Niedrigwasser am Bodensee: Am Untersee ist das Ufer ausgetrocknet, viele Boote liegen auf dem Trockenen. Foto: imago//Andreas Haas

Die Pegelstände am Bodensee sind so niedrig wie selten. Und dann sind da noch die Algen. „Der See hat sich komplett verändert“, sagt ein Bootsbesitzer. Was steckt dahinter – und ist die Situation tatsächlich so außergewöhnlich?

Fast könnte man meinen, es wäre Ebbe am Bodensee. Wo vor einiger Zeit noch Boote am Ufer im Wasser lagen, herrscht am Untersee nun Trockenheit, und Boote liegen auf Grund. „Der See hat sich komplett verändert“, sagt einer, dessen Segelboot in Radolfzell im Hafen liegt. Wegen des Niedrigwassers ist das Wasser von den Ufern zurückgetreten. Wer zuletzt an den heißen Tagen baden wollte, musste oft weite Wege über glitschige Steine in Kauf nehmen, um auch nur bis zum Bauchnabel ins Wasser zu kommen. „Das gleicht teilweise fast einer Wattwanderung“, sagt der Bootsbesitzer.

 

Wenig Regen und die Trockenheit der vergangenen Wochen, dazu schon wenig Schneefall im Winter: Der Bodensee hat Niedrigwasser. Am Pegel Konstanz lag der Pegel laut der Hochwasservorhersagezentrale am Freitag bei 307 Zentimetern – und damit rund 90 Zentimeter niedriger, als das für die Jahreszeit eigentlich üblich ist.

Der niedrigste seit 1980 gemessene Wasserstand lag am 15.  Februar 2006 aber mit 229 Zentimetern deutlich darunter, wie überhaupt im Winter das Sinken des Pegels unter 300 Zentimeter keine Seltenheit ist. Der Seespiegel befindet sich nun aber laut der Zentrale auf einem Niveau, das üblicherweise – also im langjährigen saisonalen Mittel – erst Anfang November erreicht wird. Von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) heißt es dazu, es sei „sehr außergewöhnlich“, dass bereits Mitte August eine so stark ausgeprägte Niedrigwasserlage im Land zu verzeichnen sei.

Viele Bootsbesitzer haben ihre Boote bereits aus dem Wasser geholt

Deutliche Auswirkungen hat die Situation zum Beispiel für Bootsbesitzer. Segelschulen machen früher zu als sonst im Jahr, die Saison auch für viele private Segler ist kürzer, normalerweise endet sie erst Ende September. „Ich habe mein Boot vor zwei Wochen umgelegt, weiter in den See rein“, sagt der Bootsbesitzer aus Radolfzell. Andere mussten ihre Boote bereits ganz aus dem Wasser holen. Denn die Plätze, die tiefer im Wasser sind, sind in den Häfen begehrt – und sehr begrenzt. Hafenmeister sprechen von einer Ausnahmesituation und von Enttäuschung bei vielen Bootsleuten.

Niedrigere Seespiegel – so wie in diesem Sommer – dürften Fachleuten zufolge zunehmend zur Regel werden. „Die Messreihen am Pegel Konstanz zeigen, dass der Wasserstand des Sees im Winter zunimmt und im Sommer geringer wird“, sagt Martin Grambow, Vorsitzender der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB). Der Trend dürfte sich fortsetzen, weil es im Winter wärmer wird und der Schneevorrat in den Alpen tendenziell abnimmt. Im Sommer werden zudem Hitze- und Dürreperioden häufiger. „Somit wird der Klimawandel die Entwicklung des Bodenseepegels und seine saisonalen Dynamiken weiter beeinflussen“, so der Bodensee-Experte.

Grünalgen breiten sich bei warmen Temperaturen stärker aus

Die vielen heißen Tage bringen eine weitere Veränderung mit sich. „Der Klimawandel lässt den See immer wärmer werden“, sagt Grambow. Laut der Gewässerschutzkommission für den Bodensee stiegen die Wassertemperaturen Anfang August bis auf 24,2 Grad – in der Seemitte. In geschützten Buchten sowie im flacheren Untersee können es bis zu vier Grad mehr sein.

Je länger und stärker sich der See im Sommer erwärmt, desto weniger Sauerstoff kann der See im Winterhalbjahr aufnehmen. Denn nur bei winterlichen Temperaturen kann das Wasser im Bodensee richtig zirkulieren und so auch tiefere Regionen im See mit Sauerstoff versorgen, wie die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg erklärt.

Ein wenig Regen ändert an der Situation kaum etwas

Warmes Wasser, der Eintrag von Nährstoffen über Flüsse und niedrige Pegelstände führen wiederum dazu, dass sich Algenteppiche stärker ausbreiten. Das Problem zeigt sich derzeit etwa vor Langenargen. Ein riesiger, grüner Algenteppich bedeckt dort das flache Wasser. Auch am Strandbad Eriskirch breiten sie sich aus, ebenso in einigen Hafenanlagen. Bedenklich für die menschliche Gesundheit sind die Algen nicht, so die LUBW. Weil sie an der Wasseroberfläche der Luft ausgesetzt sind, beginnen sie aber zu faulen – und stinken. Bei Konstanz wurden schon tote Aale und Äschen angetrieben, die sehr warmes Wasser schlecht vertragen.

Noch bis an diesem Samstag kommt es in Baden-Württemberg immer wieder vereinzelt zu Regen. Laut der LUBW führt der in den betroffenen Gewässern zwar vorübergehend zu Wasserstandanstiegen – am Bodensee könnte ein kurzfristiger Anstieg von zehn bis 20 Zentimetern erfolgen. Eine nachhaltige Entspannung der Niedrigwasserlage sei aber „weiterhin nicht in Sicht“.

Schifffahrt am Bodensee normalisiert sich

Anlegestellen
 Aufgrund des Regens während der vergangenen Tage kann die Bodenseeschifffahrt von diesem Samstag an wieder alle Anlegestellen anfahren, mit Ausnahme von Bad Schachen. Zuletzt war das insbesondere am Untersee nicht mehr überall möglich. Teilweise gibt es allerdings weiterhin Einschränkungen für Rollstuhlfahrer.

Niedrigstände
 Im Winter fahren die Ausflugsschiffe nicht, deshalb seien die dann häufig noch niedrigeren Wasserstände für die Bodenseeschifffahrt nicht von Belang, teilt der Sprecher Christopher Pape mit. Die Autofähren Friedrichshafen–Romanshorn und Meersburg–Konstanz haben tiefe Fahrrinnen. Sie verkehren auch im Winter. (fal)