Die Pflege ein Out-Beruf? Lisa Zangrando arbeitet auf der Intensivstation der Tübinger Kinderklinik – und wurde zum Gesicht eines preisgekrönten Image-Films.
Im Kasack nach Cannes. So sagen sie am Uniklinikum Tübingen zum Auftritt von Lisa Zangrando. Dabei stand die Kinderintensiv-Pflegefachkraft im langen Glitzerkleid auf der Bühne, zwei Preise in den Händen. Im September war das, auf dem Festival der besten Image-Filme. Dort war das Klinikum mit einem Video aufgefallen, das eher ein Hilferuf war: „Pflege-SOS. Rettet den Image-Notfall!“
In dem Film schaut eine entgeisterte Lisa Zangrando in die Kamera, als eine Stimme aus dem Off sagt: „Du arbeitest in einem Out-Beruf!“ So ordnet ein Bremer Institut für Pflegeforschung den Job am Krankenhausbett inzwischen ein.
Sie hat 54 Kolleginnen und fünf Kollegen
Das hatte sich Lisa Zangrando als Dreijährige anders vorgestellt. Damals schaute das Mädchen mit den Eltern immer die Serie „Für alle Fälle Stefanie“ und verkleidete sich als Krankenschwester. Als dann ein Arztkoffer unter dem Weihnachtsbaum lag, „war das mit dem Berufswunsch klar“.
Und der blieb. Vor neun Jahren begann sie ihre Pflege-Ausbildung am Tübinger Klinikum, ging auf die Frühchen-Intensiv-Station, hat neben dem Job die zweijährige Weiterbildung zur Intensiv-Pflegerin gemacht und arbeitet jetzt mit insgesamt 54 Kolleginnen und fünf Kollegen auf Station 34: Intensivstation Kinderklinik.
Ein Morgen im November. Frühschicht. Im Nachtdunkel ist Lisa Zangrando in Lichtenstein am Albtrauf aus dem Bett gestiegen, um sechs Uhr sitzt sie im achten Stock des Klinikums auf dem Tübinger Schnarrenberg in einer kleinen Küche. Die Nachtschicht übergibt, die Pflegedienstleiterin nennt Namen, Leiden und Maßnahmen.
Das Baby von Bett 5
Auf den fünf Patienten-Zimmern liegen zehn Kinder. Ein Baby mit versagender Leber. Nur eine Transplantation kann es retten. Andere Säuglinge sind mit Herzfehlern aus dem Kreißsaal hochgebracht worden. Manchmal stehen viele Menschen um so ein Bett, dann wissen alle: Da geht es ums Überleben. Von den 1000 Kindern, die hier jährlich behandelt werden, sind 300 Notfälle.
„Du hast heute Bett 5 und 9“, hört Lisa Zangrando. Bett 5 ist neu für sie. Bianca (Name geändert), ein dreimonatiges Baby. Schon am Herzen operiert und mit Lungenproblemen. Schläuche versorgen Bianca mit Medikamenten, Sauerstoff, Nährstoffen, Sensoren messen Herzschlag, Sauerstoffsättigung, Blutdruck und anderes.
Am Bett stellt Lisa Zangrando ihre Routine um. Zuerst kontrolliert sie normalerweise die Technik: Sind alle Schläuche fixiert? Hat die Sauerstoffflasche Vorrat? Sind die Medikamentenpumpen gefüllt? Sie muss in jeder Sekunde imstande sein zu reagieren. Aber jetzt schaut die 29-Jährige lieber direkt nach Bianca, weil die Nachtschicht-Pflegerin von Atemproblemen berichtet hat. Sie prüft mit einem Daumen-Druck auf die Stirn die Durchblutung – stimmt. Sie schaut sich die Atmung an und ob die Atemwege frei sind, kontrolliert die Blutwerte, beobachtet die Sensorkurven und Zahlen auf dem Monitor.
Bianca döst in Bauchlage und macht einen stabilen Eindruck. Lisa Zangrando kann zu Bett 9 wechseln. Die zehnjährige Lara (Namen geändert) aus Nordrhein-Westfalen hat einen Tumor und schon eine Krankenhaus-Odyssee hinter sich. Diverse Operationen und Bestrahlungen setzten ihr schwer zu, beseitigten den Tumor aber nicht komplett.
Jede Erschütterung treibt Laras Herzschlag in die Höhe
In Tübingen hat man ihr Stäbe rund um den Tumor implantiert, um ihn direkt zu bestrahlen. Diese Stäbe dürfen ihre Lage im Körper nicht verändern. Um Lara absolut ruhig zu halten, versetzen Medikamente sie in tiefen Schlaf. Ihr Körper ist gestresst. Der Blutdruck schießt mal hoch, sackt wieder ab. Lisa Zangrando lässt den Monitor kaum aus den Augen, steuert immer wieder nach, etwa mit Flüssigkeit oder einem Medikament.
Sie streichelt Laras Kopf. Kurz. Denn die Radiologen wollen gleich mit der ersten Bestrahlung beginnen. Die ist im zweiten Stock. Also baut Lisa Zangrando an das Bett eine mobile Einheit, die all die Monitore, Sauerstoffflaschen, Medikamentenpumpen, Infusionen aufnimmt. Dann stöpselt sie jede Verbindung um.
Eine Ärztin hilft ihr. Manches ist heikel, etwa der Wechsel des Sauerstoffschlauches. Da ist die Lunge kurz unversorgt und könnte kollabieren. Die beiden arbeiten hoch konzentriert, gehen wie Piloten am Ende eine Checkliste durch, legen eine Schale mit Notfallmedikamenten aufs Bett, schnallen sich den Notfall-Rucksack auf den Rücken und bugsieren das Bett vorsichtig durch das Tübinger Klinikum. Jede Erschütterung treibt Laras Herzschlag in die Höhe oder lässt den Blutdruck abfallen – in dem Fall muss dann mit den Medikamenten nachdosiert werden.
Weil Pflegekräfte fehlen, werden dringende Operationen abgesagt
Zurück auf der Station geht Lisa Zangrando wieder zu Bianca. Eigentlich hätte sie die Kleine schon seit einer Stunde waschen sollen – das wird jetzt reduziert auf das Säubern des Gesichtes. Da kommt schon der Ruf: „Lisa, Lara soll abgeholt werden.“ Auch die Radiologen haben einen engen Takt, Patienten warten, Lisa Zangrando muss sofort runter. Und denkt sich in diesem Moment: „Das ist einer der Tage, wo ich jetzt schon weiß, dass ich mit meiner Arbeit nicht hinterherkomme.“
Als sie hier angefangen hat, arbeitete sie noch in einer Siebener-Schicht. Also sieben Leute, die sich um 14 Kinder kümmerten. Inzwischen sind sie eine Fünferschicht. Wie überall in Deutschland bleiben Kinder-Intensivbetten leer. Weil Pflegekräfte fehlen, werden dringende Operationen abgesagt. Auch in Tübingen sind von den 14 Betten nur zehn belegt, Bedarf besteht eigentlich für 20.
Eine Fünfer-Schicht heißt zwei Kinder pro Pflegekraft. Oder mehr, wenn jemand krank ausfällt. Oder irgendwo im Klinikum ein Kind einen Notfall hat und Intensivmediziner mit zwei Pflegekräften losrasen. „Dann springst du nur noch für das Allernotwendigste hinterher.“ Am Schichtende geht Lisa Zangrando dann mit dem Gefühl nach Hause, dass nur das Wichtigste erledigt ist und manches Verschiebbare liegen geblieben ist.
Weil sich an Ursachen wie zu wenig Bewerbungen so schnell nichts ändert, setzt das Tübinger Klinikum mit seinem Image-Film am Selbstbild der Pflegenden an: „Wenn sie aus Frust nur noch über die Defizite sprechen, entsteht ein Teufelskreis, der Energie kostet. Es ist Zeit, das wahre Gesicht der Pflege wieder sichtbar zu machen. Mit Stolz, mit Haltung, mit Selbstbewusstsein.“
Mit den Ärzten auf Augenhöhe
Dieses Gesicht ist in dem Film Lisa Zangrando. „Statt Jammern braucht es Berufsstolz“, sagt sie. Stolz auf das, was sie leistet. Am Bett von Lara, wo sie den Kreislauf, die Atmung, die Sedierung, die Schmerzmittel steuert, wo sie sich von Ärzten auf Augenhöhe akzeptiert sieht: „Ich weiß jeden Tag, wofür ich hier bin: Ich werde gebraucht.“
Zurück am Bett von Bianca hilft Lisa Zangrando der Mutter beim Windel-Wechseln (nicht ganz banal bei einem verkabelten Baby). Bianca hat jetzt die Augen offen, schaut interessiert und ganz zufrieden. „Du bist eine süße Maus“, sagt Lisa Zangrado. Eine friedliche Szene.
Bianca hat den Gendefekt Trisomie 18, der viele Organe schädigt. Meist ein Todesurteil, mehr als 90 Prozent der Kinder sterben im ersten Jahr. Aber einzelne schaffen es sogar bis ins Jugendalter, und laut Studien kann da schon eine gute Intensiv-Pflege einen Unterschied machen.
Ein Arbeitstag ohne Pause
Motivation für Lisa Zangrando, auch wenn nicht wenige Kinder schlechte Prognosen haben: „Selbst, wenn wir nicht heilen können, können wir Dinge noch verbessern, können noch viel Gutes mitgeben.“ Sie denkt da an die Eltern und Großeltern, die sich auch nach dem Tod der Kinder noch bedanken: „Das gibt mir Mut.“
Und Kraft, die sie braucht. In einer Schicht, in der es nicht einmal zu den Gesprächen mit den Ärzten reichte. In der sie den Blick nie von den Monitoren abwendete, bei jedem Alarm hochschreckte: „Sind das meine Patienten?“ Einer Schicht, in der Laras Blutdruck einmal dramatisch absackte und nur ein schnelles Reagieren sie schließlich wieder stabilisieren konnte. In der ein fehlerhaftes Verstöpseln, eine falsche Dosierung fatale Folgen hätte haben können. In der sie einmal kurz zum Trinken auf einem Stuhl saß und einmal auf der Toilette war.
Eine Pause hatte sie nicht. „70 Prozent von uns machen keine“, sagt ein Kollege. Zum Schichtende fühlt sich Lisa Zangrando so platt, dass man sie „unter einer Tür durchschieben könnte“. Aber dann denkt sie sich wieder: „Wir arbeiten in einem besonderen Umfeld, wir haben ganz viel Verantwortung und sind nicht nur Popo-Wäscher. Unser Beruf ist nicht 08/15, sondern superspannend. Ich kann jeden Tag ein Stück meiner Energie mitgeben. Ich kann Leben retten.“
Und sie hat die Hoffnung, über ihren Auftritt neue Kolleginnen und Kollegen zu motivieren. Die Klinik hat jedenfalls nach den Preisen gleich nachgelegt und ein Rekrutierungs-Video für Station 34 drehen lassen.