Trump hat im Endspurt des Wahlkampfes intellektuell sichtlich abgebaut. Was das für die mögliche Rolle seines Vizes JD Vance im Weißen Haus bedeutet.
„Make America Great Again“ bleibt – das ist die Lektion der US-Präsidentschaftswahl. „Mache Amerika wieder groß“, kurz MAGA, ist die so vage wie griffige Überschrift über Donalds Trump politische Weltanschauung, die sich mit diesem Wahltag definitiv etabliert hat. Doch wenn seine zweite Amtszeit in gut vier Jahren zu Ende geht, wird der Republikaner 82 Jahre alt sein, also ein Jahr älter als der amtierende, demokratische Präsident Joe Biden heute ist. Und in der Schlussphase des Wahlkampfs haben sich die Anzeichen gemehrt, dass Trump, der immer an der politischen Feinarbeit und tieferen Fragen desinteressiert war, geistig abgebaut hat.
Trumps Vize hat noch viel vor
Doch nicht nur ein Erbe für die nächste Wahl 2028 steht bereit, sondern auch ein potenzieller Strippenzieher im Weißen Haus. Mit 40 Jahren ist er zudem einer der jüngsten Vizepräsidenten der Geschichte – also ein Politiker, der noch große Pläne schmieden kann. Trump hat selber schon durchblicken lassen, dass er in ihm einen Kronprinzen sieht.
Trumps Vizepräsidentschaftskandidat James David Vance, der sich lieber JD nennt, hat innerhalb der republikanischen Partei einen kometenhaften Aufstieg hinter sich gebracht. Bekannt wurde er 2016 kurz vor Trumps Wahlsieg auch in Deutschland durch sein Buch „Hillbilly Elegy“, also „Hinterwälder-Elegie“. Es bot damals den Schlüssel zu einem wichtigen Teil von Donald Trumps Wählerschaft: Den sich sozial und kulturell abgehängten Weißen aus niedrigen Einkommens- und Bildungsschichten.
Vance wusste, wovon er schrieb: Er ist in Ohio, einem vom Niedergang der US-Industrie stark betroffenen Bundesstaat, in diesem Milieu aufgewachsen, hat aber anschließend eine steile Bildungskarriere hingelegt, die ihn als Jurastudent an die Eliteuni Yale führte. Nach einer kurzen Zeit als Anwalt agierte er auch als Start-up-Investor.
Noch 2016 distanzierte er sich von Trump und nannte ihn einen Idioten und Amerikas Hitler. Doch danach hat er eine radikale Wende vollzogen. 2022 gewann Vance, der zuvor keinerlei politische Erfahrung mitbrachte, einen Senatssitz in Ohio, auch weil er sich Trumps Unterstützung durch eine devot demonstrierte Loyalität zu sichern vermochte.
Vance weiß, wie man Trump schmeichelt
Vance hat dabei seinen Ehrgeiz, seine Intelligenz, seine Wandlungsfähigkeit und vor allem seinen feinen Instinkt im Umgang mit dem eitlen und empfindlichen Trump bewiesen. Und genau das dürfte ihm in seiner Rolle als Vizepräsident nutzen. Diese steht und fällt mit der persönlichen Beziehung zum Präsidenten. Denn in der US-Verfassung ist die Rolle des Vizes äußerst schwach definiert.
„Der Vizepräsident ist nur Standby-Ausrüstung“, sagte Walter Mondale, Vizepräsident unter dem Demokraten Jimmy Carter Ende der Siebzigerjahre. Er oder sie steht schlicht bereit, falls dem Präsidenten etwas zustößt und er aus welchem Grund auch immer nicht mehr in der Lage ist sein Amt auszuführen. Das kann ein Attentat sein wie bei John F. Kennedy 1963 oder ein Rücktritt wie bei Richard Nixon 1972. Dass er oder sie – wie zuletzt Kamala Harris – bei Stimmengleichheit im Senat mit seinem Votum den Ausschlag gibt, ist eine der wenigen echten Funktionen.
