Sebastian Hess hat als Trainer mehrere Leichtathleten in ganz verschiedenen Sportarten zu Titeln geführt. Zu den aktuellen Schützlingen gehört der Olympia-Sprinter Yannick Wolf.
Nein, er selbst war nie deutscher Meister, schon gar nicht Europameister. Und dennoch hat sich Sebastian Hess in Deutschland einen ausgezeichneten Ruf als Leichtathletiktrainer gemacht. In Sportarten, die er selbst noch nie ausgeübt hat, führte er seine Schützlinge zu Titeln, die er selbst nie geholt hat. Immer wieder hat sich der 48-jährige Tausendsassa neu erfunden. „Das ist einfach so ein Charakterzug von mir. Das Leben ist so unheimlich spannend und ich möchte viele Plätze bespielen. Ich könnte mir nicht vorstellen, 45 Jahre lang die gleiche Tätigkeit zu machen“, sagt Hess, der auch stellvertretender Vorsitzender des TSV Calw ist.
Alles beginnt in Leverkusen
Alles begann für den gebürtigen Böblinger mit Bayer Leverkusen. Hess studierte in Karlsruhe Sportwissenschaften und fing parallel mit der Leichtathletik in Ettlingen an. „Mit 24 oder 25 – das war einfach zu spät“, sagt er über seine eigene sportliche Karriere. Da der Leichtathletik-Standort Ettlingen gute Beziehungen zu Bayer Leverkusen unterhält, zog es ihn oft nach Köln, wo er schließlich auch seine Frau kennenlernte. Hess beschreibt die damalige Situation: „Ich war scheinfrei und konnte meine Masterarbeit von Köln aus machen.“
Bei Bayer Leverkusen hatte der charismatische Hess stets einen guten Draht zu den anderen Athleten. So gut, dass er schließlich Trainer von Dreispringer Charles Friedek (Hallenweltmeister von 1999 und mehrfacher Olympionike) und Weitspringer Nils Winter wurde. „Ich hatte damals weder vom Weitsprung noch vom Dreisprung irgendeine Idee. Aber das hat einfach gut gematcht“, sagt Hess und erinnert sich noch gut daran, wie groß der Druck damals war: „Öffentlich wurde das sehr skeptisch gesehen. Ich war als unerfahrener Trainer plötzlich großer Kritik ausgesetzt. Aber wenn der Erfolg da ist, dreht sich der Wind.“
Und der Erfolg kam: Friedek wurde unter Hess dreimal deutscher Meister, Winter gewann 2009 EM-Silber in Turin und verbesserte seine persönliche Bestleistung auf 8,22 Meter. Das große Ziel gelang, sich mit beiden Athleten für die Heim-WM in Berlin zu qualifizieren. Hess: „WM im eigenen Land, das war ein ganz großes Ding mit einem großen medialen Fokus. Ich war der jüngste Leichtathletik-Trainer in der deutschen Nationalmannschaft.“ In Berlin schieden Friedek und Winter allerdings früh aus. Die Mannschaft in Leverkusen zerfiel. Hess ging zurück in den Schwarzwald, blieb aber Heimtrainer des nach Hamburg abgewanderten Winter. Eine Fernbetreuung, die ein weiteres Mal Neuland bedeutete.
Fitnesstrainer in Zavelstein
2011 erfand sich Hess ein weiteres Mal neu – als Triathlon-Trainer. Obwohl er auch diese Sportart nie ausgeübt hatte, nahm der den Calwer Julian Mutterer unter seine Fittiche und machte ihn nur drei Monate später zum Europameister. Und wieder folgte ein Cut. „Ich war in der Zeit 180 Nächte im Jahr nicht zu Hause“, bedauert Hess, der 2009 seine Frau geheiratet hatte. Fortan leitete er im Hotel Kronelamm in Bad Teinach-Zavelstein den Fitness- und Vitalbereich.
Der Krebs-Tod seines Vaters vor sieben Jahren ließ Hess dann noch ein weiteres Mal eine neue Richtung einschlagen: Er gründete mit Sysletics einen Anbieter für systemisches Coaching. Sein namhaftester Schützling dort ist seit 2020 der Sprinter Yannick Wolf, der 2021 unter Hess mit der Viermal-100-Meter-Staffel U23-Europameister wurde und mit ihr einen neuen Europarekord aufstellte. 2023 wurde Wolf in Kassel deutscher Meister über 100 Meter und nahm 2024 an Olympia in Paris teil. Wolf sagt über Hess: „Sebastian gibt einem das gute Gefühl, einen Freund zur Seite zu haben, der in wichtigen Momenten sagt, wenn etwas nicht zu 100 Prozent passt. Ich bin mit ihm sportlich sehr gewachsen, viel mehr noch aber als Persönlichkeit.“
Systemischer Blick
Insgesamt trainiert Hess aktuell rund 20 Athleten, darunter die Hochspringerin Laura Gröll (deutsche Hallenmeisterin 2020), den Neuhengstetter Triathlet Samuel Böttinger (deutscher Meister 2018) und Benedikt Geyer, der im Dezember U21-Weltmeister mit der deutschen Hockey-Nationalmannschaft wurde. Auch ein Long-Distance-Schwimmer, der durch den Bodensee schwimmen will, ist dabei. „Ich bin in keiner Disziplin der absolute Experte. Ich bin jemand, der sehr gut von oben auf die Menschen schauen kann“, sagt Hess über seine besondere, sportartenübergreifende Begabung und unterstreicht: „Ich denke sehr systemisch. Ich will gemeinsam mit dem Menschen herausfinden, was das Beste für ihn ist. Meine Athleten müssen sehr hart arbeiten. Wichtig ist, dass meine Athleten glücklich sind. Dann sind sie auch bereit, etwas zu investieren.“
Und auch ein weiteres neues Feld hat Hess inzwischen für sich entdeckt: Seit Januar macht er den Podcast Goldrausch, bei dem er sich mit Sportlern unterhält. Neun Folgen gibt es bereits –nachzuhören auf Spotify.