Wie in jedem Jahr überzeugt das Internationale Trickfilmfestival Stuttgart mit einer Vielzahl an Themen, Stilen, Techniken und Perspektiven. Am ersten Festivaltag wurden aber Arbeiten von Frauen besonders gewürdigt.
Ein riesiges, amorphes Wesen kauert in den viel zu engen Überresten seines Hauses. Mit dem Kopf ragt es schon in den Himmel, wo winzige, orange leuchtende Fische schwimmen. Mit einem Hechtsprung fliegt der Riese den Fischen entgegen, um mit ihnen zwischen den Sternen zu spielen. „World of Gra“ lautet der Titel des diesjährigen Trailers zum Internationalen Trickfilm-Festival (ITFS), das am Dienstagabend im Gloria-Kino mit zahlreichen Gästen auf der Bühne und voll besetzten Zuschauerreihen Eröffnung feierte.
Entworfen wurde der rund fünfzig Sekunden lange Clip von ehemaligen Studierenden des Ludwigsburger Animationsinstitutes, die mit Mucks Games eine eigene Firma zur Entwicklung von Computerspielen gegründet haben. Ohne das Festival sei Stuttgart nicht mehr zu denken, schwärmt Arne Braun, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bei der Begrüßung. Michael Kaiser, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, lobt den Trickfilm als wichtigen Wirtschaftsfaktor und die Landeshauptstadt zu Festivalzeiten gar als „Mittelpunkt der Animationswelt“.
Ehe als Martyrium
Diese rosige Perspektive kann man am Eröffnungsabend tatsächlich gewinnen angesichts der Filme von Kreativen aus unterschiedlichen Nationen, die in der ersten Filmrolle des Internationalen Wettbewerbs zum Thema „Leerstellen“ gezeigt werden. In Nienke Deutz’ „The Miracle“ reist eine alleinstehende Frau in ein Wellness-Hotel, wo sie von Paaren und schwangeren Frauen umzingelt ist. Neben der Einsamkeit ihrer Protagonistin thematisiert die niederländische Filmemacherin auch ästhetisch die Leerstelle, indem sie ihre Figuren mit gläserner Haut zeichnet. So schweben die Föten in den schwangeren Bäuchen frei in der Luft, und Möbel und Hintergründe bleiben durch die Körper hindurch sichtbar.
Gelungen ist auch Marta Monteiros Kurzfilm „Cold Soup“ über eine Frau, die sich nach langem Martyrium von ihrem prügelnden Ehemann befreit. Mit ihren umrisshaft gezeichneten Figuren vor Farbflächen und collagierten Interieurs löst Marta Monteiro die Erzählung ab vom Einzelschicksal und stellt Gewalt in der Ehe als soziales Phänomen dar. So schützt sie die individuelle Figur und ermöglicht gleichzeitig die unmittelbare Identifikation.
Die Sujets der Filme sind so vielseitig wie in jedem Jahr, trotzdem will das Kuratorenteam diesmal „strong women“ – „starke Frauen“ in den Mittelpunkt rücken, heißt es bei der Eröffnung. Als neues Leitungsteam halten Heike Mozer und Annegret Richter ein flammendes Plädoyer für die demokratische Gesellschaft in den aktuell krisenhaften Zeiten. Schaut man auf die Diversität der Themen, Stile, Techniken und Sprachen beim ITFS, erscheint die Welt der Animation intakt im Gegensatz zur realen Welt. Mit den Werken von Nienke Deutz, Marta Monteiro, dem Kurzfilm „Recordari“ von Carolina Cruz über eine Kindheit zur Zeit der Pinochet-Diktatur und Mathilde Bédouets bittersüßer Initiationserzählung „Summer 96“ präsentiert die erste Festivalrolle eine Mehrzahl von Werken weiblicher Regisseurinnen – wenngleich die Teams dahinter sowohl aus männlichen als auch aus weiblichen Mitgliedern bestehen.
