Carl Meissner (1850 bis 1944) gilt als Gründer der Meissner & Co. und zugleich als der Initiator zur Gründung der Elektrizitätsgesellschaft Triberg.Fotos: EGT Archiv Foto: Schwarzwälder Bote

Wirtschaft: Pioniere der EGT-Gründung waren herausragende Köpfe und Visionäre ihrer Zeit

Die EGT feiert dieses Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. In welchem Rahmen aufgrund der aktuellen Lage gefeiert werden kann, muss abgewartet werden. Auf jeden Fall erscheint Ende des Jahres eine große Firmenchronik. In dieser wird auch Interessantes über die Pioniere der EGT-Gründung stehen.

Triberg. "Energie der Veränderung" lautet der aktuelle Slogan der heuer 125 Jahre alten EGT. Visionen für Veränderungen prägen die Geschäftspolitik der EGT Unternehmensgruppe seit der ersten Stunde ihres Bestehens, so teilt das Unternehmen in einer Pressemitteilung zum Jubiläum mit. Kein Wunder, denn ihre Gründungsväter waren herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit, die teils Weltruhm erlangten. Sogar Richard und Cosima Wagner hatten Teil am Werden der EGT, heißt es.

Nachforschungen für die Jubiläums-Chronik der EGT ergeben zahlreiche Höhepunkte aus der Anfangszeit der Unternehmensgeschichte. Zu den EGT-Pioniertaten gehört die erste deutsche Straßenbeleuchtung, deren Strom mit Wasserkraft erzeugt wird, realisiert im Jahr 1884 in Triberg. Ebenso wurde hier 1888 eine der frühen deutschen Energiezentralen zur Versorgung einer Stadt mit Elektrizität – die erste in Baden – eingerichtet. 1889 zählt das Gleichstromwerk Triberg, das "Untere Werk am Wasserfall", zu insgesamt gerade erst 14 E-Werken in ganz Deutschland.

Weiter entstand 1892 in der Stadt am Wasserfall mit dem "Oberen Werk" das – nach Lauffen am Neckar – früheste deutsche Drehstromwerk. Hier war die EGT der einzige deutsche Stromversorger, der 1899 bei insgesamt 44 Wasserkraftwerken gleich zwei Wasserkraftwerke vorweisen konnte. Die Triberger Werke gehörten zudem zu den ältesten, die 1895 in der Nr. 33 des "Elektrotechnischen Anzeigers" aus Anlass einer statistischen Erhebung zur Situation der Stromversorgung in Deutschland aufgeführt wurden – dem damals führenden Fachblatt der Branche.

Die Pioniertaten hätten sich konsequenterweise ergeben, wenn man bedenkt, dass die an der Gründung der Elektrizitätsgesellschaft am 19. Mai 1896 in Triberg beteiligten Personen, herausragende Köpfe und Visionäre ihrer Zeit waren, wie die Recherche zur Firmenchronik ebenfalls zeigt.

Beleuchtung der Wagner-Aufführungen

Carl Meissner (1850 bis 1944) gilt als Gründer der Meissner & Co. und zugleich als der Initiator zur Gründung der Elektrizitätsgesellschaft Triberg. Als gelernter Ingenieur bieten sich ihm nach dem 1870er-Krieg etliche Gelegenheiten, sein großes Wissen als Beleuchtungsinspektor einzusetzen. Sie führen ihn vom Herzog von Coburg, über den Großherzog von Hessen bis zu Wagner nach Bayreuth, wo er die Beleuchtungsanlagen für das Opernhaus einrichtet.

Zwischen 1887 und 1892 leitet er als Direktor das AEG-Installationsbüro Frankfurt. Und auch nach seinem Abschied von der EGT erzielt er durch Erfindungen und Verbesserungen auf dem Gebiet des Acetylen-Gases beachtliche Erfolge.

Friedrich Kranich (1857 bis 1924) bringt als Schwager von Carl Meissner entsprechend Gründerkapital in die "Meissner & Co." und dann in die EGT ein. Als Obermaschinerieinspektor und Technischer Leiter des Festspielhauses von Richard Wagner hat er sich von der Grundsteinlegung des Festspielhauses an ununterbrochen und noch unter dem Operngiganten selbst um das Wagner‘sche Werk verdient gemacht.

Nach vielen Investitionen kommt der Erfolg

Kranich wohnt mit seiner Familie im Festspielhaus in Bayreuth und hat europaweit die bühnentechnische Hoheit bei Wagner-Aufführungen: Erst wenn Kranich das Bühnenbild und die technische Aufmachung der Aufführung freigibt, dürfen die Wagner-Opern gespielt werden. Seine Anteile an der Elektrizitätsgesellschaft Triberg veräußerte er 1908 und damit sechs Jahre nach Ausscheiden seines Schwagers Carl Meissner an den damaligen EGT-Geschäftsführer Adolf Wurster.

