brauerei erneut einem Brand zum Opfer. 70 Feuerwehrleute rückten zum Einsatz aus, nachdem in einem Aufenthaltsraum ein Feuer ausgebrochen war und auf andere Brauereigebäude übergriff. Es entstand ein Schaden in Höhe von rund einer Million Mark. Die Polizei vermutete damals, dass das Feuer auf fahrlässige Brandstiftung durch eine Zigarettenkippe zurückzuführen war.

Der Sudhausturm soll für Seniorenanlage weichen

Ende 2004 war es dann vorbei mit dem Oberndorfer Traditionsunternehmen. Die Brauerei ging insolvent. 2014 hat die Stadt das Areal erworben. 2016 begann der Abriss. Doch nachdem Abrissunternehmer und Investor abgesprungen waren, herrschte auf dem Areal jahrelang Stillstand. Der Sudhausturm stand verlassen auf dem Gelände.

2021 wurde ein neuer Investor gefunden. Für eine Senioren-Wohnanlage soll der Brauturm den Weg freimachen. Damit weicht auch das letzte Überbleibsel der Oberndorfer Traditionsbrauerei.