Im Stadthaus entfaltete das „Tuch-Trio“ mit (von links) Johannes Köstler, Peter Schröder und Sonja Saad Gedanken und Wirkung von Kurt Tucholsky vor zahlreichem Publikum. Foto: Gerhard Keck

Ein literarisch-musikalischer Abend zu Kurt Tucholsky im Stadthaus in Freudenstadt bringt zahlreiches Publikum auf die Beine.

Großen künstlerischen und medialen Aufwand betrieb das Trio, das im Ludwig-Schweizer-Saal Aspekte des Werks von Kurt Tucholsky in Erinnerung rief. Das Angebot wurde mitgetragen von der Stadtbücherei.

 

Für den Musikpädagogen Johannes Köstler aus Dornstetten, Mitglied des Quartetts Maseltov, war der Auftritt ein Heimspiel. Mit Gesang und Klavierspiel untermalte er die Lesungen des Allgemeinmediziners und Traumatherapeuten Peter Schröder aus Freiburg und der Systemischen Beraterin Sonja Saad, beheimatet in Riegel am Kaiserstuhl.

Publiziert unter verschiedenen Decknamen

Schröder gab sich als langjähriger Liebhaber des Tucholsky‘schen Werks und dessen Wirkung zu erkennen. Entsprechend umfänglich war der Lesestoff, den er mit ausgewähltem Bildmaterial anreicherte. Das Werk des Literaten, Satirikers, Journalisten und Pazifisten Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) ist immens, tausende Texte gehen auf sein Konto, zum erklecklichen Teil in den kritischen Zeitschriften „Die Schaubühne“ und die „Die Weltbühne“ veröffentlicht.

Das „Tuch-Trio“ rezitierte im Stadthaus Gedichte und Passagen aus Arbeiten, die Tucholsky unter den Decknamen Ignaz Wrobel, Peter Panter, Theobald Tiger und Kaspar Hauser publizierte.

Der promovierte Jurist Tucholsky legte es darauf an, politische Größen seiner Zeit wegen ihrer politischen Umtriebe schonungslos zu hinterfragen, was ihn naturgemäß Feindseligkeiten aussetzte. Vor allem hatte ihn die politische Rechte im Visier. Noch nach seinem Tod verunglimpften ihn die Nazis als „jüdischen Schmierfinken“ und „vielköpfiges Ungeheuer“.

Diskussionen angestoßen, die in die Gegenwart hineinreichen

Schröder ließ in einer Rezitation den Antimilitaristen und Ersten Weltkriegs-Teilnehmer Tucholsky mit dem Ausspruch aus dem Jahr 1919 zu Wort kommen: „Das ist nicht mein Land, nicht mein Deutschland!“ Tucholsky, dessen Aussagen selbstredend zeitgebunden und deshalb nicht in jedem Fall auf heutige Verhältnisse zu übertragen sind, hat jedenfalls mit seinem Diktum „Soldaten sind Mörder“ Diskussionen angestoßen, die in die Gegenwart hineinreichen. Es stammt aus der Glosse „Der bewachte Kriegsschauplatz“, die er unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel 1931 in der „Weltbühne“ veröffentlichte.

Dass Tucholsky einer gewissen Zerrissenheit unterlag, lässt sich an Stationen seines Lebensgangs ablesen. Da sind sein zwiespältiges Verhältnis zu den Linken seiner Zeit, seine Ablösung vom Judentum und ein zeitweiliger schwieriger Umgang mit seinen (Ehe-)Frauen. Von Deutschland ermüdet, siedelte er 1929 nach Schweden um. 1933 hatten die Nazis endgültig genug von seinen Unbotmäßigkeiten gegenüber Staat und Regime: Sie verboten die „Weltbühne“, warfen seine Schriften auf den Scheiterhaufen und entzogen ihm die deutsche Staatsbürgerschaft.

Sein Tod ist bis dato nicht eindeutig geklärt

Sein Tod am 21. Dezember 1935 hat im nachgetragenen Schrifttum einige Spekulationen hervorgerufen. Letztlich ist er bis dato nicht eindeutig geklärt. Schon 1923 hatte Tucholsky für sich als Grabinschrift vorgeschlagen: „Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze – gute Nacht.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine Grabplatte mit einem Zitat aus Goethes „Faust II“ angebracht: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Wofür dieses im Fall Tucholsky steht, ist eine Denkaufgabe für das Publikum.