An einem Tor in einem Seuchen-Sperrgebiet in der Nähe von Linum in Brandenburg steht ein Schild mit der Aufschrift „Seuchengefahr! Betreten strengstens verboten!“. Wie gefährlich könnte die Vogelgrippe für den Menschen werden? Foto: Christophe Gateau/dpa

Die Uniklinik Tübingen wäre auf Patienten mit dem Vogelgrippe-Virus gut vorbereitet. Ob sich das Virus eines Tages von Mensch zu Mensch ausbreitet, ist nicht vorhersehbar.

Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu menschlichen Ansteckungen mit Vogelgrippe sind erschreckend: Seit 2003 wurden weltweit mehr als 2600 humane Erkrankungen und 1100 Todesfälle mit der sogenannten „aviären Influenza“ – Vogelgrippe nachgewiesen. Das Robert Koch Institut (RKI) zitiert die Zahlen der WHO. Das Institut weist zwar zum einen darauf hin, dass „aviäre Influenzaviren“ nicht so leicht von Tieren auf den Menschen übertragen werden könnten, betont aber auch: „Wenn eine solche Infektion jedoch stattfindet, kann die Krankheit bisweilen sehr schwer verlaufen.“

 

Expertenwissen zur Vogelgrippe ist an der Uniklinik Tübingen vorhanden. Dort wären sogar Patienten, die sich mit Vogelgrippeviren, meist H5N1 oder H7N9, infiziert haben, in besten Händen. Thomas Iftner, Direktor des Instituts für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten am Universitätsklinikum Tübingen gibt unserer Redaktion eine Einschätzung zur potenziellen Gefährlichkeit der Vogelgrippe für den Menschen.

Vogelgrippe hat Kühe befallen

Iftner betrachtet die weltweite Ausbreitung der Vogelgrippe. Er sagt: „Die Situation in Europa ist gut untersucht und dokumentiert im Gegensatz zu den USA, wo die Vogelgrippe inzwischen die Milchkühe weitestgehend befallen hat und damit die Chance einer Übertragung auf den Menschen stark angestiegen ist. In USA werden jedoch nur sehr wenige und keine systematischen Überwachungen durchgeführt, so dass das Risiko einer Übertragung auf den Menschen derzeit nicht beurteilbar ist. Entsprechende Webseiten des Center of Disease control (CDC) sind abgeschaltet.“

Iftner sagt, dass bisher nur singuläre Übergänge auf den Menschen dokumentiert seien, ohne dass von den Infizierten die Gefahr einer Epidemie ausgegangen sei. „Insofern hat sich das Virus bei uns in den Vögeln noch nicht so adaptiert, dass es effizient auf den Menschen überspringen und sich dort ausbreiten kann. Ob dies passiert und wann ist leider nicht vorhersehbar.“

Dass der Umgang mit der Vogelgrippe hierzulande bislang eher gelassen ist, sieht er darin begründet, dass es singuläre Todesfälle in den vergangenen 20 Jahren meist in Asien geben. „Insofern ist das öffentliche Interesse bei uns noch gering“, sagt Iftner.

Thomas Iftner ist Direktor des Instituts für Medizinische Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten am Universitätsklinikum Tübingen. Foto: Verena Müller

Empfehlung einer Stallpflicht

Für Deutschland hat der Direktor eine Empfehlung zum Umgang mit der Vogelgrippe: „Bei uns wäre eine Stallpflicht für Vogelhaltungen sehr zu begrüßen, da über die Ausscheidungen infizierter Wildvögel sehr leicht Vogelgrippe in die Freihaltungen eingebracht werden können.“

Sollte es jemals zur Infektion beim Menschen kommen, wäre die Uniklinik in Tübingen vorbereitet. Iftner sagt: „Bei Verdacht auf Infektion mit dem Vogelgrippe-Virus erfolgt die sofortige räumliche Isolation der betroffenen Person zur Vermeidung einer weiteren Übertragung. Zusätzlich kann vor Ort der direkte diagnostische Erregernachweis erfolgen, um eine mögliche Infektion mit dem Vogelgrippe-Virus abzuklären. Versorgt werden die Patienten durch erfahrene Infektiologen sowie Pflegepersonal, die speziell im Umgang mit hochinfektiösen Patienten geschult wurden.“

Vogelgrippe beim Menschen würde symptomatisch und in schweren Fällen mit für Influenza A verfügbaren Medikamenten behandelt werden, erklärt der Mediziner. Ob die Medikamente in Patienten mit Vogelgrippe effizient wirken und ob es schnell zu Resistenzentwicklungen kommt, sei allerdings nicht vorhersehbar.

Unterschied zu saisonaler Influenza

Die aviäre Influenza unterscheidet sich deutlich von der herkömmlichen saisonalen Influenza. Iftner sagt: „Eine Infektion mit dem Vogelgrippe-Virus unterscheidet sich hinsichtlich der Inkubationszeit (bis zu fünf Tage) von der saisonalen Influenza (ein bis zwei Tage). Weitere Unterschiede bestehen auch bei der klinischen Symptomatik. Insbesondere gastrointestinale Symptome wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen kommen bei einer Infektion mit dem Vogelgrippe-Virus deutlich häufiger vor als bei der saisonalen Influenza und können sogar vor den respiratorischen Symptomen (Beschwerden der Atemwege wie Husten, Schnupfen, Anm. de. Red.) auftreten. Ebenso kann eine Konjunktivitis (Bindehautentzündung, Anm. d. Red.) bei Infektion mit der Vogelgrippe beobachtet werden.“

Tödlicher Verlauf möglich

Unter Umständen kann die Vogelgrippe beim Menschen sogar tödlich verlaufen. Iftner sagt: „Erkrankungen mit aviären Influenzaviren führen häufig zu einer Beteiligung der unteren Atemwege, wodurch es zu schweren Pneumonien kommen kann. Bei einer Beteiligung der unteren Atemwege wird eine Letalität (Tödlichkeit der Erkrankung, Anm. d. Red.) von 20 bis 60 Prozent beschrieben.“

Begriffe erklärt

Aviäre Influenza
Von lateinisch avis – Vogel. Die Aviäre Influenza wird umgangssprachlich Vogelgrippe genannt. Sie ist eine durch Viren ausgelöste Infektionskrankheit, die ihren natürlichen Reservoirwirt im wilden Wasservogel hat. (Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit)

Letalität
Von lateinisch: letalis – tödlich. Die Letalität ist das Verhältnis der Todesfälle durch eine bestimmte Erkrankung zur Zahl der klinisch Erkrankten. Die Letalitätsrate wird nach folgender Formel berechnet: Letalitätsrate L = V (Zahl der Todesfälle) geteilt durch P (Zahl der Erkrankten) in einem bestimmten Zeitraum. Um die Rate in Prozent auszudrücken, kann man das Ergebnis mit 100 multiplizieren. Quelle: DocCheck Flexikon