Empörung, Flucht und Bürgerrechte: Existenzielle Fragen und starke künstlerische Handschriften stehen im Zentrum vieler Preisträger-Filme des Jahrgangs 2022.
Stimmig bis ins Details ist die Animations-Welt des Chilenen Hugo Covarrubias. Porzellanköpfe, Puppenkleidung und und Küchenradio hat er in Handarbeit erschaffen für seinen Kurzfilm „Bestia“ – und nun den Grand Prix beim diesjährigen Stuttgarter Trickfilm-Festival gewonnen.
Nach immer gleichem Frühstücksritual foltert eine Frau mit fluffigem Hund in einem Keller Gefangene. Sie ist eine Schergin des chilenischen Diktators Augusto Pinochet, dessen Regime von 1973 bis 1990 währte. „Bestia“ zeigt die Normalität des Bösen in schockierend unaufgeregten Bildern, der Regisseur hat sich von einem realen Vorbild inspirieren lassen: Ingrid Olderöck, Tochter emigrierter Nazis und ab 1973 Geheimpolizistin.
Animiert lässt sich darstellen, was im Realfilm unerträglich wäre.
Animiert lässt sich darstellen, was im Realfilm unerträglich wäre – der Israeli Ari Folman hat als Pionier das Grauen des Libanon-Krieges abgebildet in „Waltz with Bashir“ (2008). Auch der dänische Regisseur Jonas Poher Rasmussen nutzt die Technik in seinem Dokumentarfilm „Flee“. Er zeigt Erinnerungen des Afghanen Amin Nawabi, dessen Familie vor den sowjetischen Invasoren floh – sinkende Flüchtlingsboote, in Fracht-Containern gefangene Menschen sind heute so aktuell wie damals. Dazu kommt ein persönliches Dilemma: Amin ist schwul („dafür gibt es in Afghanistan gar kein Wort“) und hat seinem dänischen Lebenspartner nicht die ganze Wahrheit gesagt. „Flee“ ist nun in Stuttgart als bester Langfilm ausgezeichnet worden.
Mehr denn je stand das Trickfilm-Festival 2022 im Zeichen existenzieller Themen. Die krisenhafte Gegenwart spiegelt sich in den Werken der Künstler – und wirkt auch aufs Festival selbst. „Die Leute sind zurückhaltend, nicht nur bei uns“, sagt der kaufmännische Geschäftsführer Dieter Krauß. „Die Branche war aber gut vertreten. Entscheidend ist: Wir sind wieder da und konnten ohne Beschränkungen spielen – ich bin optimistisch, was die Zukunft angeht.“
Das Festival möchte weiterhin auch online spielen
Die Zahlen der Kinos seien längst nicht auf dem Niveau von 2019, ergänzt Ulrich Wegenast, der künstlerische Geschäftsführer. Bis zu 20 Prozent der internationalen Gäste hätten gar nicht anreisen können. „Dafür wurde der Online-Bereich gut genutzt, gerade von Leuten aus Russland und China, die irgendwie noch am Diskurs teilnehmen wollen. Wir werden sicher hybrid weitermachen. Wichtig ist, dass wir ein starkes Programm bieten konnten. Die Kunst läuft ja in Krisenzeiten oft zur Hochform auf: Die Filmemacher haben etwas zu sagen, und sie tun es ästhetisch und poetisch.“
Was passieren kann, wenn Empörung überkocht, zeigt Ekin Koca exemplarisch in „L’immorale“: Ein Mann kollabiert in einem künstlerisch abstrahierten Zeichentrickrestaurant. Die anderen Gäste sind geschockt, nur einer isst seelenruhig weiter – und provoziert kollektiven Hass. Wie weit reicht das individuelle Recht auf Teilnahmslosigkeit, wo beginnt die Moral des Kollektivs? „Erst kommt das Fressen“, hat Bertolt Brecht einst geschrieben. Die universelle Studie zu menschlichen Überreaktionen bekommt zurecht den Lotte-Reiniger-Preis.
Was bleibt, wenn jemand geht?
Gefühlszustände einer Frau setzen die drei Italienerinnen Andrea Falzone, Maria Cristina Fiore, Veronica Martiradonna in Szene: Die Protagonistin in „Underwater Love“ konfrontiert ihre Dämonen, hat wilden Sex, heult hemmungslos – in minimalistischem Zeichentrick und aufgeladen mit viel „passione“. Dafür gab es den Studentenfilmpreis im Wettbewerb Young Animation.
Um Leben und Tod geht es im anrührenden Tricks for Kids-Gewinner „Die allerlangweiligste Oma der Welt“ von Damaris Zielke, Absolventin der Ludwigsburger Filmakademie. Eine im Gestern verhaftete Großmutter schläft auf dem Sofa ein, ihre wilde kleine Enkelin Greta stellt sich vor, sie wäre tot und inszeniert mit Spielzeugen eine Trauerfeier. Als die Oma aufwacht, ist sie zunächst entsetzt, spielt dann aber mit und bringt Greta ins Grübeln, was es bedeutet, wenn jemand geht – und was von Menschen bleibt.
Ein gehaltvoller Jahrgang
Das kindliche Publikum darf einen eigenen Favoriten wählen und hat sich für „Giuseppe“ von Isabelle Favez entschieden. In Legetrick-Anmutung tollt in ein kleiner Igel durch den Herbstwald und trifft seine Hasen-Freunde, die sich auf den Schnee freuen. Den möchte endlich auch Giuseppe und beschließt allen Warnungen seiner Eltern zum Trotz, den Winterschlaf ausfallen zu lassen – und erlebt ein kleines, kindgerechtes Abenteuer mit einer schrägen Biberin, einer hungrige Füchsin und einem schlafgestörten Bären.
Die Energiehunger-Farce „Varken“ hat den Trickstar Nature verdient, die Frauenrechts-Satire „The Soloists“ den FANtastischen Preis, den SWR-Publikumspreis die Dramödie „Bis zum letzten Tropfen“, die den Kampf gegen den Krebs mit lebensbejahendem Esprit bebildert.
Dieser Animations-Jahrgang ist ein gehaltvoller, er bestätigt die inhaltliche Ausrichtung des Trickfilm-Festivals. Die Aufgabe besteht darin, dafür weiterhin ein Publikum zu finden in Zeiten sich rasant wandelnder Mediennutzung.
Die Trickfilm-Preisträger
Grand Prix:
„Bestia“ von Hugo Covarrubias (Chile)
Lotte Reiniger Förderpreis:
„L’Immoral“ von Ekin Koca (Frankreich)
AniMovie:
„Flee“ von Jonas Poher Rasmussen (Dänemark)
Young Animation:
„Underwater Love“ von Andrea Falzone, Maria Cristina Fiore, Veronica Martiradonna (Italien)
Tricks for Kids:
„Die allerlangweiligste Oma auf der Welt“ von Damaris Zielke (Deutschland)
Tricks for Kids-Publikumspreis:
„Giuseppe“ von Isabelle Favez (Schweiz)
Trickstar Nature Award:
„Varken“ von Jorn Leeuwerink (Niederlande)
FANtastischer Preis:
„The Soloists“ von Celeste Jamneck, Feben Elias Woldehawariat, Mehrnaz Abdollahina, Razahk Issaka und Yi Liu (Frankreich)
SWR Publikumspreis:
„Bis zum letzten Tropfen“ von Simon Schnellmann (Deutschland)