Die Chrysanthemen bringen Lahr zum Erblühen – aber um welchen Preis? Foto: Schabel

Weil das Budget für die Blumenschau nicht ausreichte, hat die Lahrer Stadtverwaltung getrickst – und zusätzlich benötigte Gelder an anderer Stelle im Haushalt verbucht.

Die ersten Tage der diesjährigen Chrysanthema dürften die Macher zufriedenstellen: Tausende Besucher flanieren durch die Innenstadt, erfreuen sich wie jedes Jahr im Herbst an den zahlreichen fantasievollen und kreativen Blumenbeeten. Im Hintergrund jedoch ziehen dunkle Wolken über der Lahrer Aushänge-Veranstaltung auf. Interner Schriftverkehr offenbart, dass bei der Abrechnung in der Vergangenheit wie aktuell nicht alles sauber lief – im Gegenteil.

 

Es war ein einschneidender Beschluss, den der Lahrer Gemeinderat im Mai 2022 fasste: Ab diesem Jahr wurde die Dauer der Chrysanthema von drei auf zwei Wochen gekürzt. Weil angesichts Inflation sowie steigender Lohn- und Produktionskosten die Fortentwicklung des Blumen- und Kulturfestivals dennoch gefährdet gewesen wäre, so die Verwaltung damals, erhöhte das Gremium das städtische Budget gleichzeitig von 330 000 auf 390 000 Euro.

OB Markus Ibert war in die Vorgänge involviert

Indes – obschon jedes Jahr weitere rund 200 000 Euro an Sponsorengeldern hinzukommen, reichte das Geld bereits ein Jahr später nicht mehr aus. Das geht aus rathausinternem Schriftverkehr hervor, der der LZ zugespielt wurde – und der offenbart, wie die Verwaltung auf fragwürdige Art und Weise zusätzliches Geld für die Chrysanthema bereitgestellt hat.

Als regulärer Blumenschmuck verbucht

Die Rekonstruktion der Geschehnisse legt nahe, dass der Beginn der mutmaßlichen Tricksereien im Frühjahr 2023 liegt. Zu diesem Zeitpunkt hat es ein Gespräch zwischen den für die Blumenschau hauptverantwortlichen Abteilungen Grün und Umwelt und Stadtmarketing gegeben. Der Gedanke, der im Anschluss schriftlich fixiert wurde: Mehrausgaben für die Chrysanthema, die im Bereich des Bau- und Gartenbetriebs (BGL) anfallen, werden „als regulärer saisonaler Blumenschmuck“ in der Innenstadt verbucht. Die Rede war zunächst von 50 000 Euro. Pikant: Involviert in diese Überlegungen war nicht nur die Kämmerei, sondern auch OB Markus Ibert.

2023 waren es 25 000 Euro

Im September 2023 beklagte der Rathauschef in einem Schreiben an die Leitung der Abteilung Grün und Umwelt, dass der Kostendruck auf die Chrysanthema immer größer werde, zumal „zwei maßgebliche Sponsoren“ angekündigt hätten, ihr Engagement für „das Flaggschiff der Stadt“ zu reduzieren. Deshalb, so Ibert, begrüße er die Idee, einen Teil der BGL-Aufwendungen über bestehende Haushaltsmittel der Kostenstelle „öffentliches Grün“ zu decken – und bat sogar um Prüfung, „inwieweit und in welcher Höhe“ dies bereits „ab diesem Jahr“ möglich wäre. Ergebnis laut einem späteren internen Vermerk: 2023 wurden 25 000 Euro abgerechnet. Wie zuvor besprochen. Und darüber hinaus: „Ein entsprechendes Vorgehen ist im Jahr 2024 vorgesehen.“

Verwaltung verwahrt sich vor Schmu-Vorwürfen

Die Stadtverwaltung wiegelte am Mittwoch auf Nachfrage ab – und verwahrte sich trotz der vorliegenden Schreiben vor Schmu-Vorwürfen: „In den Jahren 2023 und 2024 wurden keine weiteren Chrysanthema-Ausgaben deklariert und auch keine Mittel übertragen.“ Die 25 000 Euro aus dem Jahr 2023 stünden „in keinem direkten Zusammenhang mit der Chrysanthema“. Die Begründung: „Auch wenn es die Chrysanthema nicht gäbe, würden Kosten für saisonalen Blumenschmuck entstehen.“ So hätte es 2023 lediglich „eine tatsächliche Planabweichung von rund 2150 Euro“ gegeben. 2024 seien derweil Zusatzkosten in Höhe von knapp 34 800 Euro angefallen, räumt die Verwaltung ein.

Kämmerei schreibt alarmierende Mail

„Diese Mehraufwendungen liegen jeweils unter zehn Prozent des veranschlagten städtischen Kostenanteils“, heißt es aus dem Rathaus, das als Hauptursache gestiegene Lohn- und Materialkosten identifiziert hat. „Die Mehrkosten wurden durch andere BGL-Verrechnungsbudgets im Haushalt gedeckt.“ Die Genehmigung dieser überplanmäßigen Ausgaben sei „gemäß den vom Gemeinderat übertragenen, verwaltungsinternen Zuständigkeiten“ erfolgt.

Nicht minder brisant wird der Sachverhalt mit Blick auf die diesjährige Chrysanthema, die schon im Juli 2024 in den Fokus der Kämmerei rückte. Sie wies die Abteilung Grün und Umwelt damals in einer Mail darauf hin, dass die Haushaltsanmeldungen für die Blumenschau zu einer Etatüberschreitung um sage und schreibe 113 000 Euro führten. Obschon die städtische Finanzverwaltung anmerkte, dass der Zuschussbedarf von 390 000 Euro „keinesfalls überschritten werden“ dürfe, werde man den Betrag vorerst „unverändert“ übernehmen. Neben der Bitte um erneute Kostenprüfung verwies der Absender auf das frühere Vorgehen, „Teile vom saisonalen Blumenschmuck über das ,reguläre’ [...] Budget zu veranschlagen, und so die Chrysanthema zu ,entlasten’“.

2025 soll Budget eingehalten worden sein

Hat man 2025 also erneut auf den „bewährten“ Trick zurückgegriffen? Wenn ja, in welcher Höhe wurden Mittel für die Blumenschau abgezweigt? Gar nicht, sagt die Verwaltung. „Der Haushaltsansatz des städtischen Kostenanteils für die Chrysanthema 2025 beträgt, wie in den Jahren zuvor, 390 000 Euro.“ Es sei nicht unüblich, dass „vorübergehend höhere Kostenansätze im Gespräch“ seien.

Die Geschichte

Ihre Anfänge nahm die Chrysanthema in Lahr im Jahr 1993, als erstmals öffentliche Gebäude mit Kaskadenchrysanthemen geschmückt wurden und die erste Schau in der Sulzberghalle stattfand. Der Erfolg führte 1998 zur ersten Freilandausstellung mit Kaskaden und Hunderten von Chrysanthemen in der Innenstadt. Das Event entwickelte sich in der Folge zu einem jährlichen Blumen- und Kulturfestival mit zahlreichen Veranstaltungen. Mittlerweile besuchen rund 400 000 Menschen jährlich die Lahrer Chrysanthema.