Eigentlich sollte dieses Jahr in Lörrach-Stetten kein einziger Maibaum gestellt werden. Aus Versicherungsgründen. Doch es kam anders. Ganz anders.
Wer am Donnerstagabend bei frühsommerlichem Wetter gemütlich durch Stetten schlenderte, der kam nicht weit. Spätestens an der Ecke Rathausgasse/Weiherweg war Schluss mit der geplanten Tour, denn am „Salamiplatz“ duftete es nach Herzhaftem. Und Freibier gab es obendrein. Auch die eine oder andere Currywurst mit Brot stillte hungrige Mäuler. Dies alles ausschließlich gegen eine freiwillige Spende ins „Säuli“ auf dem Tresen eines vom „Stroßefescht“ her bestens bekannten Wagens.
Feuerwehr kann Maibaum nicht mehr stellen
Kai Fiacsan hatte hier seinen Imbisswagen vor dem „Markgräfler Hof“ aufgestellt, und erste Gästetrauben scharten sich drumherum. Denn gleich sollte er kommen: der Maibaum. Der, den es dieses Jahr doch eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn vor wenigen Wochen habe sich herausgestellt, dass die Freiwillige Feuerwehr das Stellen des Baums aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr so ohne Weiteres übernehmen könne, wie vor Ort zu erfahren war.
„De Ofe“ besorgte den Ersatzbaum in Inzlingen
Kein Maibaum mehr also? Undenkbar. In Stetten mit dem ihm bis heute eigenen, vom Zupacken geprägten Dörfligeischt schon zweimal nicht. Deshalb nahmen die Stettemer das Heft kurzerhand selbst in die Hand, und ein paar Leute organisierten sich, wie es – siehe alljährlich beim Fasnachtsfeuer – dank des Zusammenhalts im Dorf einfach immer noch funktioniert.
Einer von ihnen: Christian „Ofe“ Ofenheusle. Der besorgte aus dem nahen Inzlingen einen kleinen, kahlen, aber dennoch geschmückten Ersatz-Maibaum und karrte ihn am Donnerstagabend unter tatkräftiger Mithilfe seiner „Stroßefeschtler“ heran. Doch ehe dieser Baum gestellt werden konnte, stießen plötzlich drei Überraschungsgäste dazu – mit eigenem Maibäumchen samt Kranz, Bändern und Blumenschmuck im Gepäck. Rasch war dieser Baum am Granitwürfel festgezurrt – und beide Gruppen verschmolzen miteinander.
Aktion wurde im Stillen vorbereitet
„Mir wänn mit dere Aktion zeige: Mir sin do! De Maibaum mueß witerläbe“, brachte Ideengeber Kai Fiacsan den Grund für die im Stillen vorbereitete und meist über Direktkontakte verbreitete „Guerilla-Maibaum-Aktion“ auf den Punkt.
„Mir wänn unsri Tradition ufrächterhalte. Also git’s hüt halt unsre eigne Maibaum – e alte, aber ’s git eine“, lachte Veit Biersack vom Stroßefescht-Verein, während die Gruppe der Festgäste auf mehrere Dutzend angewachsen war. Denn augenscheinlich hatte es sich inzwischen per „Stettemer Flurfunk“ herumgesprochen, „dass dört doch öbbis goht“.
Beispiel für gelebten Zusammenhalt
Diese harmonische, informelle Zusammenkunft entwickelte sich im Abendverlauf bei bestem Wetter, ebenso guter Stimmung und viel großem Hallo für manche Gäste übrigens zu einem regelrechten Wiedersehensfest. So war zum Beispiel ein Exil-Stettemer extra aus Kandern gekommen – und hatte gleich noch seine Partnerin aus Ulm im Schlepptau.
Auch am Fridolinheim steht erstmals ein Maibaum
Auch der Autor dieses Artikels hatte nicht nur ein Déjà-Vu. So traf er unter anderem einen Jugendfreund wieder, den er seit ungefähr 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Weiterfeiern im Kolpingkeller
Als die Dämmerung einsetzte, verlagerte sich das Maibaum-Feschtli langsam hinein in den nahen Kolpingkeller, wo parallel bereits ein weiterer Hock angelaufen war. Der aufmerksame Beobachter entdeckte auf dem Weg dorthin im Bereich vom „Adler-Fass“ alsbald „Maibaum Nummer drei“, für den unter anderem Helmut Bürgin gesorgt hat.
Und Stettens „Maibaum Nummer vier“? Der steht – eine echte Premiere – stramm wie eine Eins im Hof des Fridolinheims. Gestellt hat ihn Hausmeister Martin Schärtel, damit auch die Senioren gemeinsam feiern konnten – bei bester Stimmung samt Schlager-DJ am Mischpult, wie Schärtel begeistert berichtete.
Statt gar keinem Maibaum mehr also gleich derer (mindestens) vier? Man kann nur sagen: Typisch Stetten.