Kunterbunt, düster, schräg, nachdenklich: Beim Trickfilm-Festival in Stuttgart sind sämtliche Facetten zu sehen – hier ein kleiner Überblick. Klicken Sie sich durch! Foto: Trickfilmfestival

Das Stuttgarter Trickfilm-Festival zählt international zu den größten und zeigt rund um den Schlossplatz die wichtigsten Werke der Animationsbranche. Diesmal widmet es sich erstmals den Verbindungen von Trickfilmkunst und Videospielbranche.

Stuttgart Das Stuttgarter Trickfilm-Festival zählt international zu den größten und zeigt rund um den Schlossplatz die wichtigsten Werke der Animationsbranche. Diesmal widmet es sich erstmals den Verbindungen von Trickfilmkunst und Videospielbranche. -
Herr Lumpp, Herr Wegenast, der 3D-Computertrick dominiert in den Kinos – was wird aus der Vielfalt der Animationstechniken?
Wegenast: Im Kurzfilm bleibt sie erhalten, und auch beim animierten Kino-Langfilm gibt es immer wieder interessante Ausnahmen: Unser estnischer Wettbewerbsbeitrag „Lisa Limone and Maroc Orange“ ist stereoskopischer Puppentrick.
Lumpp : Mehr Sorgen bereiten uns die digitalen Vorführformate, die nach wie vor nicht weltweit genormt sind. Der Aufwand fürs Festival ist dadurch eher gestiegen – entgegen den Verheißungen der Industrie.
Stechen in diesem Wettbewerbs-Jahrgang bestimmte Themen heraus?
Wegenast: Es ist schwer, die Vielfalt auf einen Nenner zu bringen. Es gibt einige sehr persönliche Geschichten wie „Jorka“ von Michel Wesselius oder „Through the Hawthorn“ von Anna Benner, Pia Borg und Gemma Burditt. Düstere Filme wie der grandiose Stop Motion-Film „Canis“ und Lustiges halten sich die Waage.
Sind bestimmte Länder besonders stark vertreten?
Wegenast: Traditionelle Trickfilmländer wie Japan und Frankreich sind gut vertreten, aber diesmal haben auch die Niederlande und Russland spannende Beiträge im Internationalen Wettbewerb.
Wo steht Baden-Württemberg im internationalen Vergleich?
Lumpp: Hiesige Filmemacher sind beim Festival naturgemäß qualitativ und quantitativ stark vertreten. Das ist Ausdruck der seit den 1990er Jahren ausgebauten Ausbildungskapazitäten im Bereich Animation und visuelle Bearbeitung. Erfreulicherweise gibt es neben der Filmakademie eine Vielzahl weiterer herausragender Ausbildungsstätten im Land, die das Festival gerne als Schaufenster nutzen. In diesem Jahr haben wir erstmals die Hochschule Pforzheim und die Hochschule der Medien Stuttgart zu Schulpräsentationen eingeladen. Neben den Hochschulen reichen natürlich auch die zahlreichen Animationsstudios Beiträge ein.
Gastland ist Israel. Wie stark ist der Fokus der Filmemacher auf die Nahost-Problematik, wie sie in „Waltz With Bashir“ zu sehen war?
Wegenast: Ein Anliegen des Focus Israel war, deutlich zu machen, dass Animation in Israel weitaus mehr ist. Die Situation in Nahost spielt eine wichtige Rolle in den Filmen der israelischen Filmemacher, ist aber bei weitem nicht das einzige Thema. Filme von Michael Faust wie „Beton“ oder „The Heart of Amos Klein“ reflektieren die Situation in Nahost, sehen die Rolle ihres Heimatlandes aber durchaus auch kritisch.
Ein Schwerpunkt ist der Erste Weltkrieg. Wurden damals schon Trickfilme eingesetzt?
Wegenast: Während des Krieges gab es bereits animierte Propaganda, in Deutschland vor allem für sogenannte Kriegsanleihen. Der Werbefilm war noch in den Kinderschuhen, dementsprechend einfach und holzschnittartig sind die Filme dann auch.
Wie hat sich die Businessplattform Animation Production Day (APD) entwickelt, wo ist noch Potenzial?
