Die Proteste mehren sich: Hier demonstrieren Hunderte Mitarbeiter des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen gegen den geplanten Stellenabbau Foto: dpa/Felix Kästle

All die Hiobsbotschaften aus den Unternehmen versetzen die Menschen in den Dauerkrisenmodus. Abseits der betroffenen Belegschaften wirken einige Sorgen stark überzogen, meint Matthias Schiermeyer.

Von Bosch über Ford, Mercedes und VW bis ZF: Es ist kein Zufall, dass jetzt immer mehr Industrieunternehmen die große Sparwelle rollen lassen. Aus ihrer Sicht ist das Kürzen nicht nur geboten, sondern lässt sich in der Rezession auch imageschonender vermitteln. So kann der Politik immer schön eine Mitschuld an den schlechten Geschäftszahlen gegeben werden, weil sie nicht fähig sei, für bessere Rahmenbedingungen sorgen.

 

Befürchtungen, die mit der Realität wenig gemein haben

Somit gerät auch der Arbeitsmarkt weiter unter Druck: Gut möglich, dass in diesem Winter bundesweit die Drei-Millionen-Marke bei den Arbeitslosen übersprungen wird. Die von Personalabbau und Kurzarbeit tangierten Beschäftigten sind verständlicherweise hochgradig alarmiert. Allerdings verstärkt jede neue Hiobsbotschaft auch die allgemeine Verunsicherung in einem teils irrationalen Ausmaß. Da tauchen diffuse Befürchtungen auf, die mit der Realität wenig gemein haben; Fakten geraten ins Abseits.

Beispielsweise kommt bereits die Sorge vor einer neuen Massenarbeitslosigkeit hoch, obwohl sich die geplanten Einschnitte der großen Konzerne noch gar nicht auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen können und obwohl der Fachkräftemangel und der zunehmende Ausstieg der Babyboomer ein Desaster wie vor 20 Jahren mit mehr als fünf Millionen Menschen ohne Job verhindern.

Kündigungen, Krieg und Klima – da kommt einiges zusammen

Umfragen belegen die wachsenden Abstiegssorgen einer aus ihren Wohlstandsträumen gerissenen Gesellschaft. Demnach gehören Armut und soziale Ungleichheit nach Migration und Inflation zu den größten Angsttreibern. Angesichts von Kündigungen, Krieg und Klima, von Digitalisierung und Mietenanstieg kommt derzeit einiges zusammen, was die Menschen verstört – obwohl sie von den Folgen selten unmittelbar berührt sind.

Die düstere Perspektive hat viel mit der Verstärkerfunktion der (sozialen) Medien zu tun: Entlassungen werden plakativ dargestellt – wachsende Tariflöhne oder gelungene Beispiele der Transformation zum Beispiel fallen weniger ins Gewicht. Beschädigt wird das Land aber auch von den politischen Kräften, die die Unsicherheit aus wahlkampftaktischen Gründen noch anfachen. Denn letztlich führt dies zu einer verschärften Konsum- und Investitionszurückhaltung, was die Wirtschaft noch weiter nach unten zieht – eine Abwärtsspirale.

Wohlstandsniveau ist nach wie vor sehr hoch

Keine Frage, in Bevölkerungsgruppen wie Selbstständigen, prekär Beschäftigten oder Rentnern, sind die existenziellen Nöte teils sehr real. Ihre Teilhabe am öffentlichen Leben ist beeinträchtigt; sie dürfen nicht aus dem Blickfeld geraten. In der breiten Mittelschicht ist das Einkommens- und Eigentumsniveau jedoch nach wie vor sehr hoch. Wer ein eigenes Haus besitzt, sollte nicht zu laut jammern. Der soziale Abstieg steht dann kaum bevor. Trotzdem wird nach langen Jahren des Aufschwungs um den Erhalt des gewohnten Lebensstandards gebangt – um den Gesellschaftsstatus für sich und die Kinder.

Was tun gegen Pessimismus und Kontrollverlust? In jedem Fall sollten Politiker und Unternehmen die Ängste ernst nehmen und die Debatte versachlichen. Es braucht Sicherheit und Planbarkeit. Die ungünstige Lage der Wirtschaft zu beschönigen, um sich das Handeln zu ersparen, wäre aber genauso ein Fehler wie Schwarzmalerei. Zu lange haben es die Regierenden in der Merkel-Ära an Veränderungswillen mangeln lassen.

Die Motivation jedes Einzelnen ist gefragt

Nun muss neue Dynamik entfacht werden. Da braucht es beim Einzelnen auch ein Gefühl der Eigenverantwortung und des Anpacken-Wollens. Der Staat kann nicht jeden Verlust durch neue Unterstützungsprogramme oder Sozialleistungen auffangen. Helfen könnte auch das Bewusstsein, dass Deutschland früher schon aus etlichen großen Krisen gestärkt hervorgegangen ist.