Ettenheim feiert dieses Jahr 50 Jahre Eingemeindung. Der Zusammenschluss mit Altdorf war zunächst alles andere als eine Liebesheirat. Dennoch können nun inzwischen alle ohne Grollen darauf zurückblicken. Der letzte Teil unserer zweiteiligen Serie erläutert, warum das so ist.
Auch wenn sich Altdorf anfangs gewaltig zierte, mit Ettenheim zusammenzukommen: Irgendwann musste eine Entscheidung fallen. Einerseits neigte sich die von Stuttgart eingeräumte Frist einer Einigung ihrem Ende zu; andererseits blieb Altdorf bei seiner abwartenden Zurückhaltung, bei der „gründlichen Behäbigkeit“, wie es von Bürgermeister Ernst Beck von Anfang an benannt wurde. Im Jahr 1973 war Fritz Klasterer, zuvor Ratsschreiber in Altdorf, zum Bürgermeister Altdorfs gewählt worden.
Angst um die Vereine: „Was wird aus unseren Vereinen?“, war eine große Sorge vieler Altdorfer. Die waren nämlich schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Identität des Dorfes, auf die man in Altdorf zu Recht stolz war – und ist. Ein heutiger Mitt-Siebziger aus Altdorf erinnert sich noch gut daran, wie er als Jungspund in jener Zeit bei einer Veranstaltung zur möglichen Eingliederung ins Gasthaus St. Landolin eingeladen war. Er plädierte – abweichend von der allgemeinen Einstellung – dafür, wegen des von der Landesregierung sehr üppigen Hochzeitsgeschenks – immerhin eine Million DM, auf neun Jahre verteilt – rechtzeitig mit Ettenheim zusammenzugehen. Ein Altdorfer ging ihm daraufhin „an die Gurgel“ und stellte ihm eben diese Frage nach den Vereinen. „Der Mann, der die Einzigartigkeit des Altdorfer Vereinslebens betonen wollte und für ihren unbedingten Erhalt plädierte, hatte schon recht“, lenkte der damals Mitt-Zwanziger heute ein. Er sieht sich aber darin bestätigt, dass seine damalige Sorglosigkeit ebenso berechtigt war: Die Altdorfer Vereine bestehen allesamt nach wie vor, sind nach wie vor selbstständig, motiviert, aktiv – „identitätsstiftend“ eben, wie Achim Schwab es in den eben erschienenen „Altdorfer Geschichte(n)“ bezeichnet.
Altdorf wollte selbstständig bleiben: Zunächst wurde eine Bürgerbefragung im Mai 1973, später dann eine Bürgeranhörung im Januar 1974 als Versuch einer endgültigen Weichenstellung zum Thema Eingemeindung anberaumt. Bei der ersten Abstimmung votierten die Altdorfer bei 82,5 Prozent Wahlbeteiligung mit 98 Prozent (939 Stimmen) für die Beibehaltung der Selbstständigkeit. Unwesentlich anders fiel das Ergebnis beim zweiten Ruf an die Urne aus. Vor dieser Abstimmung warb die Vereinsgemeinschaft Altdorf einerseits, Bürgermeister und Gemeinderat Ettenheim zur Unterstützung für ihre jeweilige Zielsetzung. Erneut war der Altdorfer Wählerwille eindeutig. Bei einer Wahlbeteiligung von 85 Prozent gab es lediglich 41 Voten für einen Zusammenschluss, 971 stimmten dagegen.
„Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe“: Weil aber schnell absehbar war, dass die Landesregierung unbeirrt bei ihrer Zielsetzung blieb, machte Bürgermeister Fritz Klasterer aus der Not eine Tugend. Friedrich Schiller umschrieb in seiner Braut von Messina eine vergleichbare Situation mit den Worten: „Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe.“ Das opportunistische Umdenken von Altdorfs Rat und Bürger(meister) rettete somit zumindest – grad noch – das Recht auf eine Ortschaftsverfassung, wie sich dies Münchweier, Wallburg und Ettenheimmünster schon Jahre zuvor gesichert hatten. „Im Bewusstsein der Verantwortung vor der nachfolgenden Generation unserer Dorfbewohner“ habe man sich „schweren Herzens“ zu den Verhandlungen mit Ettenheim entschlossen, so ist in der alljährlich verfassten Chronik von Fritz Klasterer zu lesen. Mit Blick auf das Jahr 1974 spricht er von einem „schicksalsschweren Jahr für die Gemeinde Altdorf“, von einer von der Regierung aufgezwungenen Aufgabe der Selbstständigkeit der Gemeinde.
Ab 1. Januar 1975 Ortsteil von Ettenheim: In Altdorf war mit Beginn des Jahres 1975 nichts mehr so wie vorher. Fritz Klasterer war nun nicht mehr Bürgermeister, sondern Ortsvorsteher; die Gemeinderäte nannten sich nun Ortschaftsräte. Zu Gemeinderäten aus Altdorf im Ettenheimer Stadtrat bestimmte der Ortschaftsrat Alois Hauser, Josef Rauer, Wilhelm Bauer und Hans Bisser.
