Wie sehen angehende Gymnasiallehrer ihre berufliche Zukunft? Wir haben mit einer Junglehrerin und einem Lehramtsstudenten aus Baden-Württemberg darüber gesprochen.
Die Schlagzeilen der vergangenen Monate könnten junge Menschen mit dem Berufswunsch Gymnasiallehrer verunsichert haben. In den kommenden Jahren werden weniger von ihnen benötigt als bisher. Der Grund: Das achtjährige Gymnasium wird in Baden-Württemberg flächendeckend auf das neunjährige Gymnasium umgestellt, beginnend mit den jetzigen fünften und sechsten Klassen. Wegen der Streckung der Schulzeit haben die betroffenen Schüler zunächst weniger Wochenstunden, weshalb es auch weniger Lehrkräfte braucht.
Deshalb warb Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) im Juli dafür, dass angehende Gymnasiallehrer vorübergehend ihre schulische Laufbahn an einer anderen Schulart beginnen – und nach drei Jahren zurück ans Gymnasium wechseln. Eine Nachricht, die offenbar viele angehende Lehrerinnen und Lehrer vor den Kopf stieß, die sich für diesen Beruf entschieden haben. Zumal einige jetzt schon die Erfahrung machen, dass sich die Jobsuche schwieriger gestaltet als gedacht.
Keine Chance auf eine unbefristete Stelle
Eine Gymnasiallehrerin aus Karlsruhe, sie möchte anonym bleiben, hat seit dem Abschluss ihres Referendariats 2023 immer als Vertretungslehrerin gearbeitet. Sie unterrichtet Französisch sowie Gemeinschaftskunde und hat auch die Zusatzqualifikation für Deutsch als Zweitsprache. Dreimal unternahm sie den Versuch, eine Planstelle zu bekommen, also eine unbefristete Stelle, die für eine Schule ausgeschrieben ist. Jedes Mal ohne Erfolg.
Betrachtet man diese Situation, könnte man den Vorschlag der Kultusministerin aber doch positiv bewerten: Gymnasiallehrerinnen und -lehrer, die womöglich keine Stelle an einem Gymnasium bekommen, hätten eine Option auf einen sicheren Job auf einer anderen Schulform, und diese aktuell vakanten Lehrerstellen könnten somit zügig besetzt werden.
Doch gerade angehende Gymnasiallehrer sehen womöglich im Wort Wechseloption eine Tücke. Eine Wechseloption ist nämlich keine Wechselgarantie. Und zahlreiche Junglehrer befürchteten, nicht mehr ans Gymnasium zu kommen, wenn sie erst einmal in einer anderen Schulform arbeiten. Das bedeutet für sie unter Umständen, dass sie ihre Fächer dauerhaft nicht mehr unterrichten können, wie beispielsweise Spanisch, oder keine Abiturprüfungen abnehmen werden. Einige Lehrer, wie etwa die ehemalige Stuttgarter Grundschulrektorin Annemarie Raab, vermuten, dass sich mehr junge Lehrerinnen und Lehrer für einen Wechsel entscheiden würden, wenn eine Rückkehrgarantie bestehen würde.
Ein weiterer Punkt ist die Vergütung: Nach Auskunft der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) zählen Lehrkräfte an Gymnasien, beruflichen Schulen und Realschulen zur Besoldungsgruppe A13, in der das Einstiegsgehalt 5301,23 beziehungsweise 5185,88 Euro an Realschulen beträgt. In die Besoldungsgruppe A12 fallen Lehrkräfte an Grundschulen und an Werkrealschulen mit Lehramt Hauptschule. Hier beträgt die monatliche Einstiegsalimentierung 4526,46 Euro. Die monatlichen Gehälter von angestellten Lehrkräften fallen niedriger aus. 4064,54 Euro erhalten Grundschullehrer, Gymnasialkräfte verdienen 4629,74 Euro.
Die Junglehrerin aus Karlsruhe hat mit Beginn des neuen Schuljahres nun an einer freien Schule angefangen, wo sie auch Abiturklassen in Französisch und Geschichte unterrichtet. Sie bemängelt zwar die „Intransparenz des Systems“ und die „fehlende Planbarkeit“. Dennoch betont sie, dass es für sie nach wie vor ein toller Beruf sei und es ihr immer lohnenswert und erfüllend erscheine, Jugendliche zu unterrichten. Insbesondere in einer Zeit, in der unter anderem Demokratiebildung, Medienkompetenz, Allgemeinbildung immer wichtiger würden. Nächstes Jahr wird sie einen erneuten Versuch starten, eine feste Stelle an einem staatlichen Gymnasium zu bekommen.
„Gehe mit größtem Optimismus an die Sache“
Ein 27-jähriger Lehramtsstudent in einer baden-württembergischen Unistadt, auch er möchte anonym bleiben, bereitet sich innerlich bereits auf sein Referendariat vor. Im Februar soll es starten. Auf die Frage, ob er das Lehramt immer noch als erstrebenswerten Beruf ansieht, zögert er keinen Augenblick: „Auf jeden Fall“, antwortet er. Auch auf die Frage hin, ob er sich denn Gedanken mache, wo er nach dem Referendariat unter Umständen arbeiten werde, ist seine Reaktion eindeutig: „Ich gehe nicht mit dem Gedanken ins Referendariat, dass ich in drei Jahren eventuell an einer Grundschule unterrichten werde, sondern gehe mit dem größten Optimismus an die Sache.“
Langfristig wünscht auch er sich, am Gymnasium zu unterrichten. Die Gründe: Einerseits seine Fächerkombination Französisch und Geschichte, andererseits sein Wunsch, Geschichte bilingual zu unterrichten, was einige Gymnasien im Portfolio führen. Zum anderen ist er der Überzeugung, dass die Ausbildung für das Grundschulamt einen höheren pädagogischen Anspruch erfüllt. „Fachlich kann man sich einarbeiten, aber der pädagogische Teil der Ausbildung fand bei mir in dieser Tiefe nicht statt.“
Vor Beginn des neuen Schuljahrs vermeldete die Kultusministerin positive Zahlen. Alle zur Besetzung ausgeschriebenen Stellen, 4660 an der Zahl, konnten bereits zum Schuljahresbeginn besetzt werden. Gleichzeitig warnte Schopper frisch ausgebildete Gymnasialkräfte vor taktischer Zurückhaltung bei ihrer Bewerbung und warb erneut für einen Einstieg auf anderen Schulformen, da an Gymnasien weniger Lehrkräfte eingestellt würden als in den Vorjahren.
Als Reaktion auf die 1440 unbesetzten Lehrerstellen, die jahrelang unbemerkt geblieben waren, hat das Kultusministerium auch neue Optionen für Gymnasialkräfte erarbeitet, um diese zu binden und an anderen Schulformen einsetzen zu können – und ein Abordnungskontingent von 300 Stellen für 2025 geschaffen. In diesem Zusammenhang fällt nun doch das Wort Rückkehranspruch: So sollen Lehrkräfte, die über das Abordnungskontingent an einer beruflichen Schule oder einer Grundschule eingesetzt werden nach vier Jahren einen Rückkehranspruch für das gymnasiale Lehramt erhalten, ist auf der Seite des Kultusministeriums zu lesen.