Die Störche harren auf dem Weilheimer Kirchturm bei eisigen Temperaturen aus. Das Bild ist einem Leser unserer Zeitung gelungen und entstand am 27. Dezember 2025: Gut zu sehen ist das Eis, das sich auf den Ästen gebildet hat. Foto: Peter Fischer

Zwei Störche trotzen den Minustemperaturen auf dem Kirchturm in Weilheim. Doch was passiert, wenn die ursprünglichen Bewohner zurückkehren?

Gerd Eberwein blickt am frühen Montagnachmittag hinauf zum leeren Storchennest auf dem Weilheimer Kirchturm. Vermutlich sind die beiden Vögel gerade auf Nahrungssuche, meint Eberwein, der vom Landkreis als ehrenamtlicher Storchenbetreuer bestellt ist.​

 

Die beiden Exemplare holten sich die Nahrung im Bereich Weiher Richtung Grosselfingen. Eberwein: „Dort sind sie fast täglich.“ Und er weiß zu berichten: „Sie fressen Tiefgefrorenes“, die Kälte vertreibt den Appetit auf Mäuse, Insekten und Kleingetier keineswegs.

Und das bei jedem Wetter, auch wenn die Temperaturen zweistellige Minusgrade erreichen. Die Kälte macht ihnen nichts, versichert der Storchenbetreuer. Das Foto eines Lesers zeigt wie die beiden Störche gar stoisch unerschrocken auf dem gefrorenen Nest sitzen.​

„Absprung verpasst“

​Eberwein erzählt, dass sich die Störche während einer Wärmeperiode im Oktober 2025 gefunden hatten. Zum Zeitpunkt, als die ursprünglichen Weilheimer Störche schon nach Süden aufgebrochen waren, haben sie sich sprichwörtlich ins gemachte Nest gesetzt. Eberwein vermutet, dass die beiden Exemplare ganz offensichtlich den „Absprung verpasst“ und die passende Zeit für den Flug nach Süden verfehlt haben. Zudem finden sie ja auch genug Nahrung in der Gegend.​

Müssten das nicht beste Voraussetzungen für Nachwuchs sein? Tja, das ist die Frage. Eberwein: „Das Geschlechtsteil kann man aus der Ferne nicht erkennen.“ Es ist derzeit also unklar, ob es sich um zwei Weibchen, zwei Männchen oder um ein Weibchen und ein Männchen handelt. Tatsächlich seien bei Störchen alle drei Kombinationen denkbar, berichtet Eberwein, aber auch bei Störchen ist die Begattung nur zwischen Männchen und Weibchen möglich.​

Spannend wird der Blick hinauf zum Kirchturm noch aus einem ganz anderen Grund: Schon für Mitte Februar bis Mitte März werden dort nämlich die ursprünglichen Weilheimer Störche erwartet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie ‚ihr‘ Nest wieder für sich beanspruchen – falls sie wieder in Weilheim ankommen. Eberwein: „Störche sind auf das Nest fixiert.“ Der Storchenexperte: „Es wird zu Kämpfen kommen“, denn die neuen Weilheimer Störche werden das von ihnen gestohlene Nest nicht ohne Weiteres räumen.​

„Störche sind rabiat“

​Eberwein warnt: „Die können sich bekriegen, bis einer tot ist. Das geht bis zum Hass.“ Anwohner sollten die Ohren offen halten: Die Störche klappern, was in diesem Fall als lautstarke Drohung zu verstehen ist. Denkbar sei darüber hinaus quasi alles, weiß Eberwein: Aufspießen mit dem spitzen Schnabel zum Beispiel, „Störche sind rabiat“.

Störche suchen sich Nahrung im Bereich Weiher Richtung Grosselfingen. Foto: Gerd Eberwein​

Damit nicht genug, denn die Störche sind nicht nur auf ihr Nest, sondern auch auf ihren Bereich fixiert. Das Paar, dem das Nest gehört, wird – davon ist auszugehen – auch die nächste Umgebung verteidigen. Aber, so erklärt Eberwein, wenn es ein weiteres Storchenpaar dennoch schafft, sich in direkter Umgebung niederzulassen, „brechen die Dämme“. Deshalb könnte es mutmaßlich möglich sein, dass die Anzahl der Störche in Weilheim größer sein könnte als heute.​

Vorausschauend hat bereits manch ein Weilheimer dafür die Voraussetzungen geschaffen. Eberwein berichtet von weiteren zwei Mitbürgern, die ein Storchennest auf dem Dach installiert haben und auch er selbst baut gerade eins auf. Allerdings gibt es ja noch das Nest in Rangendingen, weitere Ausweichmöglichkeiten sollen in Tübingen und Hirrlingen bestehen. Es könnte darüber hinaus möglich sein, dass die Störche auch in der weiteren Umgebung fündig werden.​

Nest seit 2017 wieder besetzt

Ein Storchenpaar hat um die drei Jungtiere pro Jahr. Wäre also jedes der Nester in Weilheim besetzt, hätte der Teilort ganz schön viele Neubürger. Diese treffen sich mit ihren gefiederten Kameraden zum Beispiel bei Engstlatt und bei Sickingen, weiß Eberwein. Dort seien in den vergangenen Jahren schon große Gruppen, bestehend aus mehreren Dutzend Tieren, gesichtet worden.​

Wie Eberwein sagt, war das Nest auf dem Kirchturm bis zum Ende der 1950er-Jahre kontinuierlich besetzt. Danach verwaiste es die nächsten Jahrzehnte, erstmals waren 2017 wieder Störche auf dem Kirchturm.