Julie möchte dazugehören, doch sie wird ausgegrenzt – der französische Puppentrickfilm „Precious“ hat in Stuttgart den Grand Prix gewonnen. Foto: ITFS

Verfolgung, Inklusion, Klimawandel: Harte Stoffe triumphieren bei der zweiten Online-Ausgabe des Trickfilm-Festivals Stuttgart. Viele Filmemacher präsentieren sie mit ungeschönter Dringlichkeit.

Stuttgart - Die pummlige Julie ist eine Außenseiterin, und der französische Animator Paul Mas bebildert das stark: Alle anderen Schüler wirken einförmig gesichtslos, nur Julie hat individuelle Züge. Als der autistische Emile in die Klasse kommt, gerät Julie in einen Konflikt. Sie könnte einen Freund finden, durch ihn aber noch weiter ins Abseits geraten. Also sich bekennen oder verleugnen? Die Schule reagiert auf Konflikte rational korrekt, holt die Kinder aber emotional nicht ab – und en passant wird klar, dass in Julies Elternhaus etwas nicht stimmt.

 

Mas hat beim Trickfilm-Festival Stuttgart den Grand Prix gewonnen. Seine Puppenanimation ist ausdrucksstark, seine Perspektive trist: Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die an der Inklusion scheitert und Kinder dazu anleitet, andere auszugrenzen.

Syrische Traumata

Überhaupt dominieren harte Stoffe. Der Syrer Jalal Maghout, gleich doppelt ausgezeichnet für „Have a nice Dog!“, hat eine fantastische, sehr beklemmende Albtraum-Sequenz gezeichnet, in der ein zutiefst kriegstraumatisierter junger Mann sich selbst verliert und im Meer gegen das Ertrinken kämpft. Irgendwann zerfetzt sein Hund symbolisch sein liebstes Spielzeug – die menschlichen Verwerfungen infizieren selbst treuste Tiere.

Ein französisches Team bebildert in „Migrants“ sehr plastisch Klima und Flucht: Das Eis schwindet, die Eisbären retten sich an Land, doch dort verteidigen Braunbären mit Zäunen und Waffen ihren futterreichen Wald. Sie treiben die Eindringlinge auf ein Boot und schicken sie zurück aufs offene Meer. Die Protagonisten, eine Eisbärenmutter mit Kind, sind fantastisch animierte Strickpuppen mit sehr nachvollziehbaren Regungen.

Das Selbstbild einer Magersüchtigen

Selbst beim Kinderfilm wird es existenziell, im 3-D-Animationsfilm „Roberto“ der Spanierin Carmen Córdoba González ist Magersucht das Thema. Ein Künstler ist verliebt in seine scheue Nachbarin, die er dazu bringt, ihr Selbstbild zu entlarven: Sie ist mitnichten übergewichtig. Um Prinzessinnen und Schönheitsideale geht es da, und die Jury, sechs Kinder zwischen elf und 13 Jahren, befindet: „Als Botschaft ist bei uns angekommen: Jeder Mensch ist schön, so wie er ist.“

Beim Spielfilm siegte der Oscar-nominierte „Wolfwalkers“. Der läuft exklusiv bei Apple+ und war beim Festival deshalb online gesperrt. „Im Kino hätten wir ihn zeigen dürfen“, sagt der Künstlerische Leiter Ulrich Wegenast. „Wir sind ja erst an Ostern umgeschwenkt. Wir werden später Festivalprogramme in die Kinos bringen und diesen Film dann nachreichen.“

Eine gebrochene Liebe zur Jungfrau Maria

Rund 20 000 zahlende Besucher hat das Festival gezählt, sechzig Prozent kamen aus der Region Stuttgart. „Damit sind wir sehr zufrieden“, sagt Dieter Krauß, der Kaufmännische Leiter. „Bei Panels merken wir aber, dass die Leute Online-Konferenz-müde sind“, sagt Wegenast. Auch wenn wieder live im Kino gespielt werden kann, müssen die beiden das Festival neu denken: „Die Online-Plattform wird bleiben“, sagt Wegenast, „die Leute werden nicht mehr so reisen wie früher. Wir müssen genau anschauen, wo wir was präsentieren – das wird sehr komplex.“

Bei der Preisverleihung bekam die Polin Julia Orlik eine besondere Erwähnung. Sie streift in ihrem Puppentrickfilm „I’m here“ anrührend alle Aspekte häuslicher Pflege, die Kamera verharrt auf der zu pflegenden alten Dame. Andreas Hykade, der Leiter des Ludwigsburger Animationsinstituts, setzte im Wettbewerb seine autobiografische Kurzfilmreihe im Fünfjahresabstand fort. In „Altötting“ erzählt er von seiner gebrochenen Liebe zur Jungfrau Maria, gewohnt drastisch und mit unverkennbarer Handschrift.

Komödiantisches sticht heraus

Zwischen all den Problemen und Dystopien stechen komödiantische Ansätze heraus. Der „Simpsons“-Regisseur David Silverman zeigt Ausschnitte aus seinem unveröffentlichten Spielfilm „Extinct“, in dem er mit wunderbarer Leichtigkeit erzählt – obwohl der Spielfilm vom Aussterben handelt. Im Jahr 1835 werden die Flummels, donutförmige Pelztiere mit Loch, Zeugen von Darwins Ankunft auf Galapagos. Zwei fallen in eine andere Dimension – nicht wie Alice ins Wunderland, sondern in die menschliche Gegenwart. Der Film in Pixar-Qualität ist seit über einem Jahr fertig und soll baldmöglichst in die Kinos kommen.

Silverman ist dem Stuttgarter Festival lange verbunden, oft schon zog er mit seinem Susaphon durch die Gloria-Passage und sorgte für Stimmung. Hoffnung auf 2022 hat zur Eröffnung einer gemacht, der in Sachen Corona eher restriktiv agiert: Ministerpräsident Winfried Kretschmann. In einem gewitzten Clip, zunächst im schnellen Vorlauf wartend, beginnt er davon zu träumen, wieder auf dem Schlossplatz zu sitzen, in Kinos, Theater und Museen zu gehen – und während er redet, fühlt es sich fast an, als wären wir schon da.

Das Filmprogramm des Trickfilm-Festivals ist noch bis zum 16. Mai auf der Festivalplattform abrufbar.

Ausgezeichnete Animationskünstler

Grand Prix (15 000 Euro): „Precious“ von Paul Mas (F 2020)

Lotte-Reiniger-Förderpreis (10 000 Euro): „Have a nice Dog!“ von Jalal Maghout (D/Syrien 2020)

FANtastischer Preis: „Cha“ von Gagndeep Kaliari (GB 2020)

Young Animation Award (2500 Euro):
„Have a nice Dog!“ von Jalal Maghout (D/Syrien 2020)

Trickstar Nature Award (7500 Euro): „Migrants“ von Hugo Caby, Zoé Devise, Antoine Dupriez, Aubin Kubiak, Lucas Lermytte (F 2020)

Tricks for Kids Award (4000 Euro): „Roberto“ von Carmen Córdoba González (E 2020)

AniMovie:
„Wolfwalkers“ von Tomm Moore und Ross Stewart (Irland 2020)

Deutscher Animationsdrehbuchpreis (2500 Euro): „Butterfly Tale“ von Heidi Foss und Lienne Sawatsky

Trickstar Business Award (7500 Euro): „Mitmalfilm UG“ (Uli Seis)

Animated Games Award (5000 Euro): „Endzone – A World apart“ (Gentlymad Studios, Stephan Wirth).