Die witzigen Trailer rund um die Ballon-Tiere können Sie sich bei uns als Video anschauen Foto: Trickfilm-Festival

Das Stuttgarter Trickfilm-Festival zählt zu den wichtigsten weltweit. Jahr für Jahr vermisst es die Grenzen des Machbaren neu – und widmet sich in diesem Jahr erstmals auch intensiver den Verbandelungen der Animationskünstler mit der Videospielbranche.

Stuttgart - Das Stuttgarter Trickfilm-Festival zählt zu den wichtigsten weltweit. Jahr für Jahr vermisst es die Grenzen des Machbaren neu – und widmet sich in diesem Jahr erstmals auch intensiver den Verbandelungen der Animationskünstler mit der Videospielbranche.

 

Herr Lumpp, Herr Wegenast, das Herzstück des Festivals ist der Internationale Kurzfilmwettbewerb. Was sind diesmal die Themen?
Wegenast: Gesellschaftspolitische Fragen wie Migration und der Turbokapitalismus und die Folgen, oft malerisch und poetisch gefasst. Es gibt aber nach wie vor surreale Welten und formale Experimente.
Lumpp: Deutlich weniger Filme zielen vor allem auf Lacher, viele suchen eine ganz ernsthafte Auseinandersetzung. 1994 hätten wir uns das gewünscht, als wir versucht haben, uns mit allzu vielen Lachnummern von Disney abgrenzen zu wollen.

Welche Animationsformen sind en vogue?
Wegenast: Die Diskussion hat sich erledigt, seit alles digitalisiert ist. Auch klassischer Stop-Motion-Trick wird heute im Rechner gemacht. Auffallend ist, dass der „Toy Story“-Look rar wird, auch beim Langfilm dominiert die eigenständige künstlerische Ästhetik. Umgekehrt diffundiert die Stereoskopie nun nach unten zum Kurzfilm, deshalb braucht man in Wettbewerbsrollen erstmals punktuell eine 3-D-Brille.

Die Berlinale hat eine Server-Farm, fast alles wird digital projiziert – wie ist das bei Ihnen?
Wegenast: 35 Millimeter verschwindet auch beim Kurzfilm, das aktuelle digitale Format ist DCP. Es bietet hohe Vorführqualität und läuft sehr stabil, allerdings gibt es keinen einheitlichen Standard. Früher hatten wir enorme Kosten für den Transport der Filmrollen und Zoll, heute geben wir dasselbe Geld für Anlagen und Techniker aus.
Lumpp: Ich habe vieles kommen und gehen sehen. Ob DVD, Beta oder CD-Rom – Begriffe, die heute keiner mehr versteht –, immer kamen sie mit der Verheißung der Vereinfachung. Das hat nie gestimmt, und auch bei DCP müssen wir alles doppelt prüfen, da hat sich nichts verändert.

Sie verlegen den Kinderfilm-Wettbewerb Tricks for Kids vom Metropol-Kino ins Mercedes-Museum. Das Einsteiger-Publikum wird also weder das Festival am Schlossplatz erleben noch die Kinosituation . . .
Lumpp: Als wir damit 2006 von der Volkshochschule ins Metropol gegangen sind, gab es auch Sorgen. Wir haben sie entkräftet durch Qualität. Das wollen wieder tun. Wir bauen ein Kino, die Projektion und der Zugang zu den Kindern müssen stimmen.
Wegenast: Wir haben immer gesagt, dass wir neue Formate entwickeln und neue Orte bespielen wollen. 2006 haben wir uns auf den Umzug an den Schlossplatz konzentriert. Dort ist jetzt alles etabliert, also wagen wir uns weiter hinaus . . .
Lumpp: Ich glaube auch nicht, dass das Kino dadurch Einsteiger verliert, sondern dass wir ihm sogar neues Publikum zuführen. Wir sehen das beim Open Air, das viele erst dazu inspiriert, ins Kino zu gehen.

Wie weit kommen Sie Sponsoren entgegen?
Lumpp: Wir wissen ganz genau, wo die Grenzen sind. Wir überlegen gemeinsam, wie beide Seiten profitieren können. In diesem Fall erreichen wir beide Besucher, die wir bisher nicht erreicht haben.
Wegenast: Unser Medienstandort lebt ja von Gestaltung, Technologie, Kreation. Im Mercedes-Museum führen wir Kreativbranche und technische Industrie zusammen. Diese Kooperation finanziert das Open Air, das wieder eintrittsfrei ist.

Wie steht das Festival beim Sponsoring da?
Lumpp: Wir decken dadurch weit über 50 Prozent des Gesamtbudgets, davon hätten wir 2006 nicht einmal geträumt. Das erreicht man nicht, weil man blaue Augen hat, da muss der andere etwas bekommen. Wir würden aber nie programmatische Kompromisse eingehen. Das Mercedes-Museum hat die Kooperation um drei Jahre verlängert, das gibt uns Planungssicherheit und Standing in einer Zeit, in der man sich sonst oft von Jahr zu Jahr hangelt.

Auf dem Schlossplatz bauen Sie ein Zelt auf, das sich dem Thema Games – Videospiele – widmet. Was können Besucher dort erleben?
Lumpp: Das Thema muss mehr bieten als Wii. Das ist die These. Und wir können erfahrbar machen, wie viel mehr.
Wegenast: Es wird Präsentationen geben, Workshops, eine digitale Schnitzeljagd rund um den Schlossplatz und natürlich aktuelle Spiele und Klassiker. Pädagogen und Game-Aktivisten sind vor Ort, und die Besucher können ausprobieren, wie es ist, selbst ein Spiel zu entwickeln.
Lumpp: Wir wollten das Thema viel früher anpacken, aber die Gesellschafter mitnehmen, um das seriös aufziehen zu können. Es geht ja nicht nur um Geld, sondern um die politische Weichenstellung. Jetzt können wir das in Ruhe entwickeln.

Wieso ist das Thema Spiele so wichtig für ein Trickfilm-Festival?
Wegenast: Viele Animationsfilmer arbeiten in der Games-Branche, diese Schnittstelle ist unser Alleinstellungsmerkmal. Games sind inspiriert von Independent-Animationsfilmen, „Little Big Planet“ etwa kommt visuell daher wie handgestrickter tschechischer Puppentrick. Ein Gast wie der Animationsfilmer Tobias Bilgeri hat 2012 mit dem Spiel „About Love, Hate and the other ones“ den deutschen Computerspielepreis gewonnen, die TV-Serie „Tom & das Erdbeermarmeladenbrot mit Honig“ ist als App besonders erfolgreich. Die Branchen rücken zusammen . . .

Beim Open Air auf dem Schlossplatz laufen große Filme – sind Disney, Pixar und Dreamworks auf dem Festival angekommen?
Wegenast: Mit diesen Filmen gewinnen wir Leute fürs Festival, indem wir sie vorher mit künstlerischen Kurzfilmen konfrontieren, die sie sonst nie zu sehen bekämen.
Lumpp: Die großen Studios sind heute alle weit weg von oberflächlicher Belustigung, sie haben etwas zu sagen. Das Festival ist ja gegründet worden als Gegenentwurf zu Disney, da gab es heftigste Debatten, was geht und was nicht. Das hat sich alles überholt.
Wegenast: Es gibt diese Trennlinie nicht mehr zwischen bösem Mainstream und guten Künstlern, sondern einen Austausch, einen Transfer. Leute wie Saschka Unseld, der in Ludwigsburg studiert hat und nun für Pixar den Kurzfilm „The Blue Umbrella“ machen durfte, stehen für diesen Wandel! Disney hat sich völlig neu aufgestellt. Sie haben verstanden, dass sie sich ändern mussten, um erfolgreich zu sein. Davor habe ich großen Respekt.

Wenig Bewegung gibt es auf dem deutschen Markt, Filme wie „Ritter Rost“ bleiben die Ausnahme. Das Festival begegnet dem mit dem Branchentreffen Animation Production Day (APD) – wie ist aktuell die Lage?
Lumpp: Die Angst beim Fernsehen ist groß, was Trick-Inhalte angeht. Viele sind noch in diesen Fünf-Minuten-Kika-Glücklich-mach-Nummer-Filmchen verhaftet, und man spürt, was für ein Druck in den Sendehäusern herrscht. Deshalb öffnen wir den APD für Spiele-Firmen und Web-Anbieter. Das kann den Sendervertretern zeigen: Es gibt ein Leben neben deiner Hierarchie.
Wegenast: Die Künstler müssen sich aus der einseitigen Abhängigkeit von Sendern lösen und andere Wege suchen, gerade das Netz mit seinen Videoportalen bietet heute ja unglaublich viele Möglichkeiten.
Lumpp: Beim baden-württembergischen Film versucht man, eine Produktionslandschaft aufzubauen, bei Games ist von selbst eine entstanden: Diese Branche hat inzwischen ein Vielfaches an Produktionsvolumen und Beschäftigung gegenüber der Medienproduktion, weil es ein Verteilungssystem gibt und einen Markt.
Wegenast: Wir haben gar nichts gegen öffentlich-rechtliche Sender, wir finden nur, sie könnten mehr aus ihren Möglichkeiten machen. Wir arbeiten auch mit öffentlichem Geld, deshalb können wir mit Formaten experimentieren, ins Risiko gehen. Und uns korrigieren, wenn wir danebenliegen. Was zum Glück selten vorkommt!