Steffen Guthier trainiert trotz einer unheilbaren Krankheit für einen Triathlon. „Sport ist die richtige Lösung“, sagt der Mann aus Hildrizhausen und hilft dabei noch Menschen in Not.
Stuttgart - Der Anruf erreicht Steffen Guthier mitten im Wald bei Hildrizhausen. Er ist mit seinen zwei Belgischen und Holländischen Schäferhunden unterwegs – in privater Mission, nicht beruflich, wo der Inhaber einer Sicherheitsfirma sie als Sprengstoffspürhunde einsetzt. „Ich laufe mit den beiden eineinhalb Stunden, es müssen derzeit keine 25 Kilometer sein“, sagt er. In diesen Coronazeiten geht es für den Hobby-Triathleten, der keinem Verein angehört, nur darum, seinen Fitnesslevel zu halten. Wettkämpfe gibt es ohnehin keine. Eigentlich hatte er sich für den vergangenen September die für viele härteste Sportherausforderung der Welt vorgenommen – in Podersdorf am See in der Nähe von Wien einen Triathlon über die Ironman-Distanz zu bewältigen: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen.
Schreckliche Diagnose 2016
Diese Königsdisziplin unter den Ausdauersportarten haben andere auch schon hinter sich gebracht, aber die allerwenigsten mit der Vorgeschichte von Steffen Guthier. Im März 2016 hat der gelernte Polizeibeamte die schreckliche Diagnose Mantelzell-Lymphom bekommen – eine bösartige Form von Lymphdrüsenkrebs. Bei dieser unheilbaren Krankheit sind die Abwehrzellen des Immunsystems betroffen – „der Körper kann sich nicht wehren. Man kann auch nichts rausschneiden oder bestrahlen“, erklärt Guthier.
Die einzige Behandlungsmöglichkeit war eine Chemotherapie über mehrere Monate hinweg. Zwischen den insgesamt sechs Zyklen versuchte er sich im Fitnessstudio oder mit Spaziergängen einigermaßen sportlich zu betätigen. „Oft war ich nicht in Lage, ein paar Meter zu gehen. Wenn doch, war ich nach einer halben Stunde fix und alle, schweißgebadet und erschöpft wie ein alter Mann. Ich war sprichwörtlich am Boden. Es war der Horror“, sagt der 52-Jährige beim Blick in den Rückspiegel.
Entschluss, sich zu wehren
Er kam ins Grübeln, durchlebte Tiefs: „Ich rauche nicht, ich saufe nicht. Warum erwischt es gerade mich?“, fragte er sich. Er sah zwei Möglichkeiten für sich: „Entweder ich sitze weinend auf dem Sofa und warte, bis der Krebs mich frisst, oder ich kämpfe und zeige dem Krebs den Stinkefinger.“ Dann beschloss er, sich zu wehren. Er entschied zu kämpfen. Für sich. Für seine Familie. Seine Frau und seine drei Kinder (10, 18, und 21 Jahre alt) gaben ihm Halt, beschleunigten seinen inneren Antrieb.
Steffen Guthier hat auch schon vor seiner Erkrankung viel Sport gemacht und seit 2007 immer wieder an Ausdauerwettkämpfen teilgenommen. „Ich war schon immer ein Kämpfer, ein Beißer“, sagt er und ergänzt: „Wenn der Körper nicht mehr kann, dann ist die mentale Einstellung entscheidend. Als Kettenraucher und Sofasportler hätte ich das Ganze nicht überstanden.“
Sport als richtige Lösung
So aber fasste er nach der Chemotherapie wieder neuen Mut und begann zu trainieren. Zwar treten Überlastungsreaktionen schneller auf und die Regeneration dauert erkennbar länger, aber für ihn steht zu 100 Prozent fest: „Sport ist die richtige Lösung.“ Verbunden mit der richtigen Ernährung. Er stellte auf vegane Kost um. „Das tut meinem Körper gut. Mir geht es hervorragend“, sagt der Mann aus Hildrizhausen.
Alles ist möglich
Was er den Menschen mit auf den Weg geben will? „Wir neigen doch dazu, Grenzen als unverrückbar zu akzeptieren“, meint er. Man könnte diese Grenzen aber auch aus den Angeln heben. Seine feste Überzeugung: „Das Einzige, was Berge zu versetzen mag, ist der Glaube an sich selbst.“ „Anything is possible“, alles ist möglich – diesen Spirit möchte er versprühen und damit auch Hoffnung wecken für Menschen in Krisensituationen.
Dankbar für Kleinigkeiten
Auch eine gewisse Demut bringt er ins Spiel: Steffen Guthier hat gelernt, mit weniger zufrieden zu sein. Irgendwie ist auch das eine Botschaft von ihm in diesen schwierigen Coronazeiten. „Wenn ich nicht ins Fitnessstudio kann, gehe ich eben an die frische Luft und bewege mich dort.“ Er ist dankbarer für Kleinigkeiten, jeden Moment nimmt er bewusst wahr und streicht auch heraus, wie froh er ist, in Deutschland medizinisch gut versorgt zu sein.
Laufen für den guten Zweck
Was der Geschichte von Steffen Guthier noch eine weitere besondere Note verleiht: Er kämpft mit seinem Sport nicht nur gegen den Krebs, er tut auch noch Gutes dabei. Er sammelt gemeinsam mit dem gemeinnützigen Verein Weisses Ballett im Rahmen des Projekts „lebenswert“ Geld für Menschen in Not. Er hat sich dabei schon in Tansania um die Sanierung eines Schuldachs gekümmert und Sachspenden wie Spielsachen für Kinder organisiert. Sein neuester Plan liegt wegen der Pandemie derzeit auf Eis: Jeder von ihm zurückgelegte Wettkampfkilometer soll mindestens einen Euro an Spenden generieren. Aus eigener Tasche will er zusätzlich pro Wettkampf-Kilometer einen weiteren Euro für die Spendenkasse beisteuern.
Bedürftige motivieren
Steffen Guthier möchte Bedürftige in schwierigen Lebenslagen motivieren, ihnen Hoffnung schenken, sie für Sport begeistern und auch noch etwas für den guten Zweck machen. Das ist seine Mission. „Ich habe noch so viel Lebensfreude und Energie in mir. Die will ich in der Zeit, die mir noch bleibt so gut es geht nutzen, um anderen zu helfen.“
Info
Informationen zum gemeinnützigen Verein Weisses Ballett gibt es unter www.weisses-ballet.de/lebenswert oder www.onelife-liveit.de im Internet. Auch auf Social-Media-Kanälen wie Instagram (https://www.instagram.com/onelife_liveit/) sind Steffen Guthier und das Projekt „lebenswert“ vertreten.