Bürgermeister Herbert König behielt seine wertschätzende Einstellung gegenüber den neuen Stadtteilen bei. Jeder Stadtteil sollte auch fortan seine Eigenart bewahren und sein Eigenleben im Rahmen des Ganzen fortführen können, so seine Sicht. Den Spruch „Altdorf bleibt Altdorf“ solle man ernst nehmen, so König. „Ettenheims damaliger Bürgermeister Herbert König wirkte sehr ausgleichend, ohne Benachteiligung der Ortsteile. Bei seinen Nachfolgern war das nicht anders“, betont Hans Hug, Altdorfs Ortsvorsteher von 1989 bis 2009 und erklärt: „Meine eigene Einstellung zur Gesamtstadt war in all den Jahren ebenso vertrauensvoll. Bei unseren Altdorfer Anliegen bauten wir auf ehrenamtliche Eigenleistungen und fanden dabei die volle Unterstützung der Einwohner, was wiederum auch vom Rathaus honoriert und unterstützt wurde.“
„Kurz ist der Schmerz, doch ewig währt die Freude“: Ob sich die Altdorfer seither auch mit dem Trost ihres Dichter-Beraters Friedrich Schiller anzufreunden vermögen, der in seiner „Jungfrau von Orléans“ formulierte: „Kurz ist der Schmerz, doch ewig währt die Freude“? Als Nicht-Altdorfer mag man sich die Beantwortung dieser Frage nicht anmaßen. Fritz Klasterer schrieb in seiner Chronik 1978: „Mit dem Jahr 1978, als viertem Jahr seit der Eingliederung, trat im kommunalpolitischen Bereich eine gewisse Beruhigung ein. Die Geburtswehen der Eingliederung mit all ihren Folgen sind einigermaßen verschmerzt, wenngleich die Nachwehen in manchen Fällen noch des Öfteren spürbar sein werden. Mehr und mehr setzt sich die alte Erkenntnis durch: Leben und leben lassen.“
Versöhnlicher Blick auf Eingemeindung
50 Jahre später: Auch wenn die Eingemeindung für Altdorf hart war, inzwischen hat man sich arrangiert: „Das Verhältnis zwischen Orts- und Stadtverwaltung sowie dem Stadtrat war von Vertrauen, guter Zusammenarbeit und dem Blick für die notwendigen Maßnahmen geprägt. Fällige Entscheidungen wurden sachlich erörtert und rational entschieden“, betont Michael Biehler, Altdorfs Ortsvorsteher von 2009 bis 2019. Was man als distanzierter Beobachter über viele, viele Jahre beobachten kann, ist ein freundlicher Umgang miteinander, der Blick auf das Gesamte in den politischen Gremien, ein wertvoller Fortbestand der kulturellen und sozialen Identität in allen Stadtteilen. Und fast beruhigt hört man die Altdorfer bei bestimmten Anlässen voller Inbrunst singen: „Altdorf, Altdorf, du hast’s mir angetan!“
Mit dem Abschied von der Unechten Teilortswahl nach 50 Jahren hat der Gemeinderat 2022 auch die letzten Formalitäten der damaligen Eingemeindung gelöscht. Bei der Eingemeindung wurde den einzelnen Ortsteilen ja ein Sitzanteil im wichtigsten Gremium der Stadt, je nach ihrer Einwohnerzahl, zugesichert. Für Altdorf waren das anfangs vier, später fünf Sitze. „Die Integration unseres Ortes in den politischen Belangen der Gesamtstadt ist längst erfolgt. Obwohl manchmal selbstständige Entscheidungen wünschenswert wären, ist der Zusammenschluss aus vielen Gründen richtig“, bilanziert Andreas Kremer, Altdorfs Ortsvorsteher von 2019 bis 2024. Das bestätigt auch Altdorfs aktuelle Ortsvorsteherin Manuela Steigert: „Die Befürchtung der Kritiker, dass durch die Eingemeindung lokale Traditionen verloren gehen könnten, hat sich nicht bestätigt. Vielmehr hat sie zur eigenen Identität, der Entstehung einer zusätzlichen gemeinsamen Identität der Gesamtgemeinde, geführt. Altdorf als größter Ortsteil kann stolz auf seinen Beitrag dazu sein.“
Großes Fest zu 50 Jahre Eingemeindung geplant
Im Mai wird gefeiert: In diesem Jahr darf man sich also zurecht über den 50. Geburtstag der Gesamtgemeinde Ettenheim freuen und ihn gemeinsam feiern – unter anderem mit einem großen Fest am 24. und 25. Mai.
Zahlen und Fakten
Altdorfs letzter Gemeinderat:
Reinhold Scholz, Amand Hunn, Ernst Bisser, Willi Bauer, Josef Rauer, Hans Bisser, Alois Hauser, Josef Oswald, Karl Leser und Ludwig Ette
Altdorfs erster Ortschaftsrat:
Hans Hug (SPD), Josef Rauer (FWG), Erich Biehler (CDU), Hans Bisser (FWG), Wolfgang Beck (FWG), Willi Bauer (CDU), Josef Nowak (CDU), Emma Anhorn (SPD), Ernst Bisser (FWG) und Rudolf Kölmel (CDU; Nachrücker für Karl Leser, der infolge eines Verwandtschaftsverhältnisses dem Rat nicht angehören durfte)
Die Einwohnerzahlen von Altdorf :
1975: 1 876 Einwohner; 2024: 2742 Einwohner