Die Brüder Friedrich und Wilhelm von Schoen sind Mitinhaber der Lederwerke Cornelius Heyl in Worms, die in der Spitze über 5000 Mitarbeiter beschäftigten. Sie lassen sich ihr Erbe in jungen Jahren auszahlen. Friedrich von Schoen (1849 bis 1941), Freund und Gönner von Richard Wagner, prägt besonders die Theater- und Kunstszene von München. Er widmet sich als Privatier der Förderung der Künste und der Elektrizitätsgesellschaft Triberg. Insbesondere für seine großzügige Spende an die Glyptothek, das früheste Münchner Museum, wird er am 10. März 1909 von Prinzregent Luitpold von Bayern in den erblichen Adelsstand erhoben.

Dass die Elektrizitätsgesell-schaft ihre an Dramatik und Spannung nicht zu überbietenden Gründerjahre übersteht und mit der Jahresrechnung 1905/06 nach Millionenverlusten erstmals einen Gewinn ausweist, ist maßgeblich sein Verdienst als Aufsichtsratsvorsitzender.

Sein Bruder Wilhelm von Schoen (1851 bis 1933) durchläuft eine militärische Laufbahn als Dragoneroffizier und tritt 1877 in den auswärtigen Dienst des Deutschen Kaiserreiches ein.

Während seiner diplomatischen Karriere bekleidet er Positionen als Botschaftsrat an der diplomatischen Vertretung der deutschen Regierung in Paris und wirkt als deutscher Gesandter in Kopenhagen (1900 bis 1905).

Darüber hinaus fungiert von Schoen als Hofrat des Fürsten von Sachsen-Coburg. Am 31. März 1905 begleitet von Schoen Kaiser Wilhelm II. bei seiner Landung in der marokkanischen Hafenstadt Tanger, die in der Marokkokrise mündet. Als durch das Attentat in Sarajevo der Erste Weltkrieg entfacht wird, ist es Wilhelm von Schoen, der am 3. August 1914 die Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich überreicht. Seit dem Jahr 1885 gehört er dem hessischen Adelsstand an und wird 1909 zum Freiherrn erhoben. Die EGT-Geschäfte überlässt er nahezu vollständig seinem Bruder, bringt sich aber wie Friedrich von Schoen in das Triberger Unternehmen finanziell stark ein.

Carl von Linde entwickelt Kältemaschinen

Carl von Linde (1842 bis 1934) zählt zu den bekanntesten deutschen Erfindern. Dass er zu den EGT-Gesellschaftern gehört, ist seiner Freundschaft mit Friedrich von Schoen zu verdanken.

1861 beginnt von Linde als Pfarrerssohn ein Studium am Polytechnikum Zürich. 1864 muss er es ohne Abschluss beenden, er wird nach der Teilnahme an einem Studentenprotest zwangsexmatrikuliert. Ab 1868 wirkt Linde als Professor an der Polytechnischen Schule in München. Von nun an beschäftigt er sich intensiv mit der Theorie der Kältemaschinen und lässt sich eine diesbezügliche Erfindung mit Ammoniak als Kühlmittel patentieren. Er gibt das Lehramt auf und gründet die "Gesellschaft für Linde‘s Eismaschinen", den heutigen Weltkonzern.

Visionärer Blick auf das Thema Elektrizität

Keine Geringeren als Richard und Cosima Wagner haben wohl dafür gesorgt, dass die EGT-Gründer zusammengefunden haben. Friedrich Kranich wirkt bei Wagner in Bayreuth als Technischer Direktor, sein Schwager Carl Meissner als Großherzoglicher Beleuchtungsinspektor. Gemeinsam sammeln sie zu Beginn der 1880er-Jahre bei Wagner-Aufführungen erste Erfahrungen mit der Elektrizität. Fasziniert von den großartigen Möglichkeiten dieser neuen Energie baut Carl Meissner über seine Tätigkeit im Schauspielhaus in Bayreuth eine Verbindung zur Deutschen Edison Gesellschaft auf, die ihn einstellt. Und in Bayreuth lernt er auch den finanzstarken Friedrich von Schoen kennen, seinen späteren Hauptinvestor in Triberg.

Bis heute besitzen Nachfahren der EGT-Gründer von Schoen Anteile an der EGT AG und sind Mitglied in Gremien des Unternehmens. "Gründungsgeschichten sind nicht nur spannend", so EGT- Vorstand Jens Buchholz "sie sind gleichzeitig lehrreiche Erfahrungsberichte. Schon unsere Gründer hatten gewaltige Herausforderungen zu bestehen und haben schwierige Zeiten gemeistert."

Rudolf Kastner, Aufsichtsratsvorsitzender und Anteilseigner der EGT AG ergänzt "ihre und unsere zielgerichteten unternehmerischen Ideen und eine gehörige Portion Durchhaltevermögen haben uns in 125 Jahren zu dem gemacht, was wir heute sind. Visionen begleiten unsere Firmengeschichte von der Anfangszeit bis heute."

Die EGT Unternehmensgruppe feiert 2021 Jubiläum. Die Serie "125 Jahre EGT" gibt den Lesern des Schwarzwälder Boten einen Einblick in die spannende Gründungsgeschichte mit interessanten, historischen Bildern. Alles begann 1896, als sich FriedrichWilhelm von Schoen, sein Bruder Wilhelm Eduard Freiherr von Schoen, Carl von Linde, Friedrich Kranich und Carl Meissner zusammentaten, um die noch neue Welt der Elektrizität zu erobern.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: