Die US-Wahlen zeigen: Es gibt in der Politik immer mehr Lügner, gegen die Faktenchecks ganz zwecklos sind. Da heißt es, umzudenken, meint unser Kolumnist Jörg Scheller.
In den Kommentaren zum US-amerikanischen Wahlkampf und Trumps neuerlichem Einzug ins Weiße Haus dreht sich vieles um Wahrheit und Lüge. Auf geradezu rührende Weise werden Faktenchecks veröffentlicht, die beweisen, dass Trump notorisch die Unwahrheit sagt. Doch Trump und seine Anhänger operieren gar nicht erst im Modus von Wahrheit und Lüge, sondern im Modus von Vision und Wirkung. Wer den Trumpismus verstehen will, sollte ihn nicht durch die Brille von Rationalität, Logik und Vernunft analysieren, sondern durch die von Mythos und Kunst.
Liebe ist ein Mythos
Aufgabe des Mythos ist es nicht, die Welt wahrheitsgetreu abzubilden oder Gesetzen der Logik zu folgen. Vielmehr erschafft er alternative Gegen-Welten mit Anziehungskraft. Der Philosoph Leszek Kołakowski definierte Mythen als Erzählungen, die der Zufälligkeit unserer Existenz die Stirn bieten. Mythen vermitteln Werte. Und Werte liegen nicht auf der Straße. Liebe etwa ist ein Mythos – man findet sie nicht, sondern man erfindet sie, um der Kälte und Indifferenz der Natur etwas entgegenzusetzen. Kołakowski warnte aber: „Der Mythos kann wuchern wie ein Tumor, er kann den Platz der positiven Erkenntnis anstreben, kann fast alle Kulturbereiche gewaltsam erobern und in Despotismus, Terror und Lüge ausarten.“ Genau das ist bei Trump der Fall. Mythen sind zwar unerlässlich. Aber Trump setzt sie auf eine Steroidkur.
Auf eine perverse Weise ist Trump auch ein Künstler. Kunst sagt weder die Wahrheit noch lügt sie. Wie der Mythos erschafft sie alternative Realitäten. Radikale Avantgarde-Künstler des 20. Jahrhunderts wollten, dass diese Realitäten Wirklichkeit und ihre Welt-Bilder zur Welt werden. Der Philosoph Boris Groys geht so weit, Josef Stalin und Hitler mit solchen Künstlern zu vergleichen. Als totalitäre Herrscher strebten sie an, die Welt so frei und souverän zu gestalten wie Künstler ihre Worte und Leinwände – der eine begann seine Laufbahn als Dichter, der andere als Maler.
Für Trump ist der Staat nur ein Übel
Trump ist zwar kein totalitärer Herrscher. Doch seine Denkmuster haben durchaus faschistische Züge. Dem historischen Faschismus waren Vernunft, Wahrheit, Logik und Rationalität Ausdruck liberaler Schwäche. Er verachtete den skeptisch-kritischen Intellektuellen und feierte den harten Menschen der Tat. Entgrenzte Ästhetik, Vitalität, Dynamik, Willen, Energie, Kraft, Macht – die Parallelen zum robusten, virilen Macher Trump sind offensichtlich. In einem zentralen Punkt aber weicht Trump vom historischen Faschismus ab. Für Mussolini galt: „Alles im Staat, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat.“ Für Trump ist der Staat nur ein notwendiges Übel.