Im Eröffnungsprogramm des Stuttgarter Trickfilm-Festivals verhandeln die Filmemacher die Apokalypse, Folter, die Energiekrise – und auch der Ukraine-Krieg wirft einen Schatten.
Hurra, die Welt geht unter: Der französische Animationsfilmer Suki hat das Stuttgarter Trickfilmfestival eröffnet mit „Mondo Domino“, einer Groteske in schrillem Zeichentrick und Neonfarben über die Hysterie der Gegenwart. Während eine fatale Kettenreaktion in Gang kommt, trällern die Protagonisten Ravels „Bolero“.
Holzfäller sägen Bäume ab für eine Modenschau, dort bricht Feuer aus, ein Sonderangebot verstärkt den Tumult, die Bereitschaftspolizei ist überfordert, Kampfjets demolieren den Eiffelturm. Irgendwann drücken fünf Präsidenten – der kleine Nordkoreaner ist absurderweise auch dabei – den roten Knopf. Einer der Bäume spielt noch eine letzte kleine Rolle, ehe das Licht der Menschheit erlischt. „Es ist ein verrückter Film für eine verrückte Welt“, sagt Suki auf der Bühne im Gloria 1. „Er handelt davon, was Menschen einander und dem Planeten antun.“ Besser kann man es nicht sagen. Und es wirkt befreiend, über den menschlichen Irrsinn schmunzeln zu dürfen.
Ein beklemmender ukrainischer Programmzusatz
Nicht komisch ist die russische Aggression in der Ukraine. Aus der Reihe zeigt das Festival „Souls of Ukraine“: bläulich-transparente Strichfiguren, Kinder, Frauen, Männer, verwehen vor feurigen Trümmern zu flüchtigen Schnipseln. Das Kinderkrankenhaus gegenüber seiner früheren Schule sei am zweiten Tag des Krieges getroffen worden, sagt Michael Magulis vom Studio Kapi aus Kiew im Gloria. Er hat sichtlich Mühe, die Fassung zu bewahren: „Wir müssen eine Botschaft senden“, ruft er, „russische Kultur ist Propaganda für den Krieg!“
Nachvollziehbarerweise hat sich die Festivalleitung ukrainischem Druck gebeugt und russische Beiträge gestrichen, aus dem Eröffnungsprogramm „The Conspiracy“ von Andrey Kuznetsov. Dieser adaptiert „The Pardoner’s Tale“, eine Episode aus den „Canterbury Tales“ (1387–1400) des englischen Dichters Geoffrey Chaucer über drei Männer, die den Tod um die Ecke bringen wollen und sich dann aus Missgunst gegenseitig ermorden. Der Russe Kuznetsov holt die Legetrick-Story fintenreich in die Covid-Gegenwart – anarchisch, satirisch, ohne erkennbare nationalistische Untertöne.
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Weiterhin im Programm ist die Ukrainerin Anna Dudko mit „The Deep“. Sie bebildert die Fantasien einer Meerjungfrau mit Rubens-Figur, die sich mittel magischer Blätter ins Bad eines nackten Menschen halluziniert und sich diesem sanft aufdrängt. Das wirkt doch etwas übergriffig, auch wenn das Opfer ein weißer Mann ist. Der Rausch der Protagonistin weist den künstlerischen Ausweg.
Das Kino ist anständig gefüllt, die Zahl der Besucher aber noch weit weg von Zeiten, in denen die Eröffnung wegen des großen Andrangs auch ins Gloria 2 projiziert wurde. Die nächsten Tage werden zeigen, wie sehr die Kinokrise aufs Festival durchschlägt. Auf dem Schlossplatz haben sich trotz nachmittäglicher Schauer einige Zuschauer bei „Ice Age 6“ eingefunden, auch gut vorbereitete mit Liegestühlen und Decken – käme ein lauer Frühlingsabend, könnte das noch werden.
