Der Täter will auf fremde Stimmen gehört haben. Diese sollen ihm den Mord in Trossingen befohlen haben. Foto: Schulz

Tat möglicherweise sexuell motiviert. Zyste im Kopf könnte seelisches Gleichgewicht beeinflusst haben.

Trossingen/Kreis Rottweil - Es dreht sich erneut ausschließlich um ihn: den zur Tatzeit 25 Jahre alten Mann aus Russland. Wie war sein Verhalten vor der Tat? Warum hat er gerade diese Frau umgebracht? War sie lediglich eine Zufallsbekanntschaft? Wie ist sein Gesundheitszustand zu werten? War die Tat sexuell motiviert? Die Frage aller Fragen jedoch lautet: Wie kann der im Gerichtssaal so unscheinbar und schüchtern wirkende Mann, der nicht nur dem psychiatrischen Gutachter Charalabos Salabasidis zufolge aussieht, als könne er keiner Fliege etwas zu Leide tun, zu so einem brutalen Verbrechen, zu diesem Mord, imstande sein?

Antworten erhoffte sich die 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Rottweil in dem Sicherungsverfahren unter dem Vorsitz von Karlheinz Münzer am dritten Verhandlungstag von den ermittelnden Polizeibeamten und dem Rechtsmediziner Frank Wehner aus Tübingen.

Wehner führt in seinem Gutachten je zehn einzelne Stich- und Schnittverletzungen beim Opfer, der 45 Jahre alten Frau aus Trossingen, auf. Möglicherweise war einer der ersten Attacken bereits tödlich. Hierbei handelt es sich um einen Stich durch das Brustbein ins Herz.

Frau wehrt sich gegen die Messerattacken

Mit zwei Messern, die er aus der privaten Einrichtung mitgehen ließ, in der er seit drei Wochen zu Resozialisierungszwecken mehr oder weniger freiwillig untergebracht war, hat der Täter in den Abendstunden des 5. Septembers in Trossingen auf die ahnungs- und wehrlose Frau eingestochen. Er muss dabei sehr brutal vorgegangen sein, eine Messerspitze brach bei der mehrere Minuten dauernden Attacke auf dem Grundstück der Getöteten ab, die Klingen verbogen sich unter der Wucht der Handlung. Die derart Attackierte hat sich gewehrt, davon zeugen die Verletzungen an ihren Händen, so Wehner. Sie hat versucht, die Messerattacke abzuwehren. Ein bis zwei Minuten hat sie sich der Angriffe erwehren können, dann ist sie aufgrund der Wunden bewusstlos geworden, schließlich, nach höchsten fünf Minuten, ihren schweren Verletzungen erlegen, schätzt der Rechtsmediziner. Gestorben ist sie an massivem Blutverlust.

Selbst als die Frau am Boden lag, hat der Täter nicht aufgehört, sie zu malträtieren. Er brachte ihr massive Stich- und Schnittverletzungen an Hals und Kopf bei. Für den neben ihn sitzenden psychiatrischen Experten Chalabassidis sieht das so aus, als habe der Täter eine Art Overkill vollziehen wollen. Wehner, ansonsten mit solchen, über seinen Fachbereich hinausgehenden Erklärungsversuchen äußerst zurückhaltend, widerspricht nicht.

Zuvor hat Hauptkommissar Edgar Kramer, der die Ermittlungen leitete, berichtet, was der Beschuldigte in der Vernehmung ausgesagt hat. Demnach solle dieser Stimmen gehört und unter Halluzinationen gelitten haben, seitdem er in Moskau synthetische Drogen zu sich nahm. Die Stimmen sollen ihn zu der Tat aufgefordert haben: "Töte jemanden aus diesem Haus."

Die Mutter hat gegenüber den Beamten ausgeführt, ihr Sohn habe in Moskau ein sexuelles Verhältnis zu einer 42 Jahre alten drogenabhängigen Frau gehabt. Ihr soll er hörig gewesen sein. Gegenüber der Mutter soll er handgreiflich geworden sein, er solle ihr einmal an die Brust gefasst und ihr gegenüber ein sexuelles Bedürfnis geäußert haben.

Gut möglich, dass die Tat sexuell motiviert war. Dafür sprechen nach Angaben des ermittelnden Beamten, dass Gürtel und Hosenknopf der Getöteten geöffnet worden waren. Kramer geht davon aus, dass die Getötete ein Zufallsopfer war.

Unter Umständen leidet der Täter als Folge massiven Drogenkonsums an einer paranoiden Schizophrenie, ist schuldunfähig und wird in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Es kommt indes ein weiterer Aspekt hinzu. Bei Untersuchungen hat man festgestellt, dass sich im Kopf des Beschuldigten, im Temporallappen, eine Zyste gebildet hat. Nun soll ein Neurochirurg herausfinden, welche Auswirkungen das auf das seelische Gleichgewicht des Mannes hat. Der nächste Verhandlungstermin ist für den 4. März angesetzt.

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