Eine schwierige Liebe: Ein Stacheltier mit Luftballon im Wettbewerbs-Kurzfilm „Pearl Diver“ von Margarethe Danielsen (Norwegen) Foto: ITFS

Die Crème des Animationsfilms kommt nach Stuttgart – wie im Vorjahr nur Online. Das Trickfilm-Festival bietet ein großes Programm und die digitale Variante sogar kleine Vorzüge.

Stuttgart - Der Fantasie der Animationsfilmer sind keine Grenzen gesetzt, sie können frei mit Figuren und Räumen spielen und entwerfen ganz eigene künstlerische Welten weit über Disney hinaus. Das Stuttgarter Trickfilmfestival zeigt, was der aktuelle Jahrgang zu bieten hat, in Pandemie-Zeiten erneut nur Online. Doch auch auf dem heimischen Monitor entfalten die unterschiedlichen Ästhetiken und Realitätswahrnehmungen ihre Magie.

 

Der eine Zeit lang in Stuttgart ansässige Gil Alkabetz („Rubicon“) zum Beispiel hat das Chanson „Good and Better“ der israelischen Sängerin Tova Gertner bebildert: Zur schwermütigen Musik und der universellen Frage, ob das Glas leer oder halb voll ist, wandeln sich im Takt wiegende Zeichentrick-Gestalten ihre Formen auf abenteuerlichste Weise. Da hat das Online-Format einen kleinen Vorzug: Anders als im Kino kann man diesen wunderbaren Film direkt noch mal anschauen. Und noch mal.

Das gesamte Programm für knapp 20 Euro

Ein Festivalpass für 19,90 Euro bietet Zugriff auf den Internationalen Kurzfilm-Wettbewerb, den Studentenwettbewerb, den Kinderfilmwettbewerb sowie das Rahmenprogramm, das sich unter anderem der Animationskunst im Gastland Frankreich widmet. Abstriche gibt es beim Langfilmwettbewerb: „Von acht Filmen haben wir immerhin fünf bekommen, das sind ja Deutschland-Premieren oder internationale Premieren“, sagt der künstlerische Festival-Leiter Ulrich Wegenast. „Die anderen haben Bedenken, obwohl es gute Player gibt, die man nicht einmal abfilmen kann.“ So wird etwa die Oscar-nominierte irische Produktion „Wolfwalkers“ wohl nicht zu sehen sein.

Dafür der Kinderzimmer-Look von „Tourist Trap“: Die Niederländerin Vera van Wolferen zeigt in ihrem Kurzfilm, wie immer neue Fähren Autos auf eine winzige Insel ausspucken, bis die exotischen Vögel husten und das Paradies ins Wanken gerät. Die Schweizerin Nina Bisiarina schickt einen überdimensionalen Luchs in die Stadt, wo er wie eine Katze mit Autos spielt. Die Menschen reagieren nicht etwa verängstigt: Alle zücken Handys oder starten Drohnen, um zu filmen. Am Puls der Zeit sind viele Filme, die Bandbreite reicht von dadaistischer Tieranimation („Pearl Diver“) bis zur Bebilderung dessen, was eine Augenzeugin beim Terroranschlag in Brüssel 2016 erlebt hat („Maalbeek“).

Der virtuell nachgebaute Schlossplatz als Treffpunkt

Präsentationen und Workshops werden aus den Kinos Gloria 1 und 2 gestreamt. Das englische Trickstudios Aardman („Shaun das Schaf“) stellt seine Stop Motion Academy vor, der „Simpsons“-Regisseur David Silverman seinen Animationsspielfilm „Extinct“ – darin geraten zwei Exemplare der ausgestorbenen Spezies der Flummels aus dem Jahr 1845 ins Schanghai von heute.

Die frei zugänglichen Kurz- und Spielfilme, sonst unter freiem Himmel auf dem Schlossplatz, sind täglich zwischen 14 und 22 Uhr abrufbar, entweder über die Festival-Website oder auf dem virtuell nachgebauten Schlossplatz. Dort kann man sich mit Freunden verabreden, die Filme anschauen und auch miteinander reden – in Gestalt eines Avatars. „Das ist besser, als sich gar nicht zu treffen“, findet Wegenast – „und es ist spielerischer, räumlicher und intuitiver als Zoom.“

Abstriche bei der Game Zone

Das Thema Spiele wird etwas schmaler ausfallen als sonst, die Game Zone im Kunstgebäude ist nicht vollständig zu ersetzen: „Was geht, bieten wir Online an, aber viele Spiele können wir nur vor Ort präsentieren“, sagt Wegenast. „Auch unseren Schwerpunkt ,Wonder Women‘ zu Frauen in Spielen mussten wir leider verschieben.“

Weil Trickfilm auch in Quarantäne produziert werden kann, verzeichnet das Festival einen neuen Einreichrekord. Bei der flankierenden Branchenplattform Animation Production Days werden 166 Teilnehmer aus 25 Ländern über 51 Animations-Projekte verhandeln – darunter Player wie Netflix, das ZDF, Disney, die BBC und Amazon.

Auch Stuttgart selbst wird diesmal zum Thema eines Kurzfilms. In Gottfried Mentors „Benztown“, produziert vom Stuttgarter Trickstudio Film Bilder („Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig“), rebelliert die gesamte Stadtlandschaft gegen einen Störfaktor: den Autoverkehr.

Trickfilm-Festival-Infos

Festival Das Trickfilm-Festival dauert offiziell vom 5. bis zum 9. Mai, das Programm ist aber Online abrufbar bis zum 16. Mai. Den Festivalpass fürs komplette Programm gibt es für 19,90 Euro unter www.itfs.de.

Programm Das Festival zeigt animierte Kurz-, Lang-, Studenten- und Kinderfilme aus aller Welt. Das detaillierte Programm gibt es im Netz unter www.itfs.de.

Eröffnung Das Festival wird am 4. Mai um 19 Uhr in einer Online-Konferenz eröffnet. Alexander Franke und Franziska Glaser moderieren, es gibt Highlights des aktuellen Programms 2021 zu sehen sowie Gewinnerfilme von 2020. Zu den Gästen zählt Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Preisverleihungen Der Zauberer Alexander Merk präsentiert am 8. Mai um 18 Uhr den Kinderfilmpreis Tricks for Kids. Am 9. Mai um 19 Uhr werden die anderen Preise vergeben. Alexander Franke und Franziska Glaser führen durch den Abend, zu Gast im Studio sind Staatssekretärin Petra Olschowski und Stuttgarts erster Bürgermeister Fabian Mayer