Den Fokus auf weibliche Kreative setzen auch spezielle Programme, die am Mittwoch zu sehen waren. Eindrucksvoll und mit einer guten Portion schwarzem Humor präsentiert die slowenische, an der Kölner Kunsthochschule für Medien ausgebildete Filmemacherin Špela Čadež eigene Kurzfilme, die in rein analogen Verfahren zwischen 2004 und 2021 entstanden sind. Čadež hat zunächst mit Puppen im Stop-Motion-Verfahren gearbeitet, mittlerweile animiert sie lieber Zeichnungen.
Der Stop-Motion-Kurzfilm „Lovesick“ zum Beispiel erzählt von einem Mann, dem in einer Arztpraxis das zerrissene Herz mit Tackernadeln repariert wird, während einer Frau mit verdrehtem Kopf der Schädel gerade gerückt wird. Ihre frühen Filme zu sehen, sei schmerzhaft für sie, scherzt Čadež, wegen der Fehler. Dabei überzeugen alle Filme durch ihren Einfallsreichtum, ihre Akribie und Detailfülle.
Der gezeichnete Kurzfilm „Nighthawk“ über einen volltrunkenen Dachs, der Auto fährt, lebt von seiner makabren Atmosphäre. Um die Stimmung der Schlingerpartie im Film realitätsnah zu gestalten, sei sie mit ihren Animatoren selbst nachts ins Auto gestiegen – natürlich nüchtern. Besonders gut beobachtet wirken im Film die vorbeisausenden Lichter mit ihren Schlieren in der Dunkelheit. Wie schwierig es allerdings ist, ein solch aufwendiges Kunstwerk finanziert zu bekommen, erhellt ein Satz: Produzenten hätten ihr oft gesagt, man sei nicht interessiert an Animation, die sei zu langwierig, berichtet Čadež.
Starke Defa-Regisseurinnen
Gänzlich unbeschwert von wirtschaftlichen Faktoren arbeiteten hingegen die Künstler des DDR-Filmunternehmens Defa. Till Grahl, Leiter am Deutschen Institut für Animationsfilm in Dresden, stellt einige Arbeiten von Frauen vor, die zwischen 1956 und 1990 entstanden sind. Bei der Defa hätten zwar immer viele Frauen gearbeitet, berichtet Grahl, doch meistens seien sie mit langweiligen Arbeiten wie dem Kolorieren von Filmen beauftragt gewesen. Die etwa einstündige Filmrolle belegt, wie vielfältig die Filmsprache der wenigen Defa-Regisseurinnen damals schon war. Schade, dass deren Werke heute nur selten zu sehen sind.
Was das Trickfilmfestival noch bereithält
Wettbewerbe
Wer die Wettbewerbsfilme unter der Woche verpasst hat, kann die Kurzfilmrollen noch am Samstag und Sonntag sehen. Am Samstag, 27. 4., läuft um 10 Uhr die International Competition 1 zum Thema „Leerstellen“ im Gloria 1. Um 10.30 Uhr startet im Gloria 2 die Student Competition.
Interaktiv
Für angehende Trickfilmer ab 11 Jahren gibt es am 27. 4. im Treffpunkt Rotebühlplatz ab 10 Uhr die Trickfilmwerkstatt und im Haus der Katholischen Kirche ab 15 Uhr die interaktive Lesung „Was ist denn hier passiert“ mit Trickfilmen.
Open-Air
Am Samstag läuft ab 12 Uhr die Filmrolle „Football in Animation“, um 15 Uhr 30 der Disney-Spielfilm „Wish“. Reisehungrige bekommen Anregungen mit der Filmrolle „Greek Animation Travels“ ab 17.20 Uhr.
Abschluss
Am Sonntag gibt es u.a. noch das AniMovie „Robot Dreams“ um 17.30 Uhr im Cinema. Um 19 Uhr findet im Gloria 1 die Preisverleihung statt.