Hat Trump überhaupt Lust aufs Regieren?
Eins ist sicher: Donald Trump hat keine Lust auf den drögen Regierungsalltag, die morgendlichen Briefings inklusive. Es hat bereits einen republikanischen Vizepräsidenten gegeben, der von einer gewissen Arbeitsunlust seines Chefs profitiert hat. Es war Dick Cheney unter George W. Bush in dessen beiden Amtszeiten nach den Wahlen im Jahr 2000 und 2004. Cheney gilt etwa als der Ideologe und Stratege hinter der Invasion des Irak 2003. Pikanterweise hat sich seine Frau Liz im aktuellen im Wahlkampf als eine der offensivsten Gegnerinnen von Trump in der republikanischen Partei profiliert.
Wie könnte Vance agieren?
Was für ein potenzieller Strippenzieher wäre Vance also? Eine Weile gefiel er sich, auch im Blick auf Trump, als Scharfmacher. Doch seine Spitzen gegen kinderlose Frauen, die so genannten „Katzenfrauen“, oder seine Befürwortung des erzkonservativen Programms „Projekt 2025“, das einen radikalen Umbau des US-Regierungsapparats skizzierte, gingen am Ende selbst Trump zu weit. Doch da hat Vance seine Anpassungsfähigkeit erneut bewiesen.
Nicht nur sein Auftreten in der einzigen Vizepräsidentendebatte des Wahlkampfs, in der er auch nach Meinung unabhängiger Beobachter mit einem moderaten Auftreten gegen sein demokratisches Gegenüber Tim Walz einen klaren Punktsieg einfuhr, liefert Indizien. Kurz vor dem Wahltag gab er auch dem Fernsehsender NBC ein Interview, in dem er im Gegensatz von Trumps klarem Freund-Feind-Schema die Wählerinnen und Wähler im gegnerischen Lager umschmeichelte: „Die meisten Wähler von Kamala Harris sind grundanständige Menschen“, sagt er.
Sanft im Ton – hart in der Sache
Vance ist in jedem Fall intelligenter und kalkulierender als Trump. Doch er hat ein ähnlich radikales Weltbild. Beunruhigend für die Europäer ist etwa, dass Vance beim Thema Ukraine, NATO und Schutzzölle sehr harte Positionen vertritt. Die USA sollen allein auf sich selber schauen.
Wenn die Europäer also darauf setzen, mit Trumps Impulsivität und Eitelkeiten jonglieren zu können, dürfte ein möglicher Strippenzieher Vance ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Und wenn bisherige Vizepräsidenten der Maßstab sind, könnte gerade die Außenpolitik zumindest bei bestimmten Themen sein Spielfeld werden.
Keine Kurzschlusshandlungen
Das einzig Beruhigende für den Rest der Welt: Impulsive Kurzschlusshandlungen sind von Vance nicht zu erwarten. Während Trump etwa in einem Fernsehinterview 2016 offen fragte, ob man auf islamistische Gruppen im Nahen Osten nicht eine Atombombe werfen sollte, ist Vance für solch simplistisches Denken zu gescheit. Und er ist auf jeden Fall eine Figur, die einen möglichen geistigen Verfall von Trump zumindest hinter den Kulissen ausbalancieren könnte.
Doch das bleibt vorerst Spekulation. Denn wie die politische Beziehung zwischen beiden Männern im Weißen Haus wirklich funktioniert, findet hinter den Kulissen statt. Umso mehr als Trump nie jemand neben sich geduldet hat, der ihn in den Augen der Öffentlichkeit in den Schatten stellt. Es wird zentral darauf ankommen, ob es etwa in Gestalt von Trumps künftigem Stabschef einen Rivalen für Vance geben wird oder ob Trump eine schwache Figur installiert. Auch die Macht von Dick Cheney im Rücken von George W. Bush war erst nur zu erahnen. Doch sie war am Ende brüchig: In Bushs zweiter Amtszeit haben sich Cheney und er entfremdet.