Der Nachbar überredet den schüchternen Titelhelden in „Little Allan“, ihm als UFO-Antenne zu assistieren. Foto: ITFS

Das Trickfilm-Festival spielt wieder live, doch die Macher Dieter Krauß und Uli Wegenast kämpfen wie viele andere Veranstalter mit den Problemen der Gegenwart.

Große Kulisse in den Innenstadtkinos und auf dem Schlossplatz: Das Trickfilm-Festival ist zurück. Doch die Pandemie wirkt nach, und Putins Angriffskrieg macht die Situation nicht einfacher.

 

Herr Krauß, Herr Wegenast, Sie hatten einen neuen Einreichrekord – ist der Trickfilm krisenresistent?

Wegenast: Die Filmemacher sind ja Einzelkämpfer, die konnten durchweg arbeiten. Nur bei den Hochschulen spürt man die Pandemie, die waren lange geschlossen und die Studenten entsprechend frustriert.

Was hat sich in den Coronajahren verändert?

Wegenast: Wir spüren die Folgen der Pandemie, die Ukraine-Krise, die Inflation. Die Kosten explodieren, technische Dienstleister haben um bis zu 25 Prozent erhöht. Mit der LED-Wand mussten wir warten, ob wir das Open Air auf dem Schlossplatz machen können. Als es so weit war, kostete sie 10 000 Euro mehr.

Trotzdem betreiben Sie einen Mehraufwand und spielen parallel online.

Krauß: Wir nutzen unsere Erfahrung aus den Coronajahren, um Leute mitzunehmen, die nicht anreisen können. Durch den Schlossplatz-Stream können wir jetzt auch die Festivalatmosphäre weltweit vermitteln.

Wegenast: Wir habe viele Anmeldungen von Leuten aus Russland und China, die jetzt internationale Trickfilme zu allen möglichen Themen sehen können.

Gleich zur Eröffnung zeigen Sie einen Kurzfilm zur Hysterie der Gegenwart und eine Satire zur Nachhaltigkeit . . .

Wegenast: Die kurze Animation eignet sich besonders dafür, komplexe universelle Themen überspitzt auf den Punkt zu bringen. Im Moment erleben wir allerdings, dass die Realität die Satire ein Stück weit überholt. Ökologie ist in der Animation seit den 70er Jahren ein Thema, wir haben dazu den eigenen Wettbewerb Trickstar Nature.

Sie müssen den Wegfall des Metropol-Kinos kompensieren. Wie gelingt das?

Wegenast: Die Organisation ist viel komplexer, und wir haben nicht mehr die kurzen Wege. Aber fast alles ist fußläufig erreichbar, Institut français, Haus der Wirtschaft, Delphi, Jugendhaus Mitte, Fitz, Breuninger.

Krauß: Indem wir flächendeckender präsent sind, beleben wir die Innenstadt. Wir geben aber auch deutlich mehr Geld für Räume aus.

Der Kinderfilmwettbewerb „Tricks for Kids“ läuft im Rotebühlbau und nicht mehr im Kino, an das das Festival ja eigentlich heranführen möchte . . .

Wegenast: Iris Loos von der Volkshochschule kuratiert diesen Wettbewerb seit vielen Jahren, er hat dort angefangen. 2023 wollen wir wieder ins Kino, vielleicht ergibt sich eine Kooperation mit den Arthaus-Kinos. Für uns ist zentral, dass die bestehenden Kinos erhalten bleiben. Das Metropol war schon ein Schlag. Ich hoffe, es kommt zurück mit einer Mischnutzung aus Live-Events und kuratiertem Kino, so wie das im alten Bahnhof in den 1920ern angefangen hat.

Der Ukraine-Krieg führt in der Kultur zu Verwerfungen – sind Sie betroffen?

Wegenast: Viele russische Animationsfilmer haben sich klar gegen Putin positioniert, sogar in einer Petition. Deren Filme würden wir gerne zeigen. Veränderung in Russland kann es nur geben, wenn wir kritische Stimmen unterstützen. Ukrainische Filmemacher fordern, dass wir alle russischen Beiträge streichen. Bei einigen haben wir das getan, sonst hätten Ukrainer zurückgezogen. Wir sind so diplomatisch wie möglich – aber wir sind nicht neutral, das kann man gar nicht sein.

Krauß: Für den Krieg ist eine Machtelite verantwortlich, und wir finden es problematisch, Künstler zu boykottieren, die sich mit ihrer Gesellschaft, ihren Umständen, der Politik auseinandersetzen.

Wegenast: Zum Teil wird gefordert, die russische Kultur auszulöschen und zum Beispiel keine russische Musik mehr zu spielen. Damit folgt man der Kriegslogik der Vernichtung. Die Ukraine muss bei allem Verständnis für ihre Lage aufpassen, dass sie keine Solidarität zerstört.

Wirken sich die Pandemie und der Ukraine-Krieg aufs Sponsoring aus?

Krauß: Wir sehen eine extreme Zurückhaltung, es sind Partner abgesprungen, mit denen wir fest gerechnet hatten. Das trifft im Moment viele Veranstalter. Die Ukraine-Krise hat die nach der Pandemie vorherrschende Unsicherheit noch verstärkt. Umso glücklicher sind wir, dass Breuninger kurzfristig drei Projekte im Dorotheen-Quartier mit uns macht.

Wegenast:Disney wollte eigentlich größer einsteigen, auch finanziell, hat sich dann aber dagegen entschieden.

Krauß: Wir starten immer mit einem Fehlbetrag von rund 50 Prozent, den wir mit Drittmitteln auffüllen müssen. Und wir müssen im Dezember entscheiden, ob wir das Festival durchführen. Wenn danach Partner kurzfristig abspringen, können wir das kaum kompensieren.

Wie geht es also weiter, wenn Sie, Herr Krauß, in diesem Sommer aufhören?

Krauß: Wenn einer von zwei Geschäftsführern geht, besteht die Chance, die Struktur für die Zukunft stabiler zu machen.

Wegenast: Man muss sich jetzt entscheiden: Wollen wir ein populäres Festival mit großer künstlerischer Bandbreite und inklusiver Zugänglichkeit? Ich stehe dazu, dass wir den Oscar-Gewinner „Encanto“ von Disney auf dem Schlossplatz zeigen und Werke des österreichischen Experimentalfilmers Kurt Kren auf 35 Millimeter im Delphi – das ist für mich ein zeitgemäßes Sowohl-als-auch und unsere Idee von „Expanded Animation“.

Das Festival und dessen Leiter

Ulrich Wegenast
 1966 geboren in Stuttgart, ist er 1987 ein Mitbegründer der Experimentalfilmgruppe Wand 5 und Mitinitiator des Filmwinters. 1993 bis 2005 wirkt er als Programmberater am Trickfilm-Festival Stuttgart mit, 2005 wird er dessen Künstlerischer Leiter. Seit 2012 ist er Honorarprofessor an der Filmuniversität Babelsberg.

Dieter Krauß
 1958 in Würzburg geboren, wächst er in Villingen-Schwenningen auf. Dort leitet er von 1977 bis 1999 das Kommunale Kino Guckloch. 1999 wechselt er zur MFG-Filmförderung nach Stuttgart. Seit 2017 ist er Kaufmännischer Geschäftsführer des Trickfilm-Festivals.

Trickfilm-Festival
 Das 29. Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart zeigt vom 3. bis zum 8. Mai animierte Kurz- und Langfilme aller Art und vergibt Preise in mehreren Wettbewerben. Es findet hybrid statt, also sowohl live in der Stuttgarter Innenstadt wie auch im Netz. Hauptspielorte sind das Innenstadtkino Gloria, wo die Eröffnung und die Preisverleihung stattfinden, sowie der Schlossplatz, auf dem bei freiem Eintritt Kurzfilme und Spielfilme wie Disneys „Encanto“ gezeigt werden. Weitere Informationen und Tickets gibt es im Netz unter: www.itfs.de.

FMX
 Bei der Fachkonferenz im Haus der Wirtschaft diskutieren vom 3. bis zum 6. Mai Experten aus aller Welt über die jüngste Technik, künstlerische und philosophische Aspekte im Zusammenhang mit der Gestaltung bewegter Bilder. Informationen und Pässe im Netz unter: www.fmx.de.