Griechische Militärübung im Erdgas-Streit im August 2020 Foto: dpa/Uncredited

Der türkische Nationalistenchef und Erdogan-Partner Bahceli will die griechische Ägäis erobern. Griechische Politiker zeigen sich besorgt.

Devlet Bahceli, der Vorsitzende der ultranationalistischen türkischen Partei MHP, will der Türkei Dutzende griechische Inseln einverleiben. In Griechenland wächst die Angst vor einem militärischen Konflikt mit der Türkei. Noch weht am Hafen von Rhodos die weißblaue Griechenfahne. Aber wenn es nach Devlet Bahceli geht, flattert dort schon bald die türkische Flagge mit Mondsichel und Stern. Nicht nur Rhodos und nordägäische Inseln wie Lesbos, Chios und Samos will sich Bahceli greifen, sondern auch Kreta, Griechenlands größte Insel.

 

Fiebertraum von Extremisten?

Am vergangenen Wochenende besuchte Bahceli das Hauptquartier der Grauen Wölfe, der militanten Kampforganisation seiner Partei. Ahmet Yigit Yildirim, der Präsident der Organisation, wartete mit einem Geschenk für Bahceli auf: einer großen, in einen vergoldeten Rahmen gefassten Landkarte. Während gegenwärtig die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei unmittelbar vor der kleinasiatischen Küste verläuft, gehört auf dieser Karte die gesamte Osthälfte der Ägäis zur Türkei – einschließlich der dort gelegenen griechischen Inseln. Ein Foto auf Twitter zeigt Bahceli, wie er gemeinsam mit Yildirim die Karte den Pressefotografen präsentiert. Das Foto sorgt für Wirbel in Griechenland. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis fragt auf Twitter: „Fiebertraum von Extremisten oder offizielle türkische Politik? Eine weitere Provokation oder das wahre Ziel?“ Staatschef Recep Tayyip Erdogan müsse zu Bahcelis „jüngsten Eskapaden Stellung beziehen“, twitterte Mitsotakis. Aber Erdogan schweigt bisher.

Dass er sich von Bahceli distanziert, ist nicht zu erwarten. Seit 2018 ist er sein Koalitionspartner. Ohne die MHP hat Erdogan keine Mehrheit im Parlament. Er braucht die Stimmen der türkischen Nationalisten bei den im Frühjahr 2023 fälligen Parlaments- und Präsidentenwahlen dringender denn je. Politische Beobachter erwarten deshalb, dass Erdogan die Konflikte mit Griechenland in den nächsten Monaten sogar noch weiter schüren wird. Seit Monaten zieht die türkische Regierung die griechische Souveränität über 22 Ägäisinseln in Zweifel.

Gefechtsbereite Kriegsschiffe

Neu ist, dass jetzt auch Kreta, Griechenlands größte Insel, zur Türkei gehören soll. Die Landkarte der Grauen Wölfe zeige, „wo im türkischen Nationalbewusstsein die Grenze verläuft“, twitterte Graue-Wölfe-Chef Yildirim. Auch Außenminister Mevlüt Cavusoglu hängt großtürkischen Träumen nach. Es gebe eine Türkei, die größer sei als die gegenwärtige Republik. Die Türkei dürfe „nicht in ihren heutigen Grenzen gefangen sein“, sagt Cavusoglu. Die Grauen Wölfe legten nach: In einem neuen Tweet heißt es, das türkische Volk habe „die Kraft, Athen zu zerstören“.

Das macht vielen in Griechenland Angst. In einer Umfrage äußerten 52 Prozent die Befürchtung, es werde in diesem Sommer zu einem militärischen Zwischenfall in der Ägäis kommen. Schon im Sommer 2020 gerieten beide Länder im Streit über die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer an den Rand eines bewaffneten Konflikts. Türkische und griechische Kriegsschiffe lagen einander gefechtsbereit gegenüber. Unter Vermittlung Berlins und der Nato wurde die Krise damals entschärft. Aber in wenigen Wochen könnte eine Neuauflage drohen: Im August will die Türkei das Bohrschiff „Abdülhamit Han“ in die umstrittenen Seegebiete entsenden.