Lumpp: Der APD ist zur zentral wichtigen Businessplattform der Animationsbranche in Deutschland gewachsen. In vorab geplanten und gezielt vorbereiteten Meetings sprechen Produzenten und Sendervertreter über Animationsprojekte und bringen sie sehr häufig konkret voran. 2014 werden 34 Projekte mit einem Produktionsvolumen von rund 100 Millionen von rund 90 Teilnehmern erörtert. Trotz der erfolgreichen Entwicklung überprüfen wir auch dieses Format permanent und passen es an aktuelle Entwicklungen an. So stammen heute neben Spielfilm- und Serienformaten schon ein Drittel der Projekte aus den Bereichen Games und Transmedia.
Wie groß schätzen Sie den Umbruch in der Branche ein?
Lumpp: Die Branche hat eine strukturelle Änderung erlebt, die Fixierung der Animationsproduzenten auf Koproduktionen mit TV-Sendern hat an Bedeutung verloren. In Zukunft wird eine Vielzahl von Geschäftsmodellen zum Tragen kommen. Mit neuen Vertriebswegen wie dem Internet, mit Games und Apps ergeben sich für Animationsproduzenten neue, interessante Auswertungsebenen. Verbunden damit ist die Entwicklung neuer Erzählweisen, neuer Markenentwicklungen und bis dahin nicht für möglich gehaltener Synergien zwischen den Auswertungsstufen. Erfreulicherweise werden in qualitätsvollen Spielen und Internetanwendungen anspruchsvolle Animationen eingesetzt, zunehmend aber auch in Industrieanwendungen. Auf mittlere Sicht wird die Animationsbranche davon sehr profitieren. Die Abhängigkeit von den TV Sendern wird sich relativieren.
Die Gesellschafter des Trickfilm-Festivals haben die Mittel erhöht – wofür setzen Sie diese in erster Linie die ein?
Wegenast: Dank der Erhöhung können wir unseren Videospiel-Bereich deutlich ausbauen. Schon seit Jahren betonen wir, wie wichtig Games für das Festival sind, damit es zukunftsfähig bleibt. Zwischen Games und Animation gibt es viele interessante Schnittmengen – und durch die Games findet nun auf dem Festival eine ganz aktive Beteiligung des Publikums statt.
Wird auch auf der großen Open-Air-Leinwand gespielt? Und wenn ja: was?
Wegenast: Zwischen den Filmvorführungen fahren Festival-Besucher Rennen mit dem Videospiel „Sonic & All-Stars Racing Transformed“ – das gibt es in dieser Größenordnung nicht oft zu erleben.
Sie bespielen inzwischen fast den gesamten Schlossplatz – kommt 2015 noch der Ehrenhof dazu? Im Neuen Schloss selbst sind Sie diesmal ja schon mit der Verleihung des Drehbuchpreises . . .
Lumpp: Zunächst einmal freuen wir uns, dass wir mit den Schlossplatz mit beiden Alleen bespielen können. Da erfüllt sich eine vor Jahren entwickelte Vision. Und unsere räumliche Entwicklung ist ja immer mit einer inhaltlichen verbunden. Besonders erfreulich ist, dass wir von den begleitenden Fachbehörden unterstützt und gefördert werden. Da hat sich seit dem ersten Open-Air 2006 viel an gegenseitigem Vertrauen und Kooperation entwickelt. In den Weißen Saal wurden wir übrigens eingeladen, ohne fragen zu müssen . . .
Den Animations-Sprecher-Preis verleihen Sie im Renitenz-Theater, einer Kabarett-Bühne – wie passt das zusammen?
Wegenast: Sehr gut, insbesondere im animierten Kinofilm findet man viel Satire und Comedy. Von dort kommen Sprecher wie Oliver Welke, Oliver Kalkofe oder Rick Kavanian. Auch unsere diesjährigen Nominierten haben viele lustige Szenen, Josefine Preuß als Hauptfigur Mary Katherine in „Epic“, Ilja Richter als Mike in „Die Monster Uni“ und Anna Thalbach als „Das kleine Gespenst“. Natürlich nicht nur lustige, denn bei guten animierten Langfilmen verkörpern die Figuren viele Gefühlslagen von tieftraurig bis schräg-satirisch.
Lumpp: Wir können dem Preis jetzt eine seit langem angestrebte Plattform bieten. Wir freuen uns, dass die nominierten Sprecher bereit sind, sich an diesem Abend mit eigenen Beiträgen zu präsentieren. So etwas war im bisherigen Rahmen nicht möglich und wertet den Preis auf.