Betrügerbanden beschäftigen die Polizei Foto: dpa

Eine gutgläubige Stuttgarterin übergibt einer wildfremden Frau 100 000 Euro, eine Fellbacherin gibt 30 000 Euro. Kaum zu glauben, wie der Enkeltrick auch nach 15 Jahren noch funktioniert. Jetzt rollt eine neue Welle im Großraum Stuttgart, die es gar nicht geben dürfte.

Stuttgart - Für die betrügerische Anruferin war die 76-jährige Frau aus dem Stuttgarter Westen wie ein Hauptgewinn. Ihr Opfer hielt sie für eine gute Bekannte namens Helga und glaubte ihr auch, dass sie ganz dringend ein paar Zehntausend Euro für einen Wohnungskauf brauchen würde. Von sich aus bot das Opfer an, mit 100 000 Euro kurzfristig aushelfen zu können. Ganz ohne Bank, das Geld hatte sie zu Hause. Die angebliche Helga nutzte die Gelegenheit. Sie erklärte am Telefon, dass eine Notarsgehilfin das Geld bei ihr abholen werde. Die 76-Jährige übergab die 100 000 Euro an eine unbekannte Frau, 20 bis 30 Jahre alt, 1,60 Meter, zierlich, dunkle Haare. Und schöpfte erst einen Tag später Verdacht.

So teuer ist eine gutgläubige Hilfsbereitschaft schon lange nicht mehr bezahlt worden. Dabei gehören hohe Beträge zur üblichen Beute. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass ältere Leute so viel Geld zu Hause aufbewahren“, sagt Polizeisprecher Jens Lauer, „und das machen sich die Täter zunutze.“ Oft hebt das Opfer das Geld aber auch kurz vorher auf der Bank ab. Und nicht immer schöpfen Bankangestellte Verdacht.

Gerade schrillen vor allem im Großraum Stuttgart die Alarmglocken. Allein in Stuttgart hat es in diesem Jahr schon gut 30 Anrufe von Betrügern gegeben, die sich als Enkel oder sonstige Verwandte ausgeben. „Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Lauer. Dazu gibt es Fälle in Fellbach, Backnang, Schorndorf (Rems-Murr-Kreis), Ditzingen, Nürtingen, Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen), Geislingen, Bad Überkingen (Kreis Göppingen). Mal erbeuteten die Täter 30 000 Euro, mal 16 000 Euro. Dass die Betrüger meistens abblitzten, ließ sich so für sie leicht verschmerzen.

Dabei dürfte die jüngste Enkeltrick-Welle eigentlich gar nicht stattfinden. Im Mai vergangenen Jahres war der Hamburger Polizei ein großer Schlag gegen einen Familienclan einer ethnischen Minderheit gelungen, die ihren Sitz in Polen hat und als Erfinder des Enkeltricks gilt. Die Polizei hatte den 46-jährigen Clanchef, genannt Hoss, verhaftet und auch dessen 44-jährigen Bruder Adam dingfest gemacht. Letzterer ist auch in Stuttgart ein alter Bekannter für die Kriminalpolizei. Er war bereits im Jahr 2004 vom Stuttgarter Landgericht wegen Enkeltrick-Betrügereien zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Mit dem Schlag gegen den Clan waren nach Überzeugung der Polizei über 100 Fälle mit 1,5 Millionen Euro Schaden geklärt. Mitglieder des weit verzweigten Täternetzes landeten in Hamburg, Essen, Hannover und Berlin vor Gericht. In Essen wurden die Angeklagten inzwischen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Gericht war auch deshalb milde gestimmt, weil über einen Verband der ethnischen Minderheit 16 000 Euro an ein Opfer gezahlt worden waren. In Hamburg läuft der Prozess noch, weil er wegen des Todes des Vorsitzenden Richters ausgesetzt werden musste.

Der Schlag der Hamburger Polizei im Mai 2014 machte offenbar keinen Eindruck auf die Organisation. Denn im September und jetzt im Januar ließ das Polizeipräsidium Reutlingen ein Trio im Alter von 27, 30 und 32 Jahren auffliegen, das ebenfalls zum Netzwerk des Familienclans gehören soll. Bei der Durchsuchung der Wohnungen der Beschuldigten im hessischen Limburg und Frankfurt fanden die Ermittler unter anderem Schmuck im Wert von etwa 250 000 Euro. Die Hintermänner werden in Polen vermutet.

Dort scheinen die verhafteten Hauptverdächtigen, Hoss und Adam, wenig beeindruckt. Der Clanchef werde sich im Frühjahr in Polen vor Gericht verantworten müssen, heißt es, er sei derzeit auch nicht mehr in Untersuchungshaft. Auch sein Bruder soll noch immer aktiv sein. Ein schwacher Trost, dass es sonst im Land „deutlich ruhiger zugeht“, wie Horst Haug, Sprecher des baden-württembergischen Landeskriminalamts, feststellt.

Immerhin fallen nicht alle ausgesuchten Opfer herein. Als eine 78-jährige Mannheimerin für den angeblichen Sohn ihrer Nichte 3000 Euro locker machen sollte, wählte sie als Übergabeort für das Geld einen Polizeiposten aus. Der Ganove traute sich selbstverständlich nicht dorthin.

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