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Im Gloria geht derweil ein Kurzfilmprogramm weiter, das es wirklich in sich hat, auch mit zwei deutschen Beiträgen in Schwarzweiß. „In seiner Gnade“ heißt ein Film in digitaler Holzschnitt-Anmutung von Christoph Büttner: Ein ziegenbärtiger Mann schleppt sich durch eine Albtraumvision, während er der Todeszelle zu entkommen versucht. Geheimpolizisten, Raben, Schweiß und Tränen: Das ist schwerer Stoff. Bewundernswerten Humor bewahrt Simon Schnellmann in „Bis zum letzten Tropfen“: Sein Protagonist, ein Strichmännchen, ringt nicht nur mit dem zum Leben erwachten Infusionsständer, der die Chemotherapie symbolisiert, sondern auch mit Gevatter Tod, der sich in kritischen Momenten als noch schlechtere Alternative in Erinnerung ruft. Das hat Witz und Schwung – das Leben geht eben doch weiter.
Tunesische Folterkeller, ungesunder Energiehunger
Oder nicht? Der tunesische Filmemacher Lotfi Achour erzählt in „Angle mort“ aus der Ich-Perspektive die Geschichte eines Mannes, der 1991 unter dem Ben-Ali-Regime als Islamist verhaftet, gefoltert und umgebracht wird. Jahrzehntelang belügen die Behörden die Familie, die Mutter schleppt Essen und Kleidung in das Gefängnis, in dem ihr Sohn angeblich sitzen soll. Erst 2018 kommt die Wahrheit ans Licht. Das ist schockierend selbst in Zeiten des Krieges. Achour erzählt kraftvoll zu schemenhaften, verfremdeten Realfilmbildern. Er erinnert an den arabischen Frühling, der 2010 in Tunis begann und Ben Ali hinwegfegte – seinen Geist aber offenbar nicht vollständig.
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Und das war’s noch nicht. Der Niederländer Jorn Leeuwerink zeigt in der grandiosen Zeichentrickgroteske „Varken“, wie Katze, Hund, Hase und Ziege Strom aus der Nase eines dicken schlafenden Schweins zapfen, das bald eine ganze Stadt versorgt. Das Schwein schrumpft, doch die Tiere wollen es nicht wahrhaben – zu abhängig sind sie. Die Stadt fällt in sich zusammen, auch hier in einer Kettenreaktion, die Bewohner kommen mit Blessuren davon. Gelernt haben sie nichts: In den Trümmern schläft ein riesiger Elefant, dessen Rüssel sich ebenfalls als Stromquelle erweist.
Der Trickfilm hält der Menschheit den Spiegel vor
Das Festival hat dem Publikum inhaltlich und ästhetisch gleich alles geboten – und alles abverlangt. Auch 2022 halten die Trickfilmer der Menschheit den Spiegel vor, wie es kaum eine andere Kunstform kann.
Animationsprogramm am 4. Mai
Festival
Das 29. Internationale Trickfilmfestival Stuttgart zeigt vom 3. bis zum 8. Mai animierte Kurz- und Langfilme aller Art und vergibt Preise in mehreren Wettbewerben. Es findet hybrid statt, also sowohl live in der Stuttgarter Innenstadt wie auch im Netz. Hauptspielorte sind das Innenstadtkino Gloria, wo die Eröffnung und die Preisverleihung stattfinden, sowie der Schlossplatz, auf dem bei freiem Eintritt Kurzfilme und Spielfilme gezeigt werden. Weitere Informationen und Tickets gibt es hier.
Programm am 4. Mai
Internationaler Wettbewerb 2: 21 Uhr im Gloria 1; Best of Animation 1: 17 Uhr, Gloria 1; Studiopräsentation: Wie der Netflix-Puppentrickfilm „The House gemacht wurde, 17.30, Cinema; Wonderwomen – Women in Animation, 19 Uhr, Hospitalhof; Open-Air-Spielfilm: „Have a nice Day“, 20.15, Schlossplatz; Kurzfilm-Premiere: „Mach dich stark – versteckte Helden“, 19 Uhr, Schlossplatz; Tricks for Kids 1: 14 Uhr, Rotebühltreff.