Mit gebrochenem Zeh und abgelegten Flügeln zeigte die Comedienne Helene Bockhorst im Burghof, wie tröstlich Humor sein kann, wenn er die eigenen Bruchstellen nicht versteckt.
Wenn der Auftrittsort zur Pointe wird: Ursprünglich sollte Helene Bockhorst am Donnerstag im Saal des Burghofs auftreten, wurde dann mangels Vorverkaufszahlen ins Foyer verlegt, nur um schließlich – als das Interesse doch noch anzog – wieder im Saal zu landen, wo sich rund 300 Zuschauer einfanden. Im vergangenen Jahr war sie tatsächlich im Foyer aufgetreten, im „Flur“, wie sie es während des Abends mehrfach nannte, ohne damals zu ahnen, dass dies gar nicht das „richtige“ Theater sei. Nun also der Saal – wobei sie mutmaßte, dass vermutlich auch dieser nicht der wichtigste sei und es dahinter einen noch größeren gebe, den sie vielleicht im kommenden Jahr bespielen werde.
Ein Auftritt zwischen Ernst und Witz
Die Hamburgerin und Wahl-Pfälzerin betrat die Bühne in einer Art Schmetterlingskostüm, dessen Stoffflügel sie gleich zu Beginn abnahm – eine Geste der Selbstentwaffnung, der viele weitere folgen sollten. Den Cowboystiefel am einen Fuß, den „Vorfußentlastungsschuh“ wegen eines gebrochenen Zehs am anderen, verharrte sie den gesamten Abend auf demselben Fleck, trug ihre Texte mit ruhiger Stimme vor, wirkte schüchtern, nahbar und fast schon exotisch in einem Genre, das vielfach von hyperaktiver Dauerbeschallung lebt. Bockhorsts entschleunigte Comedy dagegen vertraut auf den stillen Moment, auf die Reibung zwischen Ernst und Witz – und auf das Publikum, das bereit ist, beides auszuhalten.
Ohnehin nimmt Bockhorst aktuelle Entertainmentmoden kritisch unter die Lupe, etwa TikTok-Livestreams, in denen Menschen minutenlang zusehen, nur um zu erleben, wie ein Luftballon platzt. Die 38-Jährige setzt dem ihre ureigene Form der Unterhaltung entgegen – ohne Filter, ohne Maske. Angefangen bei einer eher mittelprächtigen Kindheit und Jugend – von den Kriegstraumata des Großvaters über sich hassende Eltern bis zu missratenen Beziehungen, für die sie sich immer eine neue Persönlichkeit habe ausdenken müssen – zieht sich ihr Blick auf die eigenen Bruchstellen konsequent durch den Abend. Auch ihre geringe Frustrationstoleranz ist Thema: Sie gebe sofort auf, wenn etwas nicht auf Anhieb klappe.
„Ich habe ein gewisses Talent dafür, mich nicht ganz so gut behandeln zu lassen“, sagt die frühere Journalistin, die seit 2017 als Stand-up-Künstlerin gefeiert wird. Sie habe auch ein gewisses Talent für Depressionen. Das ist der rote Faden eines Abends, der offen von Neurosen, Unsicherheiten und 13 Jahren Therapie erzählt. Therapie für das Publikum ist offenkundig ihr Programm – an vielen Stellen gehen Humor und Traurigkeit Hand in Hand.
Sie berichtet von ihrem neuen Hobby, dem Joggen, und von Durchfallattacken im Beisein von Denis Scheck und Gesine Schwan. Sie bewundere Leute, die sich gut vorbereiten können – etwa die 47 Personen, die schon im Juli ein Ticket für den Abend gekauft hatten, oder Menschen, die „Bananen als Snack essen“ und in ihrer kleinen Handtasche immer alles parat haben.
Die Bühnenkünstlerin tritt schonungslos ehrlich auf
Lörrach hat sie in den Abendstunden als „Stadt ohne Leute“ erlebt, was Anlass zu liebevollem Spott gibt: „Ihr habt hier das Beste aus zwei Welten: die Annehmlichkeiten einer Stadt, aber ohne die nervigen Menschen.“ Manches ist drastisch überspitzt, anderes schonungslos ehrlich – etwa die Geschichte ihrer Fehlgeburt. „Wenn dir so etwas passiert ist oder ein anderer Schicksalsschlag, denke daran, dass du nicht allein bist und dass es irgendwann leichter wird“, sagt sie zum Publikum. Sie wolle ihren Zuschauern Hoffnung mit auf den Heimweg geben.
Zwischen den Zeilen vermitteln ihre Pointen die Botschaft, dass es völlig okay ist, Probleme zu haben. Die Besucher nehmen sie dankbar an. Später verliest Helene Bockhorst Zettel, die das Publikum während der Pause beschriften durfte – persönliche Sorgen, kleine Bekenntnisse. Auf einem steht: „So wie du von dir erzählt hast, hast du mich an mich erinnert.“ Offenbar geht